Samstag, 5. Januar 2013

Nightwatch - Nachtwache (1994)

Dass die Skandinavier gute Krimis und Thriller machen können, hat sich mittlerweile herumgesprochen. 1994 aber überraschte der dänische Genrebeitrag NIGHTWATCH - NACHTWACHE (Nattevagten) so ziemlich alle und entwickelte sich trotz schmalen Verleihs zum Kinohit. Die Zutaten: ein nächtliches Leichenschauhaus, ein Serienkiller und eine Gruppe von vier Freunden, deren Leben sich durch die mörderischen Ereignisse einschneidend verändert.

Nicolaj Coster-Waldau spielt den Studenten Martin, der einen Job als Nachtwächter in der Pathologie des Universitätskrankenhauses in Kopenhagen annimmt. Einer seiner Vorgänger soll mal Sex mit Leichen gehabt haben, aber auch sonst passieren merkwürdige Dinge in der Stille der Nacht. Der Alarm geht plötzlich los, mysteriöse Gestalten tauchen auf, und dazu treibt noch ein Killer sein Unwesen in der Stadt, der mit Martin ein Katz- und Mausspiel treibt. Bald wird Martin der Morde verdächtigt, und als wäre das noch nicht genug, muss er nebenbei noch diverse Mutproben bestehen, zu denen ihn sein bester Freund Jens (Kim Bodnia) herausfordert...

Regisseur Ole Bornedal hat sein Vorbild Hitchcock ausgiebig studiert und wendet hier in schauriger Atmosphäre die Techniken des Meisters brillant an. Bereits der anfängliche Rundgang durchs Leichenschauhaus erzeugt beim Zuschauer die nötige Gänsehaut, und danach spielt Bornedal mit den Emotionen des Publikums wie auf einer Klaviertastatur und erzeugt stets die beabsichtigte Wirkung, sei es Suspense, Grusel, Schock - oder Lacher, denn NIGHTWATCH ist nicht nur mörderisch spannend, sondern auch erstaunlich witzig. Wie der junge Martin da von Polizei, finsteren Ärzten und seinem besten Freund hinters Licht geführt und zu Tode geängstigt wird, das ist schon stellenweise extrem komisch. In dieser hintergründigen Mischung erinnert NIGHTWATCH nicht nur an Hitchcock, sondern auch an die besten Filme Polanskis - sowohl in der Auswahl der Sets als auch in kleinen, surrealen Details und Irritationen, die nie erklärt werden (wie einem Foto, das in Martins Büro hängt).
Gegen Ende wird der Thriller auch noch ziemlich blutig, so dass nicht nur Krimifreunde, sondern auch Horror-Fans auf ihre Kosten kommen.Mit einer Sex-Szene in der Leichenhalle bricht er außerdem noch Tabus und kann den Zuschauer immer wieder aufs Neue überraschen.

Aber NIGHTWATCH will noch mehr. Die Charaktere der jungen Protagonisten sind viel mehr als die Abziehbilder amerikanischer Slasherfilme, die lediglich als Kanonenfutter dienen. Sie sind voll entwickelte Figuren mit Geschichte und Persönlichkeit. Man sorgt sich um sie und wünscht ihnen nicht den Tod an den Hals. Neben der Krimihandlung erzählt Bornedal überzeugend von der Schwelle des Erwachsenwerdens,  die für die Männer schwieriger zu überschreiten ist als für die Frauen, die bereits zu verantwortungsvollen Menschen gereift sind (obwohl sie als solche durchaus noch unsicher sind), während die Jungs sich ihre Zeit mit kindischen Spielen vertreiben und Streiche spielen, die gelegentlich böse enden und von Mitleidlosigkeit gegenüber anderen geprägt sind.
Die Besetzung agiert dabei hervorragend. Hauptdarstellerin Sofie Gråbøl ist mittlerweile als "Kommissarin Lund" (die beste Krimi-Reihe der letzten zehn Jahre) eine eigene Größe im Genre, und der besondere Clou ist die Wahl von Ulf Pilgaard als Inspektor mit düsterem Geheimnis. Pilgaard war dänischen Zuschauern vor allem als Komödien-Darsteller bekannt. Die überraschenden Wendungen von NIGHTWATCH funktionierten für sie also noch besser als für uns.

Ja, da steckt viel drin in diesem kleinen, großen Thriller, weswegen ich ihn jedem nur ans Herz legen kann. Für mich ist NIGHTWATCH einer der besten Filme der 90er. Ole Bornedal durfte den Film in Hollywood gleich noch einmal inszenieren, allerdings mit deutlich schwächerem Ergebnis.

10/10

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