Sonntag, 20. Januar 2013

Ermordet am 16. Juli (1993)

Der amerikanische Serienkiller-Thriller ERMORDET AM 16. JULI (When the Bough Breaks) wandelt offensichtlich auf den Spuren von Jonathan Demmes Erfolgsfilm "Das Schweigen der Lämmer" (1991), kann aber mit dem großen Vorbild kaum mithalten, auch wenn er es beinahe schon verzweifelt versucht.

In Houston, Texas, werden sieben Paar abgetrennte Kinderhände in der Kanalisation gefunden. Der örtliche Polizeichef (Martin Sheen) bekommt bei den Ermittlungen Hilfe von einer jungen Psychologin (Ally Walker), die selbst unter traumatischen Kindheitserlebnissen leidet. Sie findet Zugang zu einem verschlossenen Jungen (Tara Subkoff), der seit 10 Jahren in der städtischen Psychiatrie sitzt und jedes Jahr zum 16. Juli Hände an die Wände seiner Zelle malt. Steht er im Zusammenhang mit den Opfern oder dem Killer?

Die Ähnlichkeiten mit den schweigenden Lämmern bestehen hier nicht nur in der allgemeinen Serienkiller- und Profiler-Thematik, die Anfang der 90er groß in Mode war, sondern Regisseur Michael Cohn stellt - nach seinem eigenen Drehbuch - ganze Sequenzen nach, wie etwa den ersten Gang der Psychologin durch die unheimliche Psychiatrie, bis hinunter in den Keller, wo der gestörte Junge in seiner Einzelzelle sitzt. Das ist dann schon so munter kopiert, dass man Schwierigkeiten hat, nicht an Hannibal Lecter zu denken. Das Drehbuch schert sich dabei wenig um Glaubwürdigkeit und ignoriert offensichtliche Fragen wie die, was das eigentlich für eine psychiatrische Anstalt sein soll, in der scheinbar keine Psychiater arbeiten und ein minderjähriger Junge wie ein Schwerverbrecher gehalten wird? Die Annäherung von Psychologin und Patient ist dennoch recht spannend erzählt.

Auch visuell kann ERMORDET AM 16. JULI dem Vorbild nicht das Wasser reichen. Er sieht eher wie ein TV Movie aus, ist aber immerhin hübsch düster gefilmt. Den Dauerregen vom Beginn hält der Film leider nicht konsequent durch, das hat dann David Fincher in "Se7en" (1995) erledigt. An den darstellerischen Leistungen gibt es nichts zu meckern. Martin Sheen ist immer gut, auch wenn er wie hier kaum Charakter erhält und die zweite Geige spielt. Ally Walker spielt die sensible Psychologin mit Problemen so überzeugend, dass sie sich für eine eigene TV-Serie empfahl, in der sie ebenfalls eine Profilerin porträtieren durfte, und das mit ziemlichem Erfolg. "Profiler" überlebte immerhin 4 Staffeln. Man glaubt ihr, dass sie auf eigene Faust recherchiert und sich am Ende des Films - wie Jodie Foster im Vorbild - in die Höhle des Löwen begibt, um ein entführtes Kind zu retten. An dieser Stelle kippt der Thriller ins Horror-Genre ab, ist aber tatsächlich kurz mörderisch spannend und serviert dazu einen echten Schocker, der unvorbereiteten Zuschauern einen Herzinfarkt bescheren kann.

ERMORDET AM 16. JULI gehört nicht zu den schlechtesten "Lämmer"-Nachziehern der 90er und ist mir sogar wegen seiner unaufgeregten Erzählweise und Bescheidenheit definitiv sympathischer als groß aufgeblähte Kopien wie "Denn zum Küssen sind sie da" (1997) oder "Der Knochenjäger" (1999). Gesehen haben muss man ihn aber nicht. Nette Unterhaltung mit einigen Logiklöchern und einem nervenzerrenden Finale.

07/10

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