Freitag, 18. Januar 2013

Eine pornographische Beziehung (1999)

Sie treffen sich immer Donnerstags, um ihre sexuellen Sehnsüchte auszuleben, ohne sich aber den Risiken einer Liebesbeziehung oder Partnerschaft auszusetzen. Sie haben keine Namen. Getroffen haben sie sich per Inserat, schon bei ihrer ersten Begegnung hat es für sie gestimmt. Doch kann man eine sexuelle Beziehung eingehen und die Gefühle draußen lassen?

Frédréric Fonteyne hat dieses kleine Kammerspiel mit den beiden grandiosen Schauspielern Nathalie Baye und Sergi López inszeniert und damit einen meiner Lieblingsfilme geschaffen. Zwei Menschen, zwei Gesichter und eine wunderbare, simple Filmidee - sowie die Frage, wo Liebe und Zuneigung eigentlich anfangen. Wann ist eine Beziehung eigentlich eine Beziehung? Wie entsteht Nähe, und was entspringt zwangsläufig aus ihr?

EINE PORNOGRAPHISCHE BEZIEHUNG (Une Liaison Pornographique) verführt den Zuschauer durch seinen Titel, ein erotisches Abenteuer zu erwarten. Das findet aber nur für die Charaktere statt, das Publikum wird diskret draußen gehalten. Wenn die Hotelzimmertür sich hinter den beiden schließt, können wir nur ahnen, was passiert. Schon bei ihrer ersten Begegnung aber funkt es, das spürt man deutlich, auch die beiden spüren das. Immer wieder ergeben sich Momente, in denen mehr möglich zu sein scheint als die auf Distanz gehaltenen Treffen, doch beide verweigern sich, mehr voneinander oder übereinander zu erfahren, sogar über sich selbst. Keiner von beiden glaubt mehr an die Liebe, keiner will verletzt werden. Die Absage an die Liebe ist bei beiden eine Lüge, und verletzt werden sie trotzdem.

Der Film zeigt beide in Interviewsituationen mit einem imaginären Off-Interviewer, in der sie über die zurückliegende Beziehung berichten. Beide schildern das Kennenlernen und das Verhältnis mit kleinen Unterschieden, manchmal erinnern sie sich falsch, haben Details ausgeblendet oder werden vom Film eines Besseren belehrt. Das ist ganz großes Schauspielkino, witzig, spannend und nie voyeuristisch. Nathalie Baye zuzuschauen, wie sie ihren Weg geht, ist aufregender (und plastischer) als 3-D-Kino. Sergi López ist ein echter Traummann. Am Ende ist man nicht viel schlauer über die Liebe oder das Leben. Die Charaktere auch nicht. Oft reichen Beobachtung und Miterleben völlig aus. Man ist traurig, dass die beiden, die doch so sehr füreinander bestimmt wirken, nicht über ihren Schatten springen können. Aber so war es abgemacht. Wenigstens bleibt ihnen das schmerzhafte Ende ihrer Liebe erspart. Oder auch nicht.

Filme über Versuche der Anonymität im erotischen Miteinander gibt es einige. Der berühmteste dürfte wohl "Der letzte Tango in Paris" (1972) sein, wo Marlon Brando und Maria Schneider es wild treiben, ohne sich näher zu kommen. Doch so wie Bertolucci Tabus bricht ("Reich mir mal die Butter!") und sein Publikum schockieren will, so leise und zurückhaltend ist Fonteyne.

EINE PORNOGRAPHISCHE BEZIEHUNG ist hierzulande nicht auf DVD erhältlich, er ist aber momentan auf ARTE in mehreren Wiederholungen zu sehen. Ich kann ihn jedem Cineasten nur ans Herz legen. Ein kleiner, großer Film, wie man so schön sagt. Sehr französisch und sehr intim. Da passt der Titel doch schon wieder.

10/10

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