Mittwoch, 30. Januar 2013

Eine Leiche zum Dessert (1976)

Was passiert, wenn die berühmtesten Detektive der Literaturgeschichte bei einem Wochenende in der Villa eines exzentrischen Millionärs aufeinander treffen, wo es neben Nebel aus der Maschine, unheimlichen Schreien, spinnwebenverhangenen Räumen und herabstürzenden Steinfiguren auch noch einen Mord um Mitternacht gibt, der aufgeklärt werden muss?

Das beantwortet der Film EINE LEICHE ZUM DESSERT (Murder by Death) von Robert Moore, in dem sich ein Top-Ensemble zum Dinner versammelt, welches jedes Filmherz höher schlagen lässt. Den Gastgeber Lionel Twain spielt Schriftsteller Truman Capote in einem seiner seltenen Leinwandauftritte, und die Stars Maggie Smith, David Niven, Peter Sellers, Peter Falk und Elsa Lanchester - um nur einige zu nennen - parodieren gut gelaunt ihre leicht abgewandelten Rollenvorbilder Charlie Chan, Miss Marple, Nick und Nora Charles, sowie Hercule Poirot und Sam Spade. Wer Sherlock Holmes vermisst, dem sei gesagt, dass dieser - dargestellt von Keith McConnell - ursprünglich am Ende des Films auftauchen sollte, wenn der 'Fall' bereits gelöst ist, doch die Szenen wurden vor der Premiere wieder entfernt, weil die Stars sich durch den Auftritt in den Hintergrund gedrängt fühlten (ach, die Eitelkeiten...).

Ansonsten aber beweisen sie alle jede Menge Humor und haben sichtlich Spaß an den Albernheiten des Drehbuchs, das eine findige Wendung nach der anderen serviert und im Finale so viele Mordtheorien präsentiert, dass man sich - selbst wenn man den Film mehrfach gesehen hat - nicht merken kann, wie nun eigentlich die Lösung des Falles aussieht. Damit macht sich EINE LEICHE ZUM DESSERT natürlich über die ausschweifenden Erklärungen und absurd-raffinierten Morde der Literaturvorlagen lustig, insbesondere die von Agatha Christie in den Poirot-Romanen. Doch auch die Detektive selbst bekommen ordentlich ihr Fett weg und werden entweder in ihren Marotten überzeichnet oder ins Gegenteil verkehrt.

So besteht Hercule Poirot/Milo Perrier (James Coco) zwar immer noch darauf, Belgier zu sein, ist aber ansonsten ein übergewichtiger, femininer Jammerlappen, der sich mehr ums Essen als um die Leiche beim Dessert sorgt und eine eindeutig-zweideutige Beziehung zu seinem muskulösen Chauffeur pflegt, während Charlie Chan/Inspektor Wang (Peter Sellers) sich vor allem durch schlechte Grammatik auszeichnet, die dem Gastgeber den letzten Nerv raubt - immerhin ist er Schriftsteller und scheint nichts mehr zu hassen, als wenn jemand den bestimmten Artikel nicht korrekt benutzt. Meine persönliche Lieblingsfigur ist - natürlich - Maggie Smith als wohlerzogen-manirierte Nora Charles/Dora Charleston, die sich zum Dinner in scharfe Fummel stürzt, zwischendurch einen Joint raucht und durch die vulgäre Redensweise der resoluten Miss Marple alias Jessica Marbles (Elsa Lanchester) angetörnt wird ("Ich steh' drauf, wie sie redet!"). Ebenso wunderbar ist Peter Falk als knallharter Noir-Detektiv mit dauergedemütigter Sekretärin/Geliebten (Eileen Brennan), der bei Aufträgen auch gern mal Frauenkleider trägt - angeblich nur Tarnung...

Abgerundet wird das Ensemble durch die herrlich blöden Auftritte von Alec Guiness als blindem Butler, der die größten Probleme hat, seiner taubstummen Köchin (Nancy Walker, bekannt als 'Tante Angela' aus den 'Golden Girls') Anweisungen fürs Dinner zu geben und später als nackte Leiche am Küchentisch sitzt.
Dass nicht immer alle Gags zünden, schmälert das Vergnügen überhaupt nicht, es ist allein schon eine Freude, diesen Komödianten bei der Arbeit zuzusehen. EINE LEICHE ZUM DESSERT gehört zu meinen Lieblingsfilmen, seit ich ihn als Kind im Fernsehen zum ersten Mal sah. Er landet regelmäßig im DVD-Player, wenn ich gute Laune brauche und bringt mich jedesmal wieder zum Lachen. Zeitlos witzig.

10/10


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