Sonntag, 13. Januar 2013

Blue Steel (1989)

Bevor Kathryn Bigelow sich anspruchsvolleren Stoffen mit Oscar-Chancen zuwandte, bewies sie Anfang der 90er, dass Frauen ebenso knallharte Thriller-Kost inszenieren können wie ihre männlichen Kollegen. Nach dem atmosphärischen Vampir-Western "Near Dark" (1987), der schnell zum Kultfilm wurde, drehte sie mit BLUE STEEL (Blue Steel) einen Film aus der seinerzeit gerade beliebten Reihe "Psychopathen machen anständigen Leuten das Leben schwer und müssen eliminiert werden", die von den genial-übergeschnappten Serienkillern à la "Schweigen der Lämmer" (1991) abgelöst wurde.

In BLUE STEEL spielt Jamie Lee Curtis eine toughe Polizistin, die gerade von der Polizeischule kommt und ihren ersten schweren Fehler begeht, als sie einen Ladendieb in bester "Dirty Harry"-Manier niederballert. Dessen Mega-Wumme landet vor den Füßen des Psychopathen Ron Silver, der tagsüber als Broker unterwegs ist und nachts unschuldige Menschen umbringt - und zwar mit der gefundenen Waffe, was Jamie Lee schnell in große Schwierigkeiten bringt. Der Killer aber findet Gefallen an der harten Polizistin und macht sich an sie heran. Als die aber ahnt, welchen Psycho sie sich da ins Bett geholt hat, schlägt Jamie Lee - mit den Nerven am Ende - ebenso brutal zurück...

BLUE STEEL geriet seinerzeit in die Kritik, weil Kathryn Bigelow hier ganz ungeniert einen Waffen- und Uniformen-Fetischismus zelebriert, der im Kino seinesgleichen sucht. Das hat man von einer Regisseurin nicht erwartet und ihr durchaus übel genommen. Optisch ist BLUE STEEL erlesen komponiert und in durchweg kaltem Blau fotografiert, ausufernde Schusswechsel werden natürlich in Zeitlupe abgefeiert, und die Kamera weidet sich an Abzeichen, Patronenhülsen, Schlag- und Schusswaffen. Auch der von Ron Silver gespielte Psychopath ist besessen von der erbeuteten Penisverlängerung (natürlich eine 44er Magnum Smith & Wesson) und ritzt sogar Jamie Lees Namen auf die Patronen, mit denen er tötet. Er ist der buchstäbliche Wolf im Schafspelz. Das Tier in ihm kommt zum Vorschein, wenn er sich nach ausgeführtem Mord auf dem Dach eines Wolkenkratzers nackig auszieht und mit dem Blut seiner Opfer beschmiert. Fehlt nur noch, dass er den Mond anheult. Der Vollbart wirkt da auch ganz passend. Interessant, dass der im Kino der 80er noch gefeierte Typ Yuppie gegen Ende des Jahrzehnts zum Feindbild erklärt wurde. Und haben wir es nicht immer gewusst, dass die schicken Anzugträger und Geldjongleure über Leichen gehen?

Silvers Gegenüber wird stark gespielt von Jamie Lee Curtis, die sehr verletzlich sein kann, die aber auch schon erfolgreich gegen entsprungene Klapsmühlenbewohner wie Michael Myers, Nebelgeister und andere Slasher gekämpft, sowie in "Prom Night" (1980) einen scharfen  Discofox aufs blinkende Parkett gelegt hat. Als aufrechte Amerikanerin mit Hang zu Ballermännern bekommt sie vom Film noch ein unbearbeitetes Trauma aus der Küchenpsychologie auf die Seele gestempelt, das erklären soll, warum ein so zartes Persönchen überhaupt zur Polizei geht (ihre Mutter wurde vom Vater misshandelt), aber schon allein wegen ihrer Darstellung lohnt sich der Film.

Das finale Shoot-Out zwischen Silver und Curtis, bei denen beide wild um sich schießend durch die Straßen rennen, ist im wahrsten Sinne des Wortes der absolute Overkill und zeigt den Hang der Regisseurin zu völlig übertriebenen letzten Akten (anschaulichstes Beispiel: "Strange Days", 1995), ist aber ebenso sehenswert wie aufregend inszeniert. Spielte BLUE STEEL in der Realität statt in einem filmischen Niemandsland aus Gegenlicht, wären bei dieser Ballerei vermutlich 64 ahnungslose Passanten ums Leben gekommen, aber hier triumphiert Jamie Lee als Rächerin des Gesetzes und darf Silver schlussendlich das Gehirn wegblasen. Die Ordnung ist wieder hergestellt, die verkorkste Kindheit kann in der Therapie gelöst werden - oder beim nächsten Schusswechsel mit Ladendieben. Wir aber dürfen uns alle sicherer fühlen in dem Wissen, dass Jamie Lee für uns die Stadt bewacht.

BLUE STEEL ist ein packender, wuchtiger und eiskalter Thriller, der bis auf ein paar unnötige Subplots - wie die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Curtis und dem todlangweiligen Clancy Brown als freundlichem Kollegen (den der Film braucht, um Jamie Lee als einigermaßen normales Mädel zu zeigen, das nicht nur den ganzen Tag an Pistolen und Psychos denkt) - auch heute noch zu fesseln vermag.

08/10

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