Freitag, 14. Dezember 2012

Love Crime (2010)

Was für eine Wohltat! Manchmal gehen Filme einfach runter wie das sprichwörtliche Öl, und dies ist so einer. Man muss natürlich auf Filme stehen, in denen sich zwei Power-Schauspielrinnen einen gepflegten Zickenkrieg liefern, angefangen von "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1961) bis "Tagebuch eines Skandals" (2006). Wer daran Freude hat, für den wird LOVE CRIME (Crime d'Amour) ein solcher Genuss sein wie für mich.

Erinnert sich noch jemand an die Mike Nichols-Komödie "Die Waffen der Frauen" (1988)? LOVE CRIME könnte man ungefähr als Thriller-Variante beschreiben. Hier übernimmt Kristin Scott Thomas die Rolle der biestigen Chefin, die der naiven, aber hochtalentierten Assistentin Ludivine Sagnier die brillanten Ideen klaut, während sie der Angestellten gegenüber stets betont, wie wichtig Teamarbeit sei. Dafür schnappt sich Sagnier den Lover der Vorgesetzten (Patrick Mille) und wird im Gegenzug von ihrer Chefin bei einer Party öffentlich gedemütigt. Fortan sinnt Sagnier auf Rache, und plötzlich befinden wir uns nicht mehr in einem Yuppie-Drama aus der Welt der Hochfinanz, sondern in einem tiefschwarzen Film Noir über den perfekten Mord...

Ja, das klingt toll und ist es auch. Regisseur Alain Corneau darf man schon als Altmeister bezeichnen, zu seinen bekannten Werken gehört das Krimi-Drama "Wahl der Waffen" (1981). Er versteht sich auf Schauspielführung und inszeniert seinen überraschenden Thriller so ruhig, sicher und unaufgeregt, wie es nur die Franzosen können. Kaum Musikuntermalung, entrümpelte Bilder von großer Klarheit, ein komplett zurückgenommenes Farbkonzept, in dem fast ausschließlich Braun- und Grautöne dominieren, und eine Abfolge vieler kurzer, aber prägnanter Szenen bestimmen die Erzählung. Ohne jeden Rummsbumms oder sinnlose Ablenkung darf man bei diesem weiblichen Katz- und Mausspiel zuschauen, und die Damen haben ein unübersehbares Vergnügen bei ihren Boshaftigkeiten. Kristin Scott Thomas, die mühelos den Sprung ins französische Arthouse-Kino geschafft hat, wirft sich mit so viel Vergnügen in die Rolle der eiskalten Chefin aus der Hölle, dass sie allein den Besuch lohnen würde, aber wenn in der zweiten Hälfte die überraschenden Wendungen einsetzen, gehört der Film eindeutig der jungen Ludivine Sagnier, die sich vom geprügelten Opfer in einen vom Wahnsinn gezeichneten Racheengel verwandelt.

Die einzige Mäkelei betrifft das letzte Drittel, in welchem sämtliche zuvor gelegten Hinweise und Spuren raffiniert eingelöst werden und man als Zuschauer nur staunen kann, mit welcher Mühe da ein Mordkomplott erdacht wurde, aber es fehlt gegen Ende irgendwie noch die Krönung. Ich muss leider so vage bleiben, weil ich hier ganz bestimmt nicht spoilern möchte. Ich kann nur jedem, der Lust auf unterschwellige Spannung mit zwei der besten Schauspielerinnen des europäischen Films hat, LOVE CRIME ans Herz legen. LOVE CRIME lief übrigens bereits im TV unter dem Titel "Liebe und Intrigen", bevor er unter dem etwas besseren Titel auf DVD veröffenticht wurde.

Brian de Palma hat soeben ein Remake von LOVE CRIME inszeniert, das mit dem Titel "Passion" nächstes Jahr in die Kinos kommt (oder auch nicht, das weiß man erst, wenn es soweit ist). Dort spielen Noomi Rapace und Rachel McAdams Chefin und Angestellte. Man darf gespannt sein, was de Palma aus dem Stoff macht (wenn man dem Plakat trauen kann, wird der homoerotische Subtext der Frauenbeziehung deutlich hochgeschraubt - was für eine Überraschung), gleichzeitig ist LOVE CRIME in jeder Beziehung so hervorragend, dass die Welt wirklich auf ein Remake verzichten kann.

09/10

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