Montag, 17. Dezember 2012

Horror Express (1972)

Eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn ist immer ein Erlebnis - ganz besonders, wenn sich unter den Mitreisenden zwei Horror-Veteranen wie Christopher Lee und Peter Cushing befinden. Der eine (Lee) spielt einen Anthropologen, der ein zottiges Urvieh in einer Kiste mitgebracht hat, der andere (Cushing) ist ein neidischer Kollege, der zu gern wissen würde, was der Konkurrent da im Gepäckraum verstaut hat. Bald darauf bricht das Monster aus der Vorzeit aus und metzelt sich durch die Waggons...

Der spanisch-britische Horror-Beitrag HORROR EXPRESS (Pánico en el Transiberiano) ist mittlerweile ein verdienter Trash-Klassiker. Die Schwierigkeit besteht darin, eine gute Kopie davon aufzutreiben, denn der Film befindet sich im Public Domain, d.h. jeder Billig-Anbieter kann ihn auf DVD pressen und auf den Grabbeltisch werfen, wie es ihm beliebt. Dann und wann erlebt man eine ganz ordentliche Veröffentlichung, aber die meisten Versionen sehen grauenhaft aus.
Trotzdem kann der Film auch in mieser Aufmachung begeistern, denn der ist große Klasse. Regisseur Eugenio Martin inszeniert mit viel Tempo und serviert dem geneigten Horror-Fan eine delikate und stimmungsvolle Schlachtplatte, die so viel Charme besitzt, wie ihn sich komplette andere Filme wünschen würden. Die Besetzung mit den Hammer-Stars Lee und Cushing ist natürlich ein unglaublicher Gewinn. Beide sind bekannt dafür, sogar in schlechten Filmen nie durchblicken zu lassen, dass sie gern woanders wären und spielen auch hier mit großem Ernst und Nonchalance. Sie machen den Trash erst zur Perle. Der dritte große Name im Ensemble ist Telly Savalas, doch der tritt erst nach einer guten Stunde Filmzeit auf und ist für den Verlauf der Handlung relativ überflüssig. Trotzdem schön, ihn zu sehen, Willkommen an Bord. 

Wer Filme liebt, die in Zügen spielen, der liegt hier sowieso goldrichtig. Wie die alte Eisenbahn da dampfend und pfeifend durch die eisige Nacht und bizarren Winterlandschaften braust (einige davon sind nur gemalt, was der irrealen Atmosphäre zugute kommt), während sich im Inneren das Grauen abspielt, das ist schon allerfeinste Schauer-Unterhaltung. Das Drehbuch vermengt fröhlich verschiedene Genre-Elemente und wird mit zunehmender Laufzeit immer absurder. Was wie ein klassischer Monsterfilm mit einer unheimlichen Kreatur in der Kiste beginnt, entwickelt sich zum Körpertausch-Horror, dann stellt sich heraus, dass das Monster eigentlich ein Außerirdischer ist, der wieder auf seinen Heimaplaneten zurück will (ein Ding aus einer anderen Welt eben), und im Finale, wenn sämtliche Opfer des Aliens von den Toten wieder auferstehen und die letzten Überlebenden durch den ratternden Zug jagen, mutiert der Film dann endgültig zum Zombie-Schocker.

Ausstattung, Kostüme, Musik und Effekte sind zwar sehr schlicht und preiswert, aber absolut effektiv. Die Aufnahmen der Opfer, denen das Blut aus allen Körperöffnungen strömt, während ihre Augen glasig werden, sind trotz zahlreicher Wiederholungen nie langweilig. Und sogar Humor gibt es: wenn Peter Cushing eine Obduktion vornehmen will und seine ältere Assistentin bittet: "Ich brauche Ihre Hilfe", wirft die nur einen Blick auf seine sexy Reisegefährtin und antwortet "Das wundert mich nicht bei einem Mann Ihres Alters". Und wenn der ermittelnde Zug-Inspektor die Herren Cushing und Lee fragt, ob nicht einer von ihnen das Monster sei, erwidert Cushing mit tödlicher Entrüstung: "Monsters? We're british!" Von solchen Dialogperlen gibt es einige.

HORROR EXPRESS bietet wuschelige Monster, schöne Frauen, distinguierte Herren, Gehirnoperationen, Augen, die mit Injektionsnadeln gepiekst werden, schwarzen Humor und spart auch nicht mit Kirchenkritik (ein unheimlicher Mönch - nein, nicht der von Edgar Wallace - biedert sich bei förmlich jedem an, sogar beim Monster). Ich kann ihn nur wärmstens empfehlen. Der Film funktioniert am besten im Winter - und sogar bei miserabler Bildqualität. Das ist ein großes Kompliment.

08/10



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