Sonntag, 30. Dezember 2012

Eyes Wide Shut (1999)

Ein Film, der perfekt zum Jahresabschluss passt. Ein Abendkleid fällt, Die Weihnachtslichter blinken, und Tom Cruise unternimmt eine Reise durchs Abenteuerland der erotischen Fantasien in einem New York, das selten so düster gezeigt wurde wie unter Stanley Kubricks Regie in seinem letzten Werk, dessen Fertigstellung der Meister gerade noch erleben durfte, bevor er der Filmwelt für immer Lebewohl sagte und eine Lücke hinterließ, die niemals geschlossen werden wird. 

Als EYES WIDE SHUT (Eyes Wide Shut) seinerzeit herauskam, erntete er eher lauwarme Reaktionen (so ging es allen Kubrick-Filmen seit "The Shining", 1980), und auch ich war mir nicht sicher, was ich von ihm halten sollte, schien er doch auf den ersten Blick eine ziemlich verstaubte Altherren-Fantasie zu sein. Mittlerweile ist der Film als komplexes filmisches Drama anerkannt, und auch ich konnte nach mehrmaligen Sichtungen meine ursprünglich gemischte Meinung revidieren. 

EYES WIDE SHUT basiert auf Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" und besitzt die zum Titel passende, surreale Atmosphäre, in der alles möglich zu sein scheint. EYES WIDE SHUT ist (auch) ein Film über männliche Minderwertigkeitskomplexe. Tom Cruise spielt den verheirateten Arzt Dr. Bill Harford, dessen Weltbild nach einer pompösen Weihnachtsparty erschüttert wird, als seine Ehefrau Alice (Nicole Kidman) ihm gesteht, dass sie einst drauf und dran war, ihn für einen anderen Mann (einen völlig Fremden) zu verlassen, nur weil sie sich von diesem erotisch angezogen fühlte. 

Bevor Cruise reagieren kann, wird er aus dem Haus gerufen - der Beginn einer seltsamen nächtlichen Odyssee durch New York, in der er - verfolgt von Visionen seiner untreuen Ehefrau - lauter mysteriösen Menschen begegnet, die sämtlich erotische Geheimnisse haben, welche sie ihm offenbaren. Obwohl es seine Frau ist, die "Alice" heißt, gerät Bill ins Wunderland. Er erlebt Gefahren (eine Gang auf der Straße), Versuchung (eine anziehende Prostituierte nimmt ihn mit in ihre Wohnung), Abgründe (ein Kostümverleiher verhökert seine minderjährige Tochter an reiche Kundschaft). Verschlüsselte Botschaften werden ausgetauscht ("Fidelio", der Name von Beethovens einziger Oper und gleichzeitig ein Hinweis auf "Fidelity", die Treue, die er bald zu brechen bereit ist), und er sucht als "aufrechter Amerikaner" nach dem richtigen Weg, mit den Freizügigkeiten seiner Gattin umzugehen und sich selbst als Mann zu beweisen. Ein Ausweg aus dem Dilemma aber ist nicht in Sicht, nur immer verschlungenere Labyrinthe, die symptomatisch sind in Kubricks Schaffen. 

Bill/Cruise, der offenbar in seinem Leben nie fremdgegangen ist, muss sich ständig Verführungen widersetzen. Seine eigenen Wünsche muss er selbst erst entdecken und kann sie dann überhaupt nur ausleben, wenn er nicht mehr "er selbst" ist, sondern sich hinter Maske und Kapuze versteckt. Derart verkleidet findet er Zutritt zu einer Sexparty der besseren Kreise, doch sein wahres Ich wird umgehend enttarnt. Was Erotik betrifft, ist er ein Außenseiter und wird auch wie einer behandelt. Er wird aus seinem eigenen Traum unter Drohungen hinausbefördert. 

Wenn er am nächsten Tag alle Schauplätze seiner Reise durch die Nacht erneut abklappert, haben diese wie durch Zauberhand ihre Magie verloren. Die Faszination weicht der Ernüchterung, alle verschlüsselten Botschaften stellen sich als banal heraus. Die kurze Begegnung mit seiner dunklen Seite aber hat unseren Doktor so verschreckt, dass er sich heulend zu seiner Frau bekennt und beide zwischen Teddybären und Spielzeug beim Weihnachts-Shopping beschließen, alles beim alten zu lassen und die kurz offen gelegten Geheimnisse unter den Teppich zu kehren, wo sie in der Welt der heilen amerikanischen Familie auch hingehören. Die Ehe - so suggeriert es Kubrick - ist nichts weiter als eine Vereinbarung, nach der beide Partner ihre wahre Natur verheimlichen und sich - wie Kinder - eine Traumwelt zurechbasteln (die Augen bleiben hübsch 'geschlossen', wie der Titel sagt), die nur gelegentlich von der Realität eingeholt wird. Die männliche Überlegenheit hingegen ist ein Relikt, das längst durch Zweifel und Unsicherheit abgelöst wurde. Die Masken spielen eine wichtige Rolle in EYES WIDE SHUT - die tatsächlichen wie die metaphorischen.


Kubrick inszeniert seine Traumnovelle wie gewohnt langsam, kühl und mit analytischem Blick. Er nimmt sich viel Zeit und zieht den Zuschauer hinein. Dialogszenen scheinen endlos zu dauern, jede für sich ist ein eigenes Drama in mehreren Akten. Die Atmosphäre ist beklemmend, hypnotisch und fesselnd. Kubrick hat so lange an seinem Film gearbeitet, dass einige Darsteller aufgrund anderer Verpflichtungen ersetzt werden mussten (Jennifer Jason Leigh), andere hingegen wurden ausgetauscht, weil Kubrick nicht zufrieden war (Harvey Keitel spielte ursprünglich die Rolle, in der nun Sydney Pollack zu bewundern ist). Der perfektionistische Regisseur wollte von Anfang an ein Filmpaar, das auch in der Realität verheiratet war und liebäugelte kurz mit Alec Baldwin und Kim Basinger, bevor er die Rollen Cruise und Kidman gab. Kidman spielt hier eine untergeordnete Rolle und taucht nach dem ersten Akt kaum noch auf (außer für einen Monolog, in dem sie Cruise von einem Traum berichtet, ohne zu ahnen, dass er selbst gerade aus einer Traumwelt kommt und sie beide in einer übergeordneten Traumwelt leben). 

Obwohl Cruise die Hauptrolle spielt und der Film tief in dessen Seelenleben eindringt, ist EYES WIDE SHUT ein Film der Frauen. Cruise tritt als Schauspieler zurück und überlässt den Partnerinnen die Bühne. Marie Richardson, Vinessa Shaw und Julienne Davis nutzen sie brillant für große Vorstellungen, während Cruise stets Projektionsfläche bleibt. Eine ebenso richtige wie geniale Entscheidung von Regisseur und Star. Erwähnt werden muss noch Alan Cumming, der eine einzige, aber fantastische Szene erhält, in der er als Hotelrezeptionist Cruise so schamlos anbaggert, dass man förmlich den bösen Spaß spürt, den Kubrick und Cumming dabei gehabt haben müssen, Cruise aus dem Konzept zu bringen. Der lässt sich aber nicht anmerken, dass er gegen die Wand gespielt wird, dafür ist er zu sehr Profi.

Es gibt noch viel mehr zu sagen und noch mehr zu entdecken in diesem Film, doch für heute belassen wir es dabei, dass EYES WIDE SHUT der letzte Geniestreich seines Schöpfers war. Ebenso wie seine Vorgänger ist auch dieser Kubrick unverwechselbar, eigenwillig, polarisierend, verführerisch und vielschichtig. Ob er ein würdiger Schwanengesang für einen der größten Regisseure aller Zeiten ist, sei dahingestellt. "Familiengrab" (1976) war auch nicht Hitchcocks bester Film. Es ist nicht der Abschluss, der zählt, sondern das Gesamtwerk. Und das von Kubrick ist ohne Frage einzigartig.  


Ich wünsche einen fröhlichen Jahreswechsel - mit oder ohne Maskenball - und jedem den Mut, sich zu seinen geheimen Fantasien zu bekennen. 

10/10


Kommentare:

  1. Ich fand "Eyes Wide Shut" damals schon im Kino ganz fantastisch und die 10/10 Punkte hat er absolut verdient. Besonders ist mir die Musik zur orgiastischen Szene im Schloss mit allen Maskierten im Gedächtnis geblieben ("Masked Ball" von Jocelyn Pook) - gibt kaum ein anderes Hörstück, das mehr Gänsehaut verursacht.

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  2. Ja, das war schon im Kino wahnsinnig beeindruckend und ist gottseidank seitdem nicht so zu Tode genudelt worden wie Schostakowitschs Walzer, mit dem der Film beginnt, und den ich mittlerweile nicht mehr hören kann. :-)

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