Sonntag, 2. Dezember 2012

Cecil B. (2000)

Die schräge Action-Komödie CECIL B. (Cecil B. Demented) ist John Waters' Liebeserklärung an den Independent-Film und seine Lieblingsregisseure. Melanie Griffith spielt hier einen snobistischen Hollywood-Star namens Honey Whitlock (mit deutlichen Bezügen zu Julia Roberts und Konsorten), die zur Premiere ihrer neuesten Romantic Comedy nach Baltimore reist, wo sie in einer spektakulären Aktion vom irren Underground-Filmemacher Cecil B. Demented (Stephen Dorff) und seiner Gang filmbegeisterter Freaks entführt wird. In einem leerstehenden alten Kino planen sie den ultimativen Autorenfilm mit Honey als Gallionsfigur. Die sträubt sich anfangs noch, kann sich aber mehr und mehr mit den Zielen der Gruppe anfreunden und steht bald selbst auf der Seite der Guerilla-Filmer. Gemeinsam stürmen sie Multiplexe, Filmverkaufsveranstaltungen und die Dreharbeiten von "Forrest Gump 2", um der Welt zu beweisen, dass Blockbuster der Tod des Kinos sind...

Wenn man John Waters' Ansichten über die aktuelle Filmlandschaft teilt, dann kann man mit seinem abgefahrenen CECIL B. eine Menge Spaß haben. Zwar erreicht er hier nicht die Klasse und den satirischen Witz seiner besten Werke, aber für unterhaltsamen Trash ist durchweg gesorgt. Als typischer Elefant im Porzellanladen schießt Waters gegen Mainstream à la "Forrest Gump" und Wohlfühl-Kino wie "Patch Adams" ("Patch Adams" braucht keinen Director's Cut! Die Kinofassung war lang genug!"), daneben macht er sich auch über die Unantastbaren der Filmindustrie lustig, wie Katharine Hepburn und David Lean (den er für einen der langweiligsten Regisseure aller Zeiten hält), allein weil er Lust darauf hat. Schon im Vorspann, wenn auf alten, verranzten Kinofassaden die Namen absurder Blockbuster auftauchen, wird klar, dass Waters hier so richtig schön die Sau rauslassen kann.

Dass er Melanie Griffith für CECIL B. gewinnen konnte, die damals noch zur A-Riege gehörte, bevor sie ironischerweise selbst dem Jugendwahn Hollywoods zum Opfer fiel und in die hintere Reihe verbannt wurde, wo sie seitdem versucht, durch bizarre Schönheitsoperationen an einstigem Glamour festzuhalten, ist ein wahrer Glücksfall, und Griffith wirft sich mit Spaß und Verve in die Rolle - so wie es vor ihr Kathleen Turner in "Serial Mom" (1994) tat. Stephen Dorff, der immer gut in B-Movies ist, spielt den wahnsinnigen Cineasten als übergeschnappte Mischung aus Cecil B. DeMille und Erich von Strohheim, und zum Rest seiner Gang jugendlicher Terror-Filmfreaks gehören u.a. Alicia Witt als ehemaliger Pornostar, Maggie Gyllenhaal und Jack Noseworthy. Die üblichen Verdächtigen des Waters-Stammensembles wie Ricki Lake und Mink Stole dürfen ebenfalls nicht fehlen, und wenn im Finale Patricia Hearst auftaucht, die in vielen Waters-Filmen mitspielte, wird spätestens klar, dass der Film natürlich ihre eigene Geschichte erzählt (die Kurzfassung: Millionenerbin Hearst wurde in den 70ern von Terroristen entführt, verliebte sich in den Anführer und raubte mit ihnen Banken aus. Sie machte das Stockholm-, bzw. Helsinki-Syndrom berühmt).

Auch wenn nicht alle Gags zünden, bietet CECIL B. genügend Tempo, Ballereien, Kreischereien, bösen Witz und so viele Insider-Gags, dass die Laufzeit im Flug vorbeigeht. John Waters hat in seinem Leben nie einen auch nur ansatzweise verlogenen Film gemacht. Selbst die gefälligeren Mainstream-Werke wie "Hairspray" (1988) tragen seine unverkennbare Handschrift. In CECIL B. findet er trotz Starbesetzung wieder zurück zum schundigen Underground-Film und sagt offen, was er denkt und was er verabscheut. Er spuckt in mächtige Gesichter der Filmindustrie und huldigt die Außenseiter, die Subversiven, die Eigenständigen und die Unterschätzten - Sam Fuller, Fassbinder, Preminger, Anger und H.G. Lewis sind einige der Namen, die sich Cecils Gang auf die Körper tätowiert hat. In deren Andenken kämpft Waters für den Erhalt des unabhängigen Autorenkinos. Dass CECIL B. nicht jedermanns Sache ist, muss man bei einem Waters nicht dazu sagen. Bitter ist, dass unter Waters' Slapstick sehr viel Wahrheit steckt und man heute feststellen kann, dass er auf verlorenem Posten kämpft.

08/10

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