Donnerstag, 22. November 2012

Vor Morgengrauen (1981)

VOR MORGENGRAUEN (Just Before Dawn) kam während der Slasher-Welle Anfang der 80er in die Kinos und ging dort eher sang- und klanglos unter. Auch auf Video wurde er kein Hit, hat sich aber nach und nach einen Kultstatus unter Fans erarbeitet und gilt mittlerweile wegen seiner Abweichungen vom Schema F als einer der interessanteren Beiträge eines Genres, das nicht gerade für Originalität bekannt war.

Der Inhalt hört sich dabei wenig innovativ an: Fünf junge Leute machen eine Tour durch die Wälder Tennessees. Dort aber gehen zwei degenerierte Hinterwäldler um, die jeden Eindringling um die Ecke bringen und auch die Gruppe nach und nach dezimieren. Auf sich allein gestellt, müssen die letzten beiden Ausflügler um ihr Leben kämpfen...

Das klare Vorbild von VOR MORGENGRAUEN ist weniger John Carpenter als vielmehr John Boormans "Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972), dem er in Handlungs- und Figurenführung folgt. Auch hier wird mit Gregg Henry ein scheinbar zäher Überlebenskünstler eingeführt, der sich als nutzlos in Gefahrensituationen erweist, während seine scheue, unauffällige Partnerin Deborah Benson über sich hinauswachsen und am Ende die Killer allein bezwingen muss - ganz genau, wie es die von Burt Reynolds und Jon Voight gespielten Charaktere in Boormans Film vorgemacht haben. VOR MORGENGRAUEN trug den Arbeitstitel "The Tennessee Mountain Murders", was die Nähe zu einem weiteren bekannten Kultfilm andeutet. Für die Mordlust der Hinterwäldler gibt es keine Erklärung. Sie repräsentieren das grausame Gesetz der Natur, dem sich die Zivilisierten unterordnen müssen. Deshalb muss Deborah Benson im Finale auf nackte Gewalt und Urinstinkte zurückgreifen, wenn sie den letzten Killer zur Strecke bringt und ihm - eine Szene, die wir so noch nie gesehen haben und auch nie wieder sehen werden - ihre Faust bis zum Unterarm in die Kehle rammt und ihn langsam erstickt.

Das klingt brutal, aber VOR MORGENGRAUEN hält sich mit Splatter sehr zurück und setzt stattdessen auf Atmosphäre und Suspense. Dafür sorgen nicht nur die stimmungsvollen Landschaftsaufnahmen, sondern auch die eigenwillige Musik von Brad Fidel. Bereits in der Anfangssequenz verlässt der Film wohltuend die Slasher-Schablone, in dem nicht ein kreischender Teenager ermordet wird, sondern ein erwachsener Mann, und das auf sehr unangenehme, eindeutig sexuelle Weise. Auch später gibt es immer wieder Brüche in der Formel, und mehrere Szenen bleiben im Gedächtnis - wie die, in der eine nackte Ausflüglerin im Wasserfall badet und sich von ihrem herumalbernden Lover befummelt glaubt - bis sie diesen am anderen Ufer entdeckt und merkt, dass es wohl nicht seine Hände sind, die da unter Wasser nach ihr grapschen. Schön ist auch der Moment, in dem eine weitere Protagonistin sich in einer Kirche verschanzt und durchs Fenster den vermeintlichen Mörder draußen beobachtet, bis der zweite Mörder - von dem wir bis dahin alle nichts wussten - hinter ihr auftaucht. Ebenso gelungen ist das Spiel mit einem wichtigen Requisit - einer Notfall-Pfeife, die früh (unschuldig) eingeführt wird und konsequent bis zum Ende an Bedeutung gewinnt. Das Pfeifen wird auch im experimentellen Soundtrack wieder aufgegriffen. Das sind alles gute Ideen, die eine Sorgfalt zeigen, welche andere Beiträge des Genres vermissen lassen.

Die Besetzung spielt nicht weltbewegend, aber solide. Neben Chris Lemmon (Sohn von Jack) und dem aus Brian de Palmas Werken bekannten Gregg Henry ist George Kennedy das bekannteste Gesicht. Er spielt den Park Ranger, der mit seinen Topfpflanzen spricht, ist aber für den Handlungsverlauf nicht weiter wichtig. Regisseur Jeff Lieberman ist zuvor bereits mit dem Wurm-Horror "Squirm" (1975) und dem Kultfilm "Blue Sunshine" (1978) positiv aufgefallen und zeigt auch in VOR MORGENGRAUEN, dass er scheinbar ausgelutschten Geschichten noch ein paar bizarre neue Seiten abgewinnen kann.
Das alles ergibt natürlich kein überragendes Filmerlebnis, und zwischen den guten Einfällen hängt VOR MORGENGRAUEN auch mehrfach durch (was auch an den uninteressanten Charakteren liegt), aber was das Backwoods-Subgenre angeht, gibt es wesentlich schwächere Werke. Jeff Lieberman hält VOR MORGENGRAUEN übrigens für seinen besten Film (ich würde da "Blue Sunshine" bevorzugen). Leider hat er als Regisseur danach nichts Sehenswertes mehr zustande gebracht.

07/10

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,
    sorry, wenn ich Dich auf diesem Weg was frage: Ich ziehe ja auch hierher um, da blogage.de Ende des Jahres schließt. Vielleicht kannst Du mir ja sagen, ob der ganz normale Blog, der hier kostenlos angeboten wird, eine Begrenzung der Einträge hat bzw. wenn ja, ob Du mir sagen kannst, wo man hier eine Gebühr für eine Erweiterung zahlen kann, ich finde nämlich nichts.
    Ansonsten...schau doch schon mal rein:
    http://raysfilme.blogspot.fr/
    LG Ray

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  2. Hi Ray, ich habe Dir direkt in Deinem Blog geantwortet. Liebe Grüße!

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