Samstag, 10. November 2012

Verführung einer Fremden (2007)

Bei Wikipedia wird VERFÜHRUNG EINER FREMDEN (Perfect Stranger) als 'Neo-Noir Psychological Thriller Film' gelistet, was an sich schon lustig ist ('erotic' fehlt irgendwie noch zur Abrundung). Zwar tauchen hier unter den Charakteren einige Psychos auf - darunter jemand, von dem man es am wenigsten erwartet hätte - aber weder ist der Film sonderlich spannend noch psychologisch fesselnd, und was an ihm noir sein soll, bleibt ebenfalls unklar, da keine Film Noir-Elemente erkennbar sind, weder klassische noch moderne. So schön kann Marketing sein.

Halle Berry spielt in VERFÜHRUNG EINER FREMDEN eine schnippische Journalistin, die keine Angst vor hohen Tieren hat und so politisch korrekt agiert, dass man sie gleich übers Knie legen möchte. Diese rasende Reporterin trifft zufällig eine alte Freundin aus Kindheitstagen auf der Straße, die sich merkwürdig verhält und bald darauf mausetot ist. Da die Freundin vor ihrem Ableben unserer Halle noch brisantes Material über einen mächtigen Werbemanager - gespielt von Bruce Willis - in die Patschehand gedrückt hat, sollen wir annehmen, dass Willis vielleicht an ihrem Tod mitgewirkt haben könnte. Undercover schnüffelt Halle Berry nun als Aushilfe im roten Abendkleid in Willis' Werbefirma herum und kommt dem cholerischen Boss dabei näher als sie möchte...

Nicht nur der Wikipedia-Eintrag, sondern auch der deutsche Titel ist dabei irreführend, da Frau Berry hier von absolut niemandem verführt wird. Zwar macht Bruce Willis ein paar zaghafte Anstalten, aber so richtig rum bekommt er sie nicht, weswegen der Film auch absolut sex- und jugendfrei bleibt, trotz seines Themas. VERFÜHRUNG EINER FREMDEN möchte gern etwas über Internet-Dating, das Vorspielen falscher Tatsachen auf Internet-Portalen und die Einsamkeit von Großstädtern erzählen, die sich nie sicher sein können, ob der Typ, mit dem sie sich im Netz verabredet haben, vielleicht ein irrer Killer ist. Das weiß man übrigens ebenso wenig, wenn man jemanden auf klassische Weise in einer Bar aufgabelt (ich spreche hier aus eigener Erfahrung). Das ganze Internet-Gerede macht den Film etwas moderner, aber deswegen nicht brisanter, zumal Regisseur James Foley sein Thema ohnehin komplett aus den Augen verliert. Als Zuschauer weiß man weder, ob man um irgendwen Angst haben muss, oder wohin der Thriller überhaupt steuert. Man weiß nur, dass Giovanni Ribisi sich als Halle Berrys durchgeknallte rechte Hand die ganze Zeit so auffällig verdächtig benimmt, dass er unmöglich der Mörder sein kann.

Zu den spannendsten Momenten gehören die Szenen, in denen Berry irgendwas von Willis' Computer downloaden will, sich aber immer zu blöde anstellt. Zuerst versucht sie ein verräterisches Hintergrundbild schnell zu entfernen, in dem sie wie eine hyperaktive Stenotypistin auf der Tastatur herumhackt, dann versucht sie, mit ihren High Heels den Netzstecker zu ziehen (was natürlich nicht gelingt), und schließlich macht ihr die Spyware einen Strich durch die Rechnung. Damit bestätigt der Film ein altes Vorurteil über Frauen und Technik. Nebenbei, Berry soll eine Journalistin darstellen, die ohne ihren Laptop nirgendwo hingeht. Schade, dass sie ihn nicht bedienen kann.

VERFÜHRUNG EINER FREMDEN möchte Bruce Willis gern als zwielichtigen Verführer darstellen, der hinter seiner charmanten Schale vielleicht oder vielleicht auch nicht einen mörderischen Kern versteckt - à la Jeff Bridges in "Das Messer" (1985). Wenn Bruce Willis aber eines nicht kann, dann ist das Ambivalenz. Willis spielt entweder den Good Guy oder den Bösen, beides zusammen geht nicht. Und da man ihm hier einen Mord beim besten Willen nicht zutraut (zumal ihm dafür jede Motivation fehlt), wirkt der ganze Plot arg an den Haaren herbeigezogen.

Stattdessen bietet VERFÜHRUNG EINER FREMDEN ein paar Hochglanz-Einblicke in die schöne Welt der Werbung und kann so haufenweise attraktiver Damen vorbeiflanieren lassen, darunter auch Fräulein Heidi Klum in einer Gastrolle. Wenn das nichts ist (es ist nichts). Das Positivste, was man über den Film sagen kann, ist, dass Halle Berry im roten Abendkleid spektakulär gut aussieht. Giovanni Ribisi fällt bei ihrem Anblick fast vom Stuhl und beginnt augenblick zu sabbern, aber Halle reagiert auf dieses 'Kompliment' nur mit einem sympathischen 'Ach, hör doch auf'-Lachen. Ja, solche Frauen lieben wir doch alle, die von vorne bis hinten perfekt sind, aber das selbst gar nicht glauben wollen - die rangieren auf einer Stufe mit den dürren Biestern, die jedem erklären, dass sie essen und essen, aber einfach nicht zunehmen. Die armen Dinger.

Für die Zuschauer, die noch nicht eingeschlafen sind, präsentiert James Foley am Ende dann eine überraschende Auflösung, die - das sei ihm zugestanden - tatsächlich überraschend kommt und alles Vorangegangene auf den Kopf stellt. Ich habe sie jedenfalls nicht kommen sehen (es war mir ehrlich gesagt auch egal). Ich könnte mir vorstellen, dass so einige Szenen beim zweiten Sehen mit dem Wissen um die Auflösung herzlich wenig Sinn ergeben, aber ich hatte leider gar keine Lust, mir den Film deswegen ein weiteres Mal anzutun. Was beweist, dass ein paar hochkarätige Darsteller, ein originelles Titeldesign und ein düsterer Score (der noch das Beste am Film ist) eben nicht für einen nervenzerrenden, sexy Thriller ausreichen. VERFÜHRUNG EINER FREMDEN ist ganz nett, wenn man gar nichts erwartet, aber man hat absolut nichts verpasst, wenn man ihn ignoriert - was übrigens die meisten Kinozuschauer getan haben.

03/10

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,
    klasse geschrieben! so können miserable Filme am Ende doch noch Spaß machen :-) gucken tu ich den natürlich nicht!

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  2. Tja, das haben sich wohl viele gesagt... :-)

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