Dienstag, 20. November 2012

Starkstrom (1982)

Der kanadische Horror-Thriller STARKSTROM (Murder by Phone / Bells) ist offensichtlich stark von David Cronenbergs "Scanners" (1981) beeinflusst, der im Jahr zuvor die Kinokassen zum Klingeln und auf der Leinwand Körper und Köpfe zum Explodieren brachte. In diesem Nachfolger geht es um einen gemeingefährlichen Irren, der aus Rachsucht Menschen - Sie ahnen es - per Telefon umbringt. Der bärtige Richard Chamberlain geht den Morden auf den Grund und findet dabei noch eine attraktive Partnerin (Sarah Botsford), die er schließlich vor dem Wahnsinnigen retten muss.

STARKSTROM beginnt spektakulär in einer U-Bahn-Station, wo eine junge Frau ans öffentliche Telefon geht und von dem Verrückten unter Starkstrom gesetzt wird, bis sie aus allen Körperöffnungen blutet und mit lautem Knall über den gesamten Bahnsteig bis zur Rolltreppe geschleudert wird. Wenn das mal kein Paukenschlag ist, dann weiß ich es auch nicht.
Leider sind die Mordszenen überhaupt das einzig Sehenswerte an STARKSTROM. Sie sind in schöner Regelmäßigkeit über den Film verteilt und laufen zwar grundsätzlich alle nach dem gleichen Prinzip ab (die Opfer fangen an zu vibrieren, dann bluten sie, und schließlich landen sie mit großem Peng! samt Funkenflug am anderen Ende des Zimmers, gerne in Glasvitrinen oder Küchenschränken), können aber jedesmal wieder begeistern und sind mit Schmackes inszeniert und geschnitten. Dazwischen herrscht dann gähnende Langeweile, weil der Thriller viel zu langsam dahinkriecht. Schade, weil Richard Chamberlain wie immer gut spielt. Seine Recherchen aber sind entsetzlich öde, die Liebesgeschichte interessiert keine Sau, und da es sich hier um eine kanadische Produktion handelt, sind die Sets unattraktiv grau in grau und lassen die bizarre Fantasie eines Cronenberg vermissen, der die Tristesse in verstörenden Bildern einzufangen wusste. Der Mann im Regiestuhl heißt hier aber Michael Anderson, und der hat einige Kultfilme wie "Flucht ins 23. Jahrhundert" (1976) oder "Orca, der Killerwal" (1977) gedreht, ein wirklich guter Film aber ist ihm - jedenfalls nach meinem Geschmack - nie gelungen. Obwohl, doch, halt, der Hitchcock'sche "Flüsternde Schatten" von 1958 ist sehr schön geworden ("Das Quiller-Memorandum" von 1966 ist auch nicht so schlecht).

Viel mehr gibt es auch schon nicht zu sagen - außer, dass John Barry einen klasse Score für STARKSTROM komponiert hat, der wenigstens ein bisschen Atmosphäre bringt, und dass Schauspiel-Veteran John Houseman mit seinen 70 Jahren ebenfalls per Telefon blutig um die Ecke gebracht wird.
Gegen Ende gibt es eine einigermaßen spannende Sequenz, in welcher der anonyme Terror-Anrufer zurückverfolgt werden soll (mit hübschen Aufnahmen von klappernden Relais und durchs Innere von Telefonleitungen), und dessen Ableben ist ebenfalls hübsch saftig (der Starkstrom wird zu ihm zurückgeleitet, wobei ihm die Augen aus dem Kopf ploppen). Zuvor bemüht sich STARKSTROM um ein bisschen Suspense, wenn sowohl der Killer als auch Chamberlain gleichzeitig versuchen, die Hauptdarstellerin telefonisch zu erreichen und man als Zuschauer nicht weiß, welcher von beiden sie da anklingelt. 

Der Film endet allerdings mit einer der blödesten Einstellungen, die ich je gesehen habe. Ein grinsender Chamberlain hält ein Telefon hoch, das Bild wird eingefroren, dann hört man das ominöse Grummeln, das zuvor stets einen Mord ankündigte, und bumms, da kommt der Abspann über Fotos von Telefonen. Äh, wie bitte? Lebt der unheimliche Serien-Anrufer jetzt weiter? Oder will Michael Anderson nur dem Klischee folgen, dass der Böse in Horrorfilmen am Ende immer noch mal aufmuckt? Man weiß es nicht. Will man auch gar nicht wissen. Hauptsache, es ist vorbei.

4.5/10

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