Mittwoch, 28. November 2012

One Hour Photo (2002)

In ONE HOUR PHOTO (One Hour Photo) arbeitet Robin Williams in einem Einkaufszentrum als Techniker eines Fotolabors. Der einsame Angestellte nimmt auf seine Weise Teil am Leben der vielen Fremden, die ihm ihre privatesten Momente offenbaren, wenn sie ihre Filme zur Entwicklung geben. Die junge Familie der attraktiven Connie Nielsen ist ihm besonders ans Herz gewachsen. Er träumt davon, der gute Onkel zu sein, der zu Hause von seiner Verwandtschaft begrüßt wird, stattdessen lebt er ein vollkommen isoliertes Leben. Mit anderen Worten: er ist ein Soziopath, eine tickende Zeitbombe, die kurz vor der Explosion steht. Als er sich ungefragt in das Privatleben von Nielsen und ihrem Mann einmischt und seinen Job verliert, schlägt seine freundliche Zurückhaltung in Aggressivität um...

ONE HOUR PHOTO wird in einschlägigen Filmlexika als Psycho-Thriller bezeichnet, aber wer den Film mit solchen Erwartungen sieht, wird zwangsläufig enttäuscht werden. ONE HOUR PHOTO ist das differenzierte Psychogramm eines Einzelgängers. Regisseur Mark Romanek ist nach eigenen Aussagen ein Fan des 70er-Kinos über einsame, verlorene Großstädter, denen der letzte Rest Boden unter den Füßen weggezogen wird, à la "Taxi Driver" (1976), und das merkt man seinem Film an. Als Foto-Techniker lebt Williams in einer komplett künstlichen Welt aus gesichtlosen Shopping Malls, genormten Einfamilienhäuserrn und sterilen Apartments. Alles, wonach er sich sehnt, ist ein bisschen Zuneigung, aber die wird ihm von niemandem entgegengebracht. Seine zaghaften Versuche, Kontakt zu den Mitmenschen zu finden, enden stets in Enttäuschung, zumal er durch sein gehemmtes Auftreten bei seiner Umwelt für Unbehagen sorgt - und das zu Recht, denn seine Probleme sind schwerwiegender als er selber ahnt.

Robin Williams spielt diesen Außenseiter mit ungewohnter Zurückhaltung, die man nicht von ihm gewohnt ist, und die deswegen umso effektiver wirkt. Lediglich gegen Ende droht sein Spiel ins Overacting abzugleiten, aber da auch sein Charakter mehr und mehr die Fassung verliert, ist das im Sinne des Drehbuchs gerechtfertigt. Man wird allerdings den Gedanken nie los, ob ONE HOUR PHOTO nicht noch stärker wäre, wenn ein unbekannter Schauspieler die Rolle übernommen hätte (weil die Art, wie Williams hier gegen sein Image anspielt, sehr viel Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, die eigentlich seiner Figur gelten müsste). So ist es eben nicht der unscheinbare Jedermann, der da ins Privatleben Fremder eindringt, sondern immer der verkleidete Hollywood-Star, der von Maske und Makeup zudem noch groteske Züge erhält. Da Williams aber eine makellose Leistung zeigt, soll uns das nicht weiter beschäftigen.

ONE HOUR PHOTO ist ganz auf seinen Star zugeschnitten. Die anderen Schauspieler stellen sich in die zweite Reihe und funktionieren, bleiben aber Staffage. Für das Innenleben seines Protagonisten findet Regisseur Romanek wunderbare, ruhige und unvergessliche Bilder, wie die Foto-Wand in Willams' Apartment, auf der sich ein ganzes Leben abspielt (nämlich das von Nielsens Familie), während er selbst nur gelähmt davorsitzen kann und sich in seinem eigenen Universum nichts bewegt. Der Film verzichtet dankenswerterweise auf jede Art von Küchenpsychologie und wird zudem großartig unterstützt von einem minimalistischen, unter die Haut gehenden Score von Reinhold Heil und Jonny Klimek ("Lola rennt", 1998).

Mark Romanek durfte seinen Film übrigens nicht wie geplant umsetzen, weil das Studio drastische Änderungen verlangte, um ihn kommerzieller zu machen. So wurde er stark gekürzt, einige von Williams' Monologen fielen der Schere zum Opfer, und die Reihenfolge der Szenen wurde getauscht. Die Rahmenhandlung, in der Williams bei der Polizei sitzt und wir seine Geschichte als große Rückblende erfahren, bräuchte ich überhaupt nicht. Das ist aber nur eine kleine Meckerei über einen Film, der in so vielen Bereichen fesseln und auf angenehme Weise beunruhigen kann.

8.5/10

Kommentare:

  1. Danke für den Tip! Muss ich unbedingt sehen! - Hauptrollenbesetzung und die von dir genannten Änderungs"wünsche" beschreiben das ganze Dilemma der Filmindustrie - man möchte so gern "der derzeitigen Filmindustrie" sagen, doch ich hab keine Hoffnung, dass es je wieder anders wird. Ein paar ganz weniges Ausnahmen à la Blair Witch Project werden ab und an die Regel durch Ausnahmen bestätigen... Danke für die Entdeckung!

    AntwortenLöschen
  2. One Hour Photo hat übrigens 12 Millionen Dollar gekostet und war ein bescheidener, aber ansehnlicher Erfolg (für einen Arthouse-Film), was dem Studio dummerweise nachträglich Recht gibt. Natürlich wären bei uns 12 Millionen kein wirkliches 'Low Budget'...

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...