Mittwoch, 7. November 2012

Im Auftrag des Teufels (1997)

IM AUFTRAG DES TEUFELS (Devil's Advocate) ist ein Mainstream-Horrorfilm aus den 90ern und gehört zu den besseren Vertretern des Genres in einem Jahrzehnt, in dem der Horrorfilm am Boden lag wie selten zuvor. Als solcher bleibt er zwar weitgehend harmlos und ist auch für sensiblere Zuschauer mit dünneren Nerven geeignet, darüber hinaus aber will er eine ernsthafte Botschaft vermitteln - was selten genug im Horror-Genre vorkommt und noch seltener auch funktioniert. Hier funktioniert es ziemlich gut. Aber eins nach dem anderen.

Keanu Reeves spielt (wobei 'spielt' bei Reeves immer im weitesten Sinne zu verstehen ist) einen attraktiven Südstaaaten-Anwalt mit viel Pomade im Haar, der mit seiner schönen Ehefrau Charlize Theron ein beschauliches Leben führt und soeben einen Kinderschänder vor Gericht verteidigt, den er dank seiner Überzeugungskraft freibekommt, obwohl er von dessen Schuld weiß. Das ruft Al Pacino, einen New Yorker Luxus-Anwalt für die Reichen und die Superreichen auf den Plan, der Reeves ein Angebot macht, das der nicht ablehnen kann. Bald bekommt das junge Paar ein schickes Apartment, ein teures Auto, und alles läuft fantastisch. Aber irgendwas ist merkwürdig. Die Mitglieder der Kanzlei scheinen mehrere Gesichter zu haben und mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Arbeitet Reeves vielleicht für den Höllenfürsten persönlich? Oder ist am Ende doch alles anders, als man denkt?

IM AUFTRAG DES TEUFELS borgt sich den Plot aus der (besten) Grisham-Verfilmung "Die Firma" (1993), geht dann aber andere Wege und mischt einen kräftigen Schuss "Angel Heart" (1987) dazu. Regisseur Taylor Hackford muss man in erster Linie dafür loben, dass er Keanu Reeves dem Publikum glaubwürdig als jemanden verkauft, der tatsächlich studiert hat - auch wenn Reeves Südstaaten-Akzent in der Originalfassung schneller an- und ausgeht als die Zimmerbeleuchtung. Man muss aber anerkennen, dass er sich von Pacino nicht an die Wand spielen lässt. Er mag nicht der beste Darsteller aller Zeiten sein (weißgott nicht), aber er hat eine eigene Präsenz und ist ein Sympathieträger. Außerdem sind Reeves und Charlize Theron ein heißes Paar. Die beiden wurden übrigens bald darauf für den schlimmen Super-Trash "Sweet November" (2001) wieder vereint, und gegen den ist IM AUFTRAG DES TEUFELS ein Meisterwerk. 
Theron stand hier noch vor ihrem Durchbruch als ernsthafte Schauspielerin, muss die meiste Zeit nur hübsch aussehen und die liebende, aber misstrauische Ehefrau spielen (Frauen merken in diesen Filmen immer eher als Männer, dass etwas nicht stimmt), dafür bekommt sie später aber eine Selbstverstümmelungs-Szene, die unvorbereiteten Zuschauern (und durchaus auch ein paar Splatterfreaks) die Haare zu Berge stehen lässt. Al Pacino hingegen spielt wie so oft hauptsächlich Al Pacino, und das kann er einfach wie kein anderer. Taylor Hackford ist leider kein Regisseur, der den Schauspieler kontrolliert führt, er lässt ihn einfach gewähren. Als Bonbon erhält Pacino einen finalen Monolog, der an Eitelkeit nicht zu überbieten ist, und der ihm offensichtlich seit dem verdienten Oscar für den (schrecklichen) "Duft der Frauen" (1992) offenbar vertraglich zugesichert wird.

Im AUFTRAG DES TEUFELS kann aber nicht nur mit seinem Ensemble, sondern auch mit hohen Production Values aufwarten. Die Bilder sind verführerisch (passend zum Thema), der Score bombastisch, es gibt Liebe, Sex, Mord und Totschlag, die Spezialeffekte sind hervorragend, und dann ist da eben noch die 'Important Message', die im letzten Akt abgefeuert wird. Im AUFTRAG DES TEUFELS ist ein Film über Versuchung, Eitelkeit (weswegen Pacinos selbstgefällige Darstellung auch nicht schadet, sondern passt) und die Freiheit der persönlichen Wahl - was im Kontext des Films bedeutet: wenn man die Wahl hat, einen überführten Kinderschänder zu verteidigen, sollte man das eher ablehnen, will man ein moralisch integrer Mensch sein und keine Schuld auf sein Gewissen laden. Und für den Teufel zu arbeiten, muss auch nicht sein. Geld, Macht und Erfolg verleiten uns an jeder Ecke, falsche Entscheidungen zu treffen. Wer nur auf sein Gewissen hört (wenn er denn eins besitzt), wird sich vom Bösen nicht verführen lassen. Interessant übrigens, dass diese Botschaft gerade aus Hollywood kommt, wo nichts wichtiger ist als Geld und Erfolg, und wo die Scientologen so viel Macht besitzen wie nirgendwo sonst. Aber lassen wir das beiseite. 

Nun kann man sagen, dass jeder Mensch, der noch alle Sinne beisammen hat, diese Lektion nicht braucht, um sich richtig zu verhalten, aber ein Keanu (und viele andere) müssen das eben auf die harte Tour lernen. Und bevor Missverständnisse aufkommen: ja, ich bin absolut für ein Rechtssystem, in dem jeder die Chance auf eine gute Verteidigung bekommt, egal was er angestellt hat, und ich bin auch gegen die Todesstrafe (was sich in der Sekunde ändern wird, wenn einem meiner Liebsten etwas angetan wird). Ich würde nur den Kinderschänder, den der Film auch noch so herrlich ekelhaft und übertrieben abstoßend zeichnet, auch nicht verteidigen wollen - was exakt der Punkt des Films ist. Sehr nett ist in diesem Zusammenhang das bissig-ironische Ende, das noch einmal deutlich zeigt, wie leicht verführbar Menschen sind.

IM AUFTRAG DES TEUFELS schafft es, Horror-Fans und Mainstream-Zuschauer gleichermaßen spannend zu unterhalten und eine gute Frage aufzuwerfen. Ihm fehlt allerdings vor lauter Hochglanz-Politur auch das emotionale Zentrum, um wirklich packen zu können. Man kann ihn leicht für die oberflächlichen Schauwerte und das tolle Handwerk bewundern, er geht aber nur selten wirklich unter die Haut.

08/10

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