Donnerstag, 29. November 2012

Henry - Portrait of a Serial Killer (1986)

Henry (Michael Rooker) ist ein gar nicht so übler Typ. Er kann zuhören, er beschützt Becky (Tracy Arnold), die Schwester seines Freundes Otis (Tom Towles), vor dessen Übergriffen und macht Kellnerinnen  Komplimente über ihr Lächeln. Man könnte Henry fast gern haben, wenn er nicht daneben noch ein brutaler Serienkiller wäre, der wahllos Frauen, Männer und ganze Familien abschlachtet. Henry und Otis, die eine kriminelle Vergangenheit verbindet, ziehen bald gemeinsam zum Töten los und nehmen sogar ihre Untaten auf Video auf, um sie sich zu Hause in gemütlicher Atmosphäre anzuschauen. Henry, Otis und Becky bilden eine bizarre Wohngemeinschaft, und Becky entwickelt zarte Gefühle für Henry, von dessen Morden sie nichts ahnt...

HENRY - PORTRAIT OF A SERIAL KILLER (Henry - Portrait of a Serial Killer) ist das sensationelle Filmdebüt von John MacNaughton, das mit nur knapp 100.000 Dollar entstand und auf Festivals für Furore sorgte. MacNaughton orientiert sich in seinem Werk, das genremäßig irgendwo zwischen Biopic, Psychodrama und Splatter-Horror angesiedelt ist, an der wahren Geschichte des Serienkillers Henry Lee Lucas. Er benutzt Fragmente aus dessen Leben (wie den Mord an der eigenen Mutter, die ihn misshandelte) aber nur als Hintergrund für eine ganz eigene Geschichte beinahe alltäglicher Gewalt. Seine Kamera ist dokumentarisch, der Blick unverstellt, nüchtern und sachlich - deshalb ist die Sequenz, in der Henry und Otis ins heile Heim einer Familie einbrechen und sämtliche Familienmitglieder quälen und töten, auch so unerträglich. Denn nicht wie in Kubricks "Uhrwerk Orange" (1971) wird die Tat durch Inszenierung und Ausstattung dermaßen over the Top stilisiert (kein 'Singing in the Rain' hier), dass man die tatsächliche Gewalt hinter der Satire nur noch erahnen kann, sondern sie wird dem Zuschauer als das präsentiert, was sie ist - dreckig, widerlich, abstoßend, banal und würdelos.

Dass HENRY ausgerechnet so viele Schwierigkeiten mit der Zensur hatte (in den USA vergingen drei Jahre, bevor der Film in den Kinos gezeigt werden durfte, was zum Teil auch auf die Produzenten zurückging, die mit dem Film nicht zufrieden waren), zeigt das Unverständnis der Filmprüfer bei Fragen der Gewaltdarstellung. Ist sie realistisch und abstoßend, bekommt der Filmemacher Probleme. Mäht ein Action-Held massenweise Extras mit dem Maschinengewehr nieder, geht das in Ordnung. Ebenso wie Sex muss die Gewalt im amerikanischen Kino konsumierbar sein, beides darf nicht in einem realistischen Kontext gezeigt werden. Inwieweit HENRY realistisch ist, vermag ich nicht zu sagen, dazu kenne ich zu wenig Serienkiller und habe auch keine Berührungspunkte mit dem Milieu, das hier gezeigt wird. Aber MacNaughton vermittelt ein gnadenloses Gefühl von Realität. Für Henry ist das Morden so normal wie Nahrungsaufnahme oder der Toilettengang, es gehört zu seinem Leben einfach dazu. Identifizieren kann und soll man sich nicht mit ihm.
Man ist versucht zu sagen, MacNaughton zeigt, ohne zu werten, aber das stimmt nicht ganz, denn er hat einen unübersehbaren Spaß am Tabubruch und legt viel Wert darauf, dass HENRY kein ganz schlechter Kerl ist. Zwischen den Zeilen gibt es in HENRY so viel schwarzen Humor, dass man sich fragen muss, ob er vielleicht als böse Komödie gedacht ist. Dafür spräche besonders der Schlussteil, in dem die Gewaltschraube so heftig überdreht wird, dass sie doch schon wieder zum Cartoon wird. Die makabere Schlusspointe wollen wir auch nicht vergessen. Und die Figur des Otis könnte genau so gut aus einer Sitcom stammen. Das sind die Momente, in denen HENRY dann doch wieder Unterhaltungskino ist.

Michael Rooker zeigt hier eine fantastische Darstellung und hat sich gleich mehrere Eintrittskarten für Hollywood gesichert, wo er seit HENRY in den unterschiedlichsten Rollen zu sehen ist - wenngleich selten in sympathischen Hauptrollen. Er spielt den Massenmörder Henry mit viel Understatement, greift nie auf Klischees zurück, wird selten laut, ist nie das 'Monster', sondern immer der Mann von schlichtem Gemüt, der natürlich auch ein Herz hat, aber ebenso erbarmungslos zuschlagen kann. Ein tumber großer Bruder, den man holt, wenn man Schläge angedroht bekommt. Es ist Michael Rooker, der HENRY so sehenswert macht.

HENRY ist möglicherweise nicht das Meisterwerk, als das er vielfach bejubelt wird. Er ist radikal und ernüchternd (er kann einem perfekt den Abend versauen), und er bleibt lange im Gedächtnis, wenn man ihn einmal verdaut hat. Er will den Täter und seine Taten aber auch nicht wirklich beleuchten oder etwas über den Zustand unserer Gesellschaft sagen, die Menschen wie Henry hervorbringt. Er ist insofern nicht wesentlich anders als der trashige und unterschätzte "Maniac" (1980).
Da sich sowohl Handlung als auch Charaktere kaum entwickeln, bleibt der Film durchweg auf einer Tonart, bietet keine Steigerung des Schreckens. Die Anfangspassagen sind - gerade durch die Aussparung der Gewaltakte (wir sehen lediglich die Opfer nach der Tat, während auf dem Soundtrack ihr zurückliegender Todeskampf zu hören ist) - so stark und eindringlich, dass HENRY kaum noch etwas nachzulegen hat. Die späteren Blutexzesse kommen nie an den suggestiven Beginn heran. Dem österreichischen Beitrag "Angst" (1983) gelingt es aus meiner Sicht besser, direkt hineinzublicken in die Seele des Killers und das Grauen zu spüren, das von dieser menschlichen Bestie ausgeht. Der schaut nicht nur drauf, sondern ist so hautnah dabei, dass man schreien möchte.

Nichtsdestotrotz ist HENRY ein hervorragender und wichtiger Film, gerade für das amerikanische Kino, in dem allzu oft Gewalt zum Spaß wird. Dagegen ist auch grundsätzlich nichts zu sagen, und ich wäre kein Horror-Fan, wenn ich das Gegenteil behaupten würde. Aber ab und zu sollte man sich daran erinnern, wie und was echte Gewalt wirklich ist, und welche Nachwirkungen sie hat. HENRY hilft uns, das nicht zu vergessen.

08/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...