Donnerstag, 11. Oktober 2012

Drei von ganzem Herzen (1993)

Zur Abwechslung mal was ganz Harmloses. Die romantische Komödie DREI VON GANZEM HERZEN (Three of Hearts) gehört seit den frühen 90ern zu meinen Guilty Pleasures - soll heißen, ich würde nicht auf die Straße gehen, um für eine DVD-Veröffentlichung zu demonstrieren, aber er landet regelmäßig in meinem Wohnzimmer und macht mir gute Laune, obwohl er zu einem Genre gehört, das mittlerweile komplett an mir vorbeigeht.
Der Film stammt aus der Zeit, als Hollywood versuchte, sich den veränderten gesellschaftlichen Realitäten anzupassen und Alternativen zur klassischen Hetero-Konstellation im Mainstream anzubieten. Das Publikum konnte sich aber weder mit diesem Beispiel noch mit ähnlichen ("Einsam, zweisam, dreisam", 1994) wirklich anfreunden. Für das schwullesbische Arthouse-Publikum hingegen waren die Werke ohnehin zu zahm und zahnlos, so dass sie zwischen allen Stühlen verhungerten. Dennoch gehört DREI VON GANZEM HERZEN zu den besseren Vertretern dieser Welle, weil er trotz mancher Klischees und Feigheiten verhältnismäßig bescheiden und sympathisch daherkommt.

Die Story ist so einfach wie irreal: um ihre bisexuelle Freundin Ellen (Sherilyn Fenn) zurückzugewinnen, die ihr gerade den Laufpass gegeben hat, heuert die lesbische Krankenschwester Connie (Kelly Lynch) einen männlichen Callboy (William Baldwin) an. Der soll der Ex ordentlich den Kopf verdrehen und sie dann fallen lassen - in der Hoffnung, dass Ellen nach solcher Enttäuschung umgehend zu Connie zurückkehrt...

Okay, haben wir nicht alle schon mal eine Prostituierte - männlich oder weiblich - engagiert, um einen Ex zurückzuerobern? Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft mir das passiert ist. DREI VON GANZEM HERZEN hat zwar keinen Glaubwürdigkeitsanspruch, was den Plot anbelangt (das trifft - mit Verlaub - auf fast alle Vertreter des Genres zu), aber seine Charaktere sind liebenswert und überzeugend. Die drei Hauptdarsteller waren zur Zeit der Entstehung gerade 'heiß', wie man so schön sagt, aber ihre Karrieren als A-Stars waren kurz danach vorbei. Heute sind alle erfolgreich im Fernsehen tätig. Sherilyn Fenn ("Twin Peaks") ist immer hübsch anzuschauen und spielt ihre hin- und hergerissene, zerbrechliche Heldin im besten Audrey Hepburn-Modus, William Baldwin ist mit Samtstimme, Dackelblick und einem Körper, für den 'Men's Health'-Leser töten würden, ausreichend sexy und zeigt komödiantisches Talent, doch es ist die oft unterschätzte Kelly Lynch, die den Film stiehlt. Lynch wurde in neun von zehn Fällen immer als sexy Vamp besetzt, aber ihre Stärken liegen ganz woanders. Sie ist skurril, witzig, bekommt die besten Szenen und ist die sympathischste Figur im Ensemble. In einer Nebenrolle glänzt Joe Pantoliano als schmieriger Zuhälter von Baldwin.

DREI VON GANZEM HERZEN schreckt als Mainstream-Produkt (natürlich) vor lesbischem Sex komplett zurück (die beendete Beziehung von Lynch und Fenn wird romantisch verklärt und bleibt körperlos), dafür bekommt William Baldwin ausreichend Gelegenheit für erotische Stelldicheins. Regisseur Yurek Bogayevicz sexualisiert seine weiblichen Stars nie und steckt die attraktive Sherilyn Fenn in konservative Klamotten, während Baldwin entweder edle Versace-Teile oder gar nichts trägt. Er übernimmt hier den Part, den Frauen so oft spielen mussten, die aufreizende Hure mit dem goldenen Herzen. Der Film musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er ein altes Klischee bedient, nach welchem Lesben nur einen 'richtigen' Mann brauchen, doch die von Fenn gespielte Figur wird hier eindeutig als bisexuell erzählt, als solche mit ihren Problemen auch ernst genommen, und das politisch dünne Eis wird durch die extrem liebenswerte Darstellung von Lynch, die kein einziges Klischee bedient, ohnehin wett gemacht.

Dazu bemüht sich DREI VON GANZEM HERZEN um ein halbwegs realistisches Setting, lässt seine Charaktere nicht in übergroßen, teuren Apartments wohnen, lässt sie unglamouröse Berufe haben und verzichtet bis zum Ende auf allzu melodramatische Gesten. Als Komödie verzichtet er vollständig auf Slapstick, Verwechslungen oder andere Boulevard-Mittel und setzt stattdessen auf schnippische Dialoge und die Chemie seiner Darsteller. Die stimmt übrigens bei Baldwin und Lynch mehr als bei Baldwin und Fenn, deren Romanze zu sehr dem Lehrbuch der Vorhersehbarkeit folgt. Deswegen - SPOILER-WARNUNG -  funktioniert auch das europäische Ende des Films besser. Da bekommt Baldwin sein Mädchen nicht, hat aber in Lynch eine echte Freundin gefunden und geht gut gelaunt mit ihr aus dem Bild.
Der später entstandene Julia Roberts-Hit "Die Hochzeit meines besten Freundes" (1997) endete übrigens sehr ähnlich, was beweist, dass auch das Massenpublikum nichts dagegen hat, wenn Filme auf stereotype Happy-Ends verzichten, solange es für die Charaktere stimmt. Diese banale Weisheit wird allzu oft vergessen, bzw. ignoriert. So wurde denn auch für das amerikanische Publikum von DREI VON GANZEM HERZEN ein 'klassischer' Schluss gedreht, der die Liebenden vereint und die lesbische Connie leer ausgehen lässt. Na, Bravo.

DREI VON GANZEM HERZEN kam an den Kinokassen nicht gut an, hat sich aber auf Video einen kleinen Fankreis erarbeitet. Hierzulande ist er nicht auf DVD erhältlich, dafür gibt es in den USA eine sehr schöne Edition mit beiden Enden.

7.5/10

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