Dienstag, 2. Oktober 2012

Die blaue Hand (1967)

Der 28. Edgar Wallace-Film DIE BLAUE HAND stellt gleich in doppelter Hinsicht eine Premiere dar. Klaus Kinski darf hier erstmals in einem Wallace nicht nur eine Haupt-, sondern gleich eine Doppelrolle spielen, und Ilse Pagé gibt ihr Debüt als sexy Sekretärin Miss Mabel Finley, die ihrem Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) mit Hüftschwung und kessen Sprüchen den senilen Kopf verdreht. Ansonsten handelt es sich bei dieser Mörderhatz mit Kapuzenschreck um einen typischen Farb-Wallace voller Absurditäten, mit reichlich freiwilliger sowie unfreiwilliger Komik, maskierten Killern, kreischenden Jungfrauen und finsteren Irrenanstalten, die von noch finstereren Irrenärzten geleitet werden.

Der Plot ist zu konfus, um in der Nacherzählung viel Sinn zu ergeben, daher nur in Kürze: Kinski spielt einen unschuldig wegen Mordes verurteilten Adelsspross, der als geistig unzurechnungsfähig erklärt wird und in die Psychiatrie des skrupellosen Dr. Emerson (Carl Lange, dem stets das Monokel aus dem Gesicht fällt, wenn er sich wundert) eingeliefert wird, aus dem er aber fliehen kann. Er erreicht das Familienschloss und gibt sich als sein Zwillingsbruder Richard (ebenfalls Kinski) aus, der gleichzeitig spurlos verschwindet. Während Scotland Yard ermittelt, tötet ein Unbekannter mit der blauen Krallenhand einer Ritterrüstung der Reihe nach die Geschwister von Dave und Richard...

Natürlich geht es - wie so oft bei Wallace - um die Millionenerbschaft, die jemand ganz für sich allein haben möchte und deswegen alle weiteren Erbberechtigten ausschaltet. Alfred Vohrer inszeniert das wirre, gelegentlich spannende, aber immer temporeiche Geschehen in bekannten Abläufen, wobei sein gewohnter Kameramann Karl Löb hier nicht zur Verfügung stand. Das merkt man aber nicht. Tatsächlich sind die frühen Szenen, in denen Kinski nächtens aus der Irrenanstalt entfleucht und - von Bluthunden verfolgt - durch den Nebelwald rennt, reinster Expressionismus, bei dem sich zeigt, wie nah die Farbfilme der Wallace-Reihe dem italienischen Giallo waren (auch die Tatwaffe des Killers erinnert stark an Bavas Vorbild "Blutige Seide", 1963). Natürlich nur äußerlich, versteht sich. Inhaltlich sind sie Lichtjahre entfernt von den psycho-sexuell gestörten Mördern und modernen Settings des Giallo-Kinos. Bei Wallace lebt das gute alte Kintopp fröhlich weiter, mit allen Klischees, bundesdeutscher Spießigkeit und dem gepflegten Altherrenwitz. Die Irrenärzte sind natürlich alle selber irre, Vorgesetzte grundsätzlich vertrottelt, englische Schlösser stets spinnwebenverhangene Rumpelkammern, und Frauen dürfen entweder durchtriebene Luder oder hilflos kreischende Opfer sein (mit Ausnahme von Miss Finley).

Mit Logik oder Realismus hat das alles nichts zu tun und will es auch gar nicht. Da dürfen die Yard-Inspektoren einfach mal ohne Grund oder Einladung im Schloss und in sämtlichen Privatangelegenheiten der Bewohner herumschnüffeln, während vergreiste Butler lauschend im Geschirrschrank sitzen ("Oh, Verzeihung, Mylady!"). Man wartet jederzeit darauf, dass die seltsame Gräfin zur Tür hereinspaziert. Bei Wallace soll man seinen Kopf ausschalten, die Füße hochlegen und sich amüsieren. Das funktioniert hier über weite Strecken, dazwischen auch mal nicht, wenn es gänzlich albern wird.

Das Ensemble kann sich dabei absolut sehen lassen. Für Kinski-Fans ist DIE BLAUE HAND selbstverständlich ein Fest, denn der darf gleich in zwei Rollen auf seine unnachahmliche Art und Weise chargieren. Das macht ihm so schnell keiner nach. Harald Leipnitz ist ein solider Ermittler, als Yard-Chef gibt Herr Schürenberg wieder eine Glanzvorstellung, Ilse Pagé ist mit spitzen BHs und flottem Mundwerk eine echte Bereicherung für die Reihe, und Ilse Steppat, die dank ihrer Präsenz bald zur zweiten Hand von Bond-Bösewicht Blofeld im besten 007-Abenteuer aller Zeiten ("Im Geheimdienst ihrer Majestät", 1969) aufsteigen durfte, bringt ein bisschen Diven-Klasse in den Film, wie es vor ihr nur die Flickenschildt konnte. Komponist Martin Böttcher hat einen seiner besten Wallace-Scores für DIE BLAUE HAND komponiert.

Insgesamt für Fans ein Muss, für Nostalgiker ebenfalls. Wer nach guten Geschichten, interessanten Charakteren, britischer Atmosphäre oder subtilem Witz sucht, ist hier so falsch wie der unheimliche Mönch im Luxusbordell. 

07/10

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