Samstag, 6. Oktober 2012

Der Bucklige von Soho (1966)

Die armen Buckligen haben es aber auch nicht leicht. Sie durften in der Filmgeschichte entweder die Glocken von Notre Dame läuten oder in billigen Trash-Filmen die irren Killer und Handlanger der Oberverbrecher spielen, weil physische Abnormitäten in der Welt des Films zwangsläufig auch psychische Unzurechnungsfähigkeit bedeuten. Ich finde, es wird endlich Zeit, die Buckligen zu Helden zu machen!

Der 26. Film der Edgar Wallace-Reihe namens DER BUCKLIGE VON SOHO war der erste vollständige Farb-Wallace (zuvor waren lediglich einige Vorspänne der Schwarzweiß-Filme in Farbe) und als solcher natürlich ein Ereignis. Um dem Publikum den Übergang ins neue Farb-Zeitalter so schmackhaft wie möglich zu machen, wurde auch an anderer Stelle ordentlich geklotzt. Mit den Wallace-Romanen hat das alles zwar nicht mal dem Titel nach noch etwas zu tun, aber die üblichen Klischees und Verdächtigen der Reihe werden hier sämtlich aufgefahren und unterhaltsam überdreht.

Zum Inhalt: Eine amerikanische Millionenerbin (Monika Peitsch) wird kurz nach ihrer Ankunft in London gekidnappt und in einem Erziehungsheim für Mädchen gefangen gehalten, während eine Betrügerin ihren Platz einnimmt, um das Erbe im Auftrag eines unbekannten Drahtziehers an sich zu bringen. Gleichzeitig mordet ein unheimlicher Würger junge Frauen, die von der Erziehungsanstalt genug haben. Inspektor Hopkins (Günther Stoll) und sein Chef Sir John (Siegfried Schürenberg) ermitteln auf Schloss Castlewood (den Namen muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen), in dem sich möglicherweise der Oberverbrecher versteckt...

DER BUCKLIGE VON SOHO ist zweifellos einer der besten Beiträge der Wallace-Farbfilme. Regisseur Alfred Vohrer hält das Tempo hoch, wechselt ständig die Schauplätze und sorgt dafür, dass man als Zuschauer kaum die Auflösung erraten kann. Dazu bietet er ein Ensemble, bei dem man als Fan nur mit der Zunge schnalzen kann. Leider stand Joachim Fuchsberger nicht zur Verfügung, weswegen Günther Stoll die Inspektoren-Rolle souverän übernimmt, wobei sein Part eher nebensächlich ausfällt. Die Show stehlen die grandiosen Nebendarsteller, die sich gegenseitig im Overacting überbieten, sei es die wunderbare Agnes Windeck als seltsame Gräfin, Hubert 'Hupsi' von Meyerinck als vertrottelter General, der regelmäßig irgendwelche Wüstenschlachten mit Spielzeugpanzern im Keller nachstellt (eine Idee, die - wie viele andere - sehr an die britische Kultserie "Mit Schirm, Charme und Melone" erinnert) oder der Herr Schürenberg, der im Erziehungsheim ganz schön ins Schwitzen gerät ("Ich mache mir nichts aus Mädchen - wenn sie tot sind") und von Meyerinck treffend als 'Playboy-Spätlese' bezeichnet wird.
Die größte Überraschung dürfte allerdings Eddi Arent sein, der hier auf der falschen Seite des Gesetzes steht und hinter der Verkleidung eines Pfarrers eine Spielhölle mit integriertem Bordell leitet. Nach all den Jahren fröhlicher Albernheiten sei ihm dieser Rollenwechsel gegönnt, obwohl man ihm anmerkt, dass er sich anstrengen muss, böse zu wirken. Der Sympathieträger fällt ihm deutlich leichter.

Die beste Darstellung liefert (natürlich) Gisela Uhlen als eiskalte Bordell-Chefin, die für Geld 'ihre Seligkeit' verkauft, und das ohne mit der Wimper zu zucken. Herrlich! Daneben gibt Ilse Pagé ihren Einstand bei Wallace als frühes Opfer des buckligen Würgers. Bereits im nächsten Film sollte sie dann ihre feste Rolle als Sekretärin Miss Finley bekommen, in der sie uns und der Minirock-Industrie so viel Freude bereitet hat.

Das Drehbuch von Herbert Reinecker kann mit zahlreichen überraschenden Wendungen aufwarten, hält ein paar echte (und beabsichtigte!) Brüller parat, und es gibt nur wenige wirklich peinliche Momente. Vielleicht hätte er auf die (was sonst?) lesbische, übergewichtige Anstaltsaufseherin mit der Reitgerte im Ausschnitt verzichten können, die nur zu gern ihre Mädels peitscht. Und der dämlichste Moment folgt auf dem Fuß, wenn die zur Arbeit in der Wäscherei und zur Prostitution gezwungenen Damen unter der Gemeinschaftsdusche stehen und nicht etwa Ausbruchspläne schmieden oder die ermordeten Mitgefangenen betrauern, sondern - bitte festhalten! - fröhlich kichern und herumalbern. Warum? Weil junge Frauen, die zusammen duschen, das immer so machen! Ja, ist so! 

Und eine letzte Frage: wieso wird in einem britischen (!) Erziehungsheim "Wem Gott will rechte Gunst erweisen" gesungen??


7.5/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...