Montag, 10. September 2012

Shame (2011)

Der attraktive Mittdreißiger Brandon (Michael Fassbender) verdient viel Geld, lebt allein in einem Designerapartment und hat unglaublich viel anonymen Sex. Seine längste Beziehung hielt vier Monate. Als seine schwierige Schwester Sissy (Carey Mulligan) plötzlich bei ihm hereinschneit, wird Brandons tägliche Routine durchbrochen und offenbart dessen tiefe Probleme hinter der aalglatten Fassade. Voneinander angezogen und abgestoßen taumeln die beiden auf eine Katastrophe zu...

SHAME (Shame) von Regisseur Steve McQueen sorgte aufgrund seines offenherzigen Umgangs mit Sex für Aufsehen bei den Filmfestspielen von Venedig, wo Hauptdarsteller Fassbender den Schauspielerpreis gewann. In Amerika wurde der Film mit einem NC-17-Rating belegt, dabei muss man feststellen, dass es weitaus kompromisslosere und drastischere Werke zum Thema gibt. Möglicherweise war man in den USA mehr entsetzt über die Tatsache, dass Fassbender mehrfach nackt über die Leinwand huscht, was offenbar immer noch ein Tabu zu sein scheint. Albern, aber wahr. Der Sex jedenfalls ist durchweg simuliert und nicht besonders anstößig. Die deutsche 16er-Freigabe ist völlig angemessen.

SHAME erhielt überwiegend positive Rezensionen, von einem Meisterwerk war oft die Rede, mich persönlich hat der Film leider nicht ganz überzeugt. Ja, die Kameraführung ist hervorragend, die Schauspieler sind exzellent, einige Szenen und Montagen haben eine durchaus verstörende Qualität, aber es gibt auch eine Menge Leerlauf und sehr viele Klischees, zu denen auch die viel zu lang gehaltenen Einstellungen und Plansequenzen zählen, die mittlerweile zum Standard im Arthouse-Kino geworden sind - so, als ob man immer etwas entdecken könne, wenn man nur lange genug draufhält (bestes Beispiel dafür ist Brandons Date mit einer Arbeitskollegin im Restaurant, das in Echtzeit abläuft und in nur einer Einstellung gehalten wird). Auch das Stilmittel, die Menschen stets an den äußeren Bildrand zu quetschen, um deren Distanz zu ihrer Umgebung und sie somit als isoliert zu kennzeichnen, ist ein gern genommenes. Die komplette Humorlosigkeit auch.

Um nicht missverstanden zu werden: SHAME ist weißgott kein schlechter Film, aber mir ist hier vieles zu offensichtlich. Das Apartment von Brandon ist teuer, aber leer (man erwartet jeden Moment, dass Kim Basinger mit Mickey Rourke im Schlepptau um die Ecke gekrabbelt kommt, um Geldscheine vom gelackten Fußboden aufzusammeln) - soll heißen, er führt ein 'leeres' Leben, verstanden, Häkchen drunter. Brandons Schwester trägt im Gegensatz zu Brandons Grau-in-Grau-Look ein knallig-buntes Outfit mit rotem Hut und Leopardenmantel - soll heißen, sie ist 'lebendig', durchgeknallt und wird Brandons sterile Umgebung durcheinanderbringen, verstanden. Sissy ist so problembeladen, dass sie die Worte "Inzest" und "Suizid" auch auf Plakaten mit sich herumtragen könnte. Brandon hat anonymen Sex, ist süchtig nach Internet-Pornos und denkt immer nur an das eine, soll heißen, er kompensiert seine Einsamkeit und Intimitätsprobleme mit oberflächlichen Reizen. Verstanden!

Und da sind wir schon beim Hauptpunkt. Was mich an SHAME am meisten stört, das ist die merkwürdig konservative Moral, in der anonymer Sex stets gleichbedeutend mit innerer Leere ist (das kennen wir aus hundert anderen Beispielen bis hin zu Romantic Comedies wie "Was der Herz begehrt", wo Jack Nicholsons Vorliebe für jüngere Frauen natürlich ein pathologisches Problem darstellt, das nur durch die Liebe einer reifen, sprich, zu ihm 'passenden' Frau gelöst werden kann).
Gegen Ende, wenn Brandons Leben sich schon im Auflösungsprozess befindet und er wie ein in die Enge getriebenes Tier nach jeder Art Sex geifert, um wieder ins Gleichgewicht zu finden, sucht er einen schwulen Darkroom (das letzte Refugium der Hedonisten?) auf, wo er seinen 'Fix' bekommt (soll heißen, er bekommt einen geblasen). Dieser Darkroom stammt übrigens direkt aus "Irreversible" (2002) und soll so etwas wie der Vorhof zur Hölle sein (archaisch anmutende, bärtige Männer in feuerrotem Dunkel). Man wundert sich, wie in einem doch so 'offenen' Arthouse-Werk plötzlich die Homophobie um die Ecke lugt (wieder à la "Irreversible"), und es offenbart sich doch eine erschreckend begrenzte Weltsicht. Der Besuch in einem echten Darkroom hätte vielleicht geholfen, dass die Szene nicht ganz so wertend und unrealistisch wirkt. Wie es scheint, kann man mit Sex immer noch Aufmerksamkeit erlangen, ohne dafür sehr viel Substanz mitliefern zu müssen.

Dass das alles gut gespielt und berückend fotografiert ist (insbesondere Brandons Streifzüge durchs nächtliche Manhattan und die U-Bahn-Sequenzen, die effektiv mit Hans Zimmers Musik aus "The Thin Red Line" unterlegt sind), täuscht nicht darüber hinweg, dass SHAME - zumindest für mich - ziemlich wenig zu sagen hat. Er beginnt hypnotisch und vielversprechend, lässt dann aber immer mehr nach - wobei die letzte Einstellung des Films dann wieder großartig geraten ist. Augen können so viel mehr sagen als Worte. Besonders, wenn sie Michael Fassbender gehören.

05/10

Kommentare:

  1. Hm, schade. Klingt nicht so, als schaue ich mir das an - ich mag ja so plakative Klischees gar nicht, sondern eher wenn es subversiv und unterschwellig rüberkommt. Hast Du "Der Zementgarden" gesehen? Dagegen ein genialer Film - ich vermute, es geht um ein ähnnliches Thema zwischen Bruder und Schwester. Der Film ging mir tagelang nicht aus dem Kopf - war einfach zu gut gemacht.
    Michael Fassbender ständig nackt? Vielleicht schau ich mir den doch an ;)

    Dunkle Grüße
    Shan

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  2. Ja, der Zementgarten ist zehnmal besser, finde ich. Aber wie gesagt, mit meiner gedämpften Meinung stehe ich ganz schön alleine da, insofern will ich niemanden davon abhalten, sich selbst ein Bild zu machen. :-)

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