Dienstag, 18. September 2012

Friedhof der Kuscheltiere (1989)

Für viele Fans des Bestseller-Autors Stephen King galt FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE (Pet Sematary) lange als sein bestes Werk (mein persönlicher Favorit wäre 'Misery', aber ich habe bei weitem nicht alle King-Bücher gelesen), umso gespannter war man auf die unvermeidliche Verfilmung. Zunächst sollte George A. Romero die Story adaptieren, der sich mit Zombies auskennt wie kein Zweiter. Das hätte eine fantastische Kombination werden können (der beste Horrorfilm, der nie gemacht wurde?). Romero hatte aber länger keinen Hit, und sein (finanzieller) Flop "Zombie 2" (1985) war den Verantwortlichen noch in schlechter Erinnerung.

Mary Lambert erhielt schließlich den Zuschlag und inszenierte nach dem Drehbuch von King persönlich den zu erwartenden Kinohit, der das Mainstream-Publikum mit seinen düsteren Themen (Kindstod, Kannibalismus, Suizid und Matrizid, um nur einige zu nennen) schockierte. Der Film konzentriert sich auf die oberflächlichen Horror-Aspekte des Romans, ohne die Urängste und den Schmerz des Verlustes eines geliebten Menschen auch nur ansatzweise wiederzugeben, die das Buch so intensiv machen. Nun muss man aber sagen, dass eine werkgetreue Umsetzung vermutlich ein absolut deprimierender, verstörender und todtrauriger Film wäre, den man kaum noch als Unterhaltung wahrnehmen könnte. Insofern haben Mary Lambert und King im Grunde alles richtig gemacht. Ihr Auftrag lautete, aus einem unverfilmbaren Buch einen Hit fürs Massenpublikum zu basteln, den haben sie ausgeführt. Man darf gespannt sein, ob die Gerüchte über ein Remake wahr werden und wie dann das Ergebnis ausfällt.

Zum Plot: das junge Ehepaar Creed (Dale Midkiff und Denise Crosby) zieht mit zwei Kindern an eine viel befahrene Landstraße in ländlicher Idylle. Legenden nach soll es hinter dem örtlichen Tierfriedhof eine alte Indianerstätte geben, von der die Toten zurückkehren, die dort begraben werden. Als die geliebte Katze der Creeds überfahren wird, kann Papa Creed die Nachricht seiner gerade abwesenden Tochter nicht beibringen und begräbt das Tier auf dem Indianerfriedhof, von wo es kurz später tatsächlich zurückkehrt. Aus dem süßen Kätzchen ist aber eine Höllenbestie geworden. Als dann noch der kleine Sohn der Creeds bei einem Unfall ums Leben kommt, stiehlt der verzweifelte Papa ihn aus dem Grab und beerdigt ihn ebenfalls auf dem Indianerfriedhof. Mit furchtbaren Konsequenzen...

Es sind in der Tat lauter unbequeme Themen, mit denen Kings Geschichte spielt. Die Angst, dass seinen eigenen Kindern etwas passieren könne, hat ihn zu dieser Story inspiriert, in der das Unglück über die Familie hereinbricht wie ein nicht enden wollender Orkan, und in der die schlimmsten Alpträume aller Familienmitglieder wahr werden. Formal ist Mary Lambert ein durchaus ansehbarer Horrorfilm gelungen. Ganz besonders in Erinnerung bleibt die Musik von Elliot Goldenthal, der das groteske Geschehen grandios untermalt. Immerhin, nichts unterstützt eine durchtrennte Achillessehne besser als kreischende Geigen.
Visuelle Schockeffekte sind reichlich vorhanden und können dem anvisierten Mainstream-Publikum, das nicht jeden Tag getötete Kinder, erhängte Mütter und gefrorene Katzen zu sehen bekommt, die Haare zu Berge stehen lassen. Lambert springt von einem Höhepunkt zum nächsten, was ihren Film sehr unterhaltsam macht.

Leider inszeniert sie die Geschichte aber auch wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen und serviert alles mit dem Holzhammer. Ein gutes Beispiel dafür ist der Moment, an dem Vater Creed beschließt, den toten Sohn aus dem Grab zu holen. Das ist bei King nachvollziehbar, weil man die unendliche Trauer und Verzweiflung des Mannes spürt. Im Film fragt man sich eher, warum er aus den schlechten Erfahrungen mit der Katze nichts gelernt hat. Natürlich ist es schwierig, die inneren Vorgänge darzustellen, doch Lambert gibt sich auch keine besondere Mühe. Hauptdarsteller Midkiff begnügt sich damit, hübsch zu lächeln, ein paar Kullertränchen zu vergießen und ansonsten Schwiegermuttis Liebling zu spielen. Das ist einfach zu wenig bei einer so komplexen Rolle, in der ein Mann von Schmerz und Trauer so überwältigt wird, dass er nach und nach den Verstand verliert.

Schon besser geht Denise Crosby mit einer ebenso schwierigen Rolle um, aber sie wird immer in die zweite Reihe gedrängt, bis sie zum Finale wieder auftaucht (was sehr dünn motiviert ist und im zeitlichen Ablauf wenig Sinn ergibt). Dort mutiert FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE dann endgültig zum Zombie-Schocker, wobei man die Leistung von Kinderstar Miko Hughes ("Wes Cravens New Nightmare", 1994) nicht genug loben kann, der als untotes Balg aus der Hölle wirklich für Gänsehaut sorgt und dennoch eine tragische, bemitleidenswerte Figur bleibt (wobei er - aus verständlichen Gründen - in den besonders fiesen Momenten gedoubelt wird, wahlweise von einem kleinen Mann und einer Puppe).
Hughes Filmschwester hingegen spielt schwach (entweder schmollt sie, oder sie heult), ist schon manieriert wie eine Erwachsene und bekommt viel zu viel Filmzeit. Einige zusätzliche Längen des Films gehen auf das Konto von 'Opa Munster' Fred Gwynne, der den warnenden Mümmelgreis im Overactor-Modus spielt. Herrlich blöde ist der Moment, wenn Creed ihn fragt, ob mal jemand einen Menschen auf dem Indianerfriedhof begraben hat, woraufhin Gwynne sämtliche Bierflaschen vor Schreck umschmeißt ("Nein! Um Himmels Willen! Wer hätte denn...?"). Sehr subtil. Warum er jedem Dahergelaufenen von dem Friedhof erzählt, obwohl er genau weiß, welch grauenvolles Unheil damit verbunden ist, das bleibt auch sein Geheimnis.

Was leider gar nicht funktioniert ist der Versuch, schrägen Humor in die bittere Geschichte zu zwängen, wenn der 'Geist' eines verstorbenen Schülers (gespielt vom geisterhaften Brad Greenquist, der uns als irrer Frauenmörder aus "Das Schlafzimmerfenster" noch in guter Erinnerung ist) das Geschehen begleitet und zynische Oneliner von sich gibt, während ihm eine Gehirnhälfte aus dem Schädel tropft.
Gänzlich geschmacklos und unangenehm ist die Darstellung der an Multiple Sklerose erkrankten Filmschwester Denise Crosbys. Anstatt die richtige Mischung aus Grauen und Empathie zu erzeugen (wir sehen sie durch Crosbys Augen, die als Kind die Schwester pflegen musste und nie darüber hinweg gekommen ist), präsentiert der Film die Kranke als widerliches, schmatzendes Schreckgespenst. Das ist nicht nur unangemessen und im höchsten Maße unsensibel, sondern absolut stumpfsinnig.

Der beste Moment hingegen gelingt Mary Lambert beim Tod des Kindes, dessen Unfall lediglich über eine Montage aus Bildern eines Fotoalbums und einen blutigen Kinderschuh erzählt wird. Hier wendet Mary Lambert die ganz alte, aber immer noch gültige Regel des Horror-Kinos an, in der das Grauen im Kopf des Zuschauers sehr viel effektiver ist als das Gezeigte auf der Leinwand. Leider präsentiert sie im restlichen Film lieber auslaufende Matschaugen, als der Imagination des Publikums zu vertrauen. Ich erinnere mich allerdings daran, den Film im zarten Alter von 18 im Kino gesehen zu haben, wo einige unvorbereitete Erwachsene wirklich der Ohnmacht und Brechanfällen nahe waren.

Unterm Strich ist FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE sehr schwer zu beurteilen, deswegen gehen die Meinungen auch stark auseinander. Ich habe ihn selbst bei mehrmaligem Sehen jedesmal anders empfunden. Dass er sein Potential nie ausschöpft, darüber sind sich wohl alle einig. Seine Wirkung im Kino war auf jeden Fall besser als auf dem Bildschirm zu Hause.
Nichts aber in FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ist so schlimm wie der Rocksong der 'Ramones', der mit den ersten Abspanntiteln das Publikum brutal aus jeder Gruselstimmung herausreißt und mit einem idiotischen Refrain ("I don't wanna be buried... in a pet cemetery") aus dem Kino treibt. Eine völlige Geschmacksentgleisung, bei der einem der arme Elliot Goldenthal Leid tun kann.

Und eine letzte Bemerkung: gegen die krude, geschmack- und spannungslose Fortsetzung "Pet Sematary 2" (1992), die ein gewaltiger Flop wurde, ist FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE ein Meisterwerk.

07/10

Kommentare:

  1. In der Kindheitserinnerung die kranke Person monströs darzustellen halte ich für richtig, da es in der Erzählung ja um die Beobachtung aus Kindersicht geht, und da steht die eigene Angst nun mal vor der realistischen Wahrnehmung. Lambert muss dem erwachsenen Zuschauer wohl kaum zeigen, wie bemitleidenswert die Kranke alternativ in Wirklichkeit lebte und wirkte. Das weiß er auch so. Ansonsten ein gelungenes Review! :)

    AntwortenLöschen
  2. Ich verstehe schon, dass es die subjektiven Kindheitserinnerungen sind, aber das Makeup ist mir da einfach zu albern, zu sehr Geisterbahn. Vielleicht hätte ich hier (wie bei vielem im Film) auf die Darstellung ganz verzichtet - so wie wir in "The Haunting" auch nie Eleanors kranke Mutter sehen müssen, um zu verstehen, wie die Tochter gequält wurde.

    AntwortenLöschen
  3. Ich denke generell, dass Horrorfilme mit dem "weniger ist mehr"-Prinzip im allgemeinen besser fahren. Gerade wenn sie gruseln sollen, von daher kann ich schon verstehen was Du meinst. Die besagte Szene ist ja aber nun weniger Grusel als viel eher zu vergleichen mit einer Nightmare On Elmstreet-Alptraumsequenz, Erinnerung anstatt Traum und absichtlich grotesk gewollt. Ich denke sie stößt Dir so sauer auf, weil sie, sofern ich mich erinnere, im Film selbst für sich alleine dasteht und sich nicht dem Rest fügen will. Allerdings kann ich das schwer einschätzen, ist die Sichtung dafür doch schon etwas zu lange her.

    AntwortenLöschen
  4. Naja, sie stößt mir vor allem sauer auf, weil hier - wie an vielen Stellen im Film - auf einen billigen Schockeffekt denn auf nachvollziehbaren Horror gesetzt wird. Cronenbergs "Die Fliege" ist doch ein gutes Beispiel, wie man mit dem Thema Krankheit komplexer umgehen kann. Auch da gibt es Shock und Ekel, aber man erkennt auch die Hilflosigkeit, den unaufhaltsamen Verfall, die Verzweiflung der Angehörigen (klar, es ist das Hauptthema des Films und nicht nur eine kurze Episode wie hier, insofern hat es Lambert schwerer). Das verstärkt für mich den Horror und macht ihn nachvollziehbarer. Letztlich ist das natürlich alles Geschmackssache. Gruß von Mathias.

    AntwortenLöschen
  5. Das ist eine sehr gut argumentierte Antwort, an welcher der Unterschied zwischen uns klar heraus kommt. Ich persönlich störe mich nicht an billigen Schockeffekten. Vielleicht wenn ein Horrorfilm nichts weiter bietet, aber selbst dafür wäre ich wahrscheinlich viel zu sehr Trash-Fan, als dass mich das ernsthaft stören würde. Dennoch verstehe ich es durchaus, dass man gerne auch mal Genrebeiträge sichten möchte, die anspruchsvoll genug sind um darauf gänzlich zu verzichten. Geht mir schließlich genauso.

    Ich persönlich halte Vorlagen von Stephen King in der Regel aber allgemein für eine schlechte Basis auf einen diesbezüglich anspruchsvolleren Film zu hoffen. Seine Verfilmungen beinhalten doch eigentlich immer auch den billigen Schockeffekt. Als Ausnahmen fallen mir gerade nur "Shining" und "Misery" ein. Sicher kann man eine solche Szene dann trotzdem kritisieren, aber ist "Friedhof der Kuscheltiere" dafür nicht viel zu triviales Unterhaltungs-Kino?

    Freilich muss ich mich bei dieser Frage selbst etwas bremsen, immerhin gibst Du in Deiner Review ja mit solchen Beispielen nur einen Einblick wie der Film gestrickt ist und hebst das Thema über das wir hier diskutieren nicht zentral hervor. Von daher will ich es an dieser Stelle nicht zu sehr übertreiben. Auf jeden Fall danke für die interessanten Antworten. :)

    AntwortenLöschen
  6. Das stimmt, die King-Romane geben selten anspruchsvollen Horror ab, da gebe ich Dir völlig Recht ("Dolores" würde ich zu den genannten Beispieln noch hinzufügen). Und ich muss dazu sagen, dass ich prinzipiell gar nichts gegen billige Schocks habe (siehe dazu meine Zombie-Rezensionen), hier hätte ich mir einfach mehr gewünscht. Es kommt halt immer auf den Kontext und die Absicht des Films an. "Kuscheltiere" will ja eigentlich kein Trash sein, denke ich. Ich bin gespannt, ob es ein Remake geben wird und wie das dann damit umgeht. Und ich glaube, so unterschiedlich sind unsere Standpunkte gar nicht. :-)

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...