Montag, 13. August 2012

Wenn der Klempner kommt (1979)

Einen guten Handwerker zu bekommen, kann schwierig sein. Was aber, wenn man ihn nicht mehr los wird?

Peter Weirs WENN DER KLEMPNER KOMMT (The Plumber) ist eine Mischung aus Horrorfilm und Satire und wurde fürs australische Fernsehen gedreht, kam aber nach dem internationalen Erfolg von Weirs "Picknick am Valentinstag" (1975) auch in die Kinos. Sein Film ist im Grunde ein Dreipersonenstück mit ebenso origineller wie unheimlicher Ausgangssituation: Unverhofft und unbestellt steht eines Tages der Klempner Max (Ivor Kants) vor der Tür des Ehepaares Jill (Judy Morris) und Brian (Robert Coleby). Angeblich gibt es in dem hypermodernen, gesichtslosen Apartmentkomplex Probleme mit den Rohren, auch wenn diese niemand bemerkt hat. Der Klempner macht sich gleich an die Arbeit. Dabei dringt er in das Privatleben der Bewohner ein und verwandelt das Badezimmer in eine Baustelle, die immer alptraumhaftere Züge annimmt. Brian ignoriert die Warnungen Jills, der Klempner sei verrückt und müsse endlich verschwinden, bevor er ihre gesamte Wohnung zerlegt oder ihr etwas antut. Zwischen Jill und dem Klempner entwickelt sich ein immer drastischeres Psychospiel...

Klingt gut, oder? Ist es auch. WENN DER KLEMPNER KOMMT gehört zu den 'Was wäre wenn?'-Filmen und spielt seine brillante Idee von vorne bis hinten intelligent durch. Der Horror entsteht dabei vor allem durch die Nachvollziehbarkeit der Grundsituation. Wahrscheinlich findet jeder von uns es unangenehm, einen Fremden im Haus zu haben, der sich ausgerechnet auch noch im Badezimmer, unserem privatesten Raum, aufhält und dort wer weiß was anstellt. Die Auswüchse der seltsamen Klempnerarbeit, in deren Verlauf das Badezimmer sich in ein Labyrinth aus Rohren und Schutt verwandelt, nehmen immer bizarrere Formen an und sorgen neben der klaustrophobischen Spannung auch für bösartigen Humor, etwa wenn eine wichtige Dinnerparty des Paares im Chaos endet, als einer ihrer Gäste kurz auf die Toilette muss und sich dabei fast den Hals bricht.
Die Motivation des Klempners bleibt dabei ein Geheimnis, was das beklemmende Gefühl des Films noch verstärkt. Je weniger wir über die Gründe absurden Verhaltens wissen, umso weniger können wir etwas dagegen unternehmen (ein Hauptgrund, warum aktuelle Remakes erfolgreicher Horrorfilme wie "Nightmare o Elm Street" so schwach sind, weil sie alles erklären müssen, was vorher im Dunkeln blieb). Auch die schüchterne Jill ist von der Situation hoffnungslos überfordert. Anfangs verhält sie sich nett und wehrt sich nicht gegen die übergiffige Art des grobschlächtigen Klempners, später hat sie Schuldgefühle, weil sie zu viel von sich preisgegeben hat.

Hier zeigt sich, dass Peter Weir mehr als nur einen Psychothriller als Kammerspiel erzählen will, denn sein Film ist auch eine Studie über Klassenunterschiede und den schmalen Grat zwischen der Zivilisation und dem Gesetz des Dschungels, ein Clash der Kulturen, wie er ihn auch in "Valentinstag" und "Die letzte Flut" (1977) geschildert hat. Jill ist Anthropologin und schreibt an einer Arbeit über afrikanische Stämme. Ihre Wohnung steckt voller afrikanischer Kunst als Dekoration, über die sich der Klempner lustig macht (ebenso wie über den Haarausfall ihres Mannes, den er durch das Inspizieren des Badezimmers erkannt hat). Jills Mann Brian ist Professor und erforscht (verblüffend aktuell!) die negativen Folgen industriell gefertigter Nahrung auf den Konsumenten. Der Klempner war (angeblich) im Gefängnis, hält sich selbst für einen Rebell der Arbeiterklasse und macht dumme Witze über Vergewaltigung. Als liberale Intellektuelle steckt Jill sofort nach Ankunft des Klempners in der Zwickmühle. Verhält sie sich freundlich, überschreitet er sofort alle Grenzen der Intimsphäre, verhält sie sich abweisend, wird ihr das als Überheblichkeit ausgelegt ("Sie halten sich wohl für was Besseres!"). Die Gesetze der modernen Welt sind aber die gleichen wie im Dschungel. Wenn Jill schließlich eine hinterhältige Intrige spinnt, um den Klempner loszuwerden, verwandelt sie sich von der mausgrauen Professorengattin in eine verführerische Amazone und wird auf der Tonspur von Buschtrommeln begleitet.

Mit seinen knapp 75 Minuten Spielzeit hat WENN DER KLEMPNER KOMMT keine Längen, ist hervorragend gespielt und gehört zweifellos zu Peter Weirs besten Filmen. Er beweist furios, was wir alle schon wussten, nämlich dass für einen von Anfang bis Ende fesselnden Film keine Schnittfeuerwerke, Special Effects oder visuelle Sensationen (oder gar albernes 3-D) nötig sind. Es genügt schon, eine gute Idee zu haben und diese konsequent und scharfsinnig umzusetzen. Natürlich ist das die weitaus schwierige Art, Filme zu machen. Zu schade, dass Weir nach Hollywood ging und sich dort dem Mainstream unterordnete.

09/10


Kommentare:

  1. Hallo Mathias,
    tolle Rezension! den Film will ich sehen!

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  2. Den gibt's leider bislang nur als britische DVD, er kam aber mal vor Jahren auf SAT1, vielleicht wird er ja mal wieder gezeigt. Lohnt sich wirklich. Lieben Gruß!

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  3. Das war ein super Tipp! Ich hab ihn echt genossen und musste ein paar mal richtig auflachen. Zum Beispiel als der Professor von der WHO auf Toilette gehen möchte "If that isnt a problem?" ;) Es ist ja schon der Alptraum, wenn man solch eine Situation im Bad hat, hochrangige Leute daheim zu Besuch zu haben. Ich war das volle Mitgefühl...
    Und Du hast recht, gerade weil man nicht weiß, was das Motiv des Plumbers ist, wird Spannung erzeugt. Das Ende war ebenfalls klasse - sowas mag ich ja. DANKE Dir dafür.

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  4. Sehr gern geschehen! Ja, ein toller, kleiner Film, bei dem man sich gleichzeitig amüsiert und vor Schmerzen windet. LG, Mathias

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