Sonntag, 5. August 2012

Die Teufel (1971)

Ken Russells DIE TEUFEL (The Devils) gehört zu den kontroversesten, skandalträchtigsten und meistgebeutelten Filmen der Geschichte. Er wurde in aller Welt verrissen, verboten, gekürzt und aus den Kinos verbannt. Er erhitzte die Gemüter und sorgte für Diskussionen um Gewaltdarstellungen und Gotteslästerung. Bis vor kurzem gab es keine vollständige Fassung des Films zu sehen, was seinen Kultcharakter nur verstärkte.

DIE TEUFEL basiert auf historischen Tatsachen, die sowohl in einem Theaterstück als auch in einem dokumentarischen Roman geschildert wurden, welche Ken Russell für seinen Film adaptierte. Der Inhalt: Im 17. Jahrhundert widersetzt sich Urbain Grandier (Oliver Reed), Gouverneur und Priester der kleinen französischen Stadt Loudon, den Versuchen Kardinal Richelieus, seine Macht auszudehnen. Er verhindert das Einreißen der Stadtmauern, hinter denen sich nach Ansicht des Kardinals die Protestanten verschanzen. Da Loudon unter dem Schutz des Königs steht, bedient sich der Kirchenvorstand einer Ordensschwester (Vanessa Redgrave), die aus unerfüllter Liebe zu Grandier und aus religiösem Fanatismus heraus behauptet, Grandier sei der leibhaftige Teufel. Ihr Wahn steigert sich in ungebremste Hysterie, die bald die ganze Stadt überfällt. Kurz darauf reist ein Exorzist (Michael Gothard) an, der die Dämonen von Loudon austreiben soll und die Nonnen auf grausamste Art misshandelt und foltert. Grandier hingegen wird in einem Schauprozess zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt...

DIE TEUFEL hat in 40 Jahren nichts von seinem Schock-Appeal verloren. Russells Film ist nach wie vor verstörend, brutal, bizarr und gewaltig. Die pompös-theaterhafte Inszenierung und die geschliffenen Dialoge lassen die Wurzeln des Bühnenstücks noch erkennen, aber der junge Russell ist ein extremer Bilderstürmer, der den Zuschauer mit ständigen Sensationen, Lüsternheiten und Frontalangriffen auf sämtliche Geschmacksnerven bombardiert. Er entwickelt damit einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Nie zuvor und danach hat ein Film religiösen Wahn und das Übergreifen von Hysterie so körperlich spürbar vermitteln können. Russell durchbricht mit Lichtgeschwindigkeit alle Tabugrenzen und zeigt auf dem Höhepunkt des Films eine berauschende Orgie aus Sex und Gewalt, mit nackten Nonnen und einer vergewaltigten Jesusfigur. Diese Sequenz war hauptsächlich der Stein des Anstoßes für Kirchenvertreter und Zensoren, dabei gab es im Rest des Films schon genug zu 'säubern'.

Was bei aller Aufregung über die Exzesse von DIE TEUFEL aber übersehen wurde, ist die Tatsache, wie ernst Russell hier hinter der knalligen Fassade seine Themen aufbereitet. Ähnlich wie in seinen Künstlerbiografien ("Tschaikoswky - Genie und Wahnsinn", 1968) stecken hinter den Übertreibungen historisch belegte Fakten, und die sollten der eigentliche Grund für Wut und Zorn sein. Das fatale Zusammenspiel von Kirche und Staat, Korruption, Repression und Fanatismus bis hin zu Faschismus, davon erzählt dieses Drama und sagt nicht nur einiges über die dunkle Vergangenheit, sondern viel über Gegenwart und Zukunft. DIE TEUFEL sei 'sein einziger politischer' Film, hat Ken Russell stets gesagt. Gegen die politischen Intrigen hat der einzelne keine Chance. Wenn das System gegen den Menschen kämpft, gewinnt immer das System. Es gilt aber, Freiheit und Unabhängigkeit zu verteidigen, selbst wenn es den eigenen Tod bedeutet. Das ist der Inhalt von DIE TEUFEL.

Dementsprechend zeitlos ist der Film gestaltet. Die Stadt Loudon hat nichts mit den bekannten Mittelalter-Gemäuern voller Efeu und Schimmel zu tun (wie man sie vor DIE TEUFEL und heute wieder im Kino findet), sondern wurde vom damals noch unbekannten Designer Derek Jarman, der bald selbst zum gefeierten Arthouse-Regisseur aufsteigen sollte, als ultramoderne, ebenso abstrakte wie realistische Kulisse entworfen und in den Pinewood-Studios komplett aufgebaut. Russell erhielt so eine gigantische Bühne, vor der er den Wahnsinn in Szene setzen kann. Die seltsamen Innenräume des Klosterordens erinnern dabei nicht zufällig an eine öffentliche Toilette.

Daneben muss man anerkennen, dass es sich bei DIE TEUFEL um starkes Schauspielkino handelt. Oliver Reed zeigt die beste Darstellung seiner Karriere, und Vanessa Redgrave wirft sich mit Schmackes in eine Rolle, die für die meisten Schauspielerinnen eine Zumutung wäre. Nicht nur wird sie durch einen grotesken Buckel entstellt, sie muss sich auch noch bei jeder Gelegenheit selbst kasteien und Schmerzen zufügen, darf beim Exorzismus (übrigens einige Jahre vor dem "Exorzisten", 1974) literweise Gemüsesuppe spucken, während sie heiße Einläufe mit übergroßen Klistieren erhält. Eine Szene, in der sie am Ende des Films mit einem übrig gebliebenen Knochen des verbrannten Reed masturbiert, wurde von Russell selbst verworfen, man darf sie sich aber auf den Extras der DVD anschauen. Auch hier steckt großer Ernst hinter den anstößigen Bildern. In Redgraves Träumen sieht man sie als schöne Frau die Füße von Reed küssen, der zu ihr übers Wasser wandelt und vom Kreuz herabsteigt. Ihre Schuldgefühle bei so viel verbotener Lust manifestieren sich in Aggressionen gegenüber ihren Mitschwestern und in der fatalen Beschuldigung gegen Reed. Das kommt eben heraus bei sexueller Repression, wenn die menschliche Natur in Ketten gelegt wird.

Anders als in William Friedkins Film sind die kirchlichen Teufelsaustreiber hier keine netten älteren Herren, die junge Mädels vom Geist des Bösen befreien, sondern sexgeile Sadisten, die andere quälen müssen, um sich wichtig zu fühlen, und die sich wie Popstars verehren lassen. Kein Wunder, dass Michael Gothard aussieht wie eine Mischung aus John Lennon und Janis Joplin. Welches dieser Bilder akkurater ist, darf jeder für sich entscheiden.

Mittlerweile (seit 2012) existiert eine vom BFI (British Film Institute) herausgegebene, hervorragende DVD-Special Edition, in der das Werk endlich wieder in der vom Regisseur vorgesehenen Version zu bestaunen ist. DIE TEUFEL ist nicht nur der beste Film vom ewigen Enfant Terrible Russell, er ist auch eine Sternstunde des Kinos. 40 Jahre nach seiner Entstehung besitzt er noch die Macht, aufzurütteln, aufzuwühlen und zu schockieren. Ein Film, der seinem berüchtigten Ruf mehr als gerecht wird. Von welchem Film der letzten 20 Jahre kann man das noch sagen?
Fazit: Meisterwerk!

10/10

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