Montag, 20. August 2012

Der weiße Hai (1975)

Der Hai ist los vor dem Strand von Amity. Mehrere Urlauber hat er bereits auf dem Gewissen, als der starrköpfige Bürgermeister (Murray Hamilton) endlich bereit ist, seinen Polizeichef (Roy Scheider) mit einem Haiforscher (Richard Dreyfuss) und einem erfahrenen Seebären (Robert Shaw) loszuschicken, um die Bestie zu fangen und zu töten. Doch das ist gar nicht so leicht...

Was soll man über Spielbergs DER WEISSE HAI (Jaws) noch sagen, außer, dass man ihn alle Jahre wieder genießen kann? Gerade ist er auf Blu-Ray veröffentlicht worden und sah nie besser aus, die Scheibe enthält sogar die alte Kinosynchronisation, die zwecks Tonoptimierung in früheren Veröffentlichungen einer grauenvollen Neusynchro weichen musste. fast 40 Jahre sind ins Land gegangen, in denen der Film praktisch nicht gealtert ist und haushoch über allen Nachahmern steht, die immer noch über die Leinwand und den DVD-Vertrieb schwimmen. Und jeder Trash wie "Dinoshark" (2010) lässt einen nur wehmütig an das Original denken.

DER WEISSE HAI ist für den Badeurlaub das, was Hitchcocks "Psycho" (1960) fürs Duschen war. Überhaupt steckt viel Hitchcock in Spielbergs Film. Neben den offensichtlichen Reminiszenzen (wie die berühmte Kombination aus Zoom und Kamerafahrt aus "Vertigo", 1958 an einer dramaturgisch wichtigen Stelle) gehören dazu auch der lakonische Humor ("Wir brauchen ein größeres Boot"), die inhaltliche Bedrohung einer Küstengemeinde durch das Tierreich ("Die Vögel", 1964, der das Genre des Tierhorrors erfunden hat) und das Trauma der männlichen Hauptfigur (Roy Scheider ist als Polizeichef einer Insel wasserscheu), der im Laufe der Story seine Ängste überwinden muss.
Der junge Spielberg ist ein Filmbegeisterter, der seine Vorbilder gut studiert hat und - ebenfalls im Hitchcockschen Sinne - das Publikum unentwegt gekonnt manipuliert. Wir schreien, wenn der augenlose Kopf aus dem Schiffswrack ploppt, wir trauern um den Hund, der beim Stückchenholen plötzlich verschwindet, und wir schämen uns, wenn die Witwe eines getöteten Jungen (dessen blutige, zerfetzte Luftmatratze am Strand völlig ausreicht, um seinen Tod zu erzählen) Roy Scheider vor allen Leuten ein paar runterhaut, weil er die Strände nicht gesperrt hat. Und wir wenden uns mit Entsetzen ab, wenn Robert Shaw bis zur Hälfte im Rachen des Hais steckt und Blut spuckt. Weil der Tod da etwas Banales und Entwürdigendes bekommt. Das ist furchteinflößend.

Dass DER WEISSE HAI aus den 70ern stammt, erkennt man unzweifelhaft an der Figur des Bürgermeisters, der ein paar Tote in Kauf nehmen würde, um sich nicht die Sommereinnahmen versauen zu lassen. Die Ablehnung des Establishments ist symptomatisch für das Kino der 70er, und mit dieser Figur hat Spielberg (bzw. Peter Benchley, Schöpfer der Romanvorlage) einen Prototyp geschaffen, der sich bis heute im Kino hält. - Dass er in der Fortsetzung die gleiche Schiene fährt und erneut jede Vernunft ausschaltet, nachdem er das Ganze im ersten Teil schon mal durchexerziert hat, ist übrigens komplett idiotisch.

Spielberg, dessen erster großer Film DER WEISSE HAI war, macht hier einfach alles richtig, wenn auch manchmal nicht ganz freiwillig. So verursachte der mechanische Hai bei den Dreharbeiten dermaßen viele Probleme, dass Spielberg ihn so lange wie möglich vor dem Zuschauer verbergen musste, was die alte Regel beweist, dass das Grauen vor dem Unbekannten sehr viel effektiver ist als der Schrecken des Sichtbaren. So bekommt das Publikum den Hai in der ersten Filmstunde praktisch nie zu Gesicht. Die mittlerweile berühmte Musik von John Williams wird extrem sparsam eingesetzt und sorgt für absolutes Unbehagen. Wenn man den Film einmal ganz gesehen hat, weiß man übrigens, dass der Hai immer nur anwesend ist, wenn auch Williams' Musik erklingt. In Szenen, in denen Spielberg nur suggeriert, der Hai sei da, bleibt der Soundtrack stumm. Konsequent einfach, einfach genial.

Daneben spielt der Film mit einer ganzen Reihe von Urängsten, von Kastrationsfantasien (das abgerissene Bein des Seglers) bis zur Angst vor dem, was unter der (Wasser-)Oberfläche lauert, er baut auch kaum verhüllte Vietnam-Allegorien ein (das Männerteam in feindlichen Gewässern, gegen einen übermächtigen Gegner). Die schaurigste Sequenz aber gehört nicht dem Hai, sondern Robert Shaw, dessen Erzählung über das Schicksal der 'USS Indianapolis', die die Bombe nach Hiroshima lieferte, zu den unvergesslichsten Monologen der Filmgeschichte gehört.

DER WEISSE HAI hat das Kino für immer verändert. Gemeinsam mit dem Erfolg von George Lucas' "Star Wars" (1977) entstand das 'Blockbuster'-Phänomen. Natürlich gab es zuvor schon erfolgreiche Kassenhits, aber Spielbergs Rekordeinnahmen wurden erstmals auch dokumentiert. Plötzlich erkannte man in der Filmindustrie, dass man mit Filmen reich werden konnte. Aus der Unterhaltungsmaschinerie wurde ein Millionengeschäft, das heute von Konzernen geführt und kontrolliert wird. Unabhängige Filmemacher, die Anfang der 70er Hollywood erneuerten und wie Heilsbringer gefeiert wurden, wurden plötzlich an den Rand gedrängt, um den Abräumern Platz zu machen. Formeln wurden entwickelt, die maximalen Gewinn versprachen. Inhaltliche Strukturen, die sich als erfolgreich erwiesen, wurden kopiert und wieder kopiert. Sequels, Prequels und Franchises entstanden. Natürlich erhielt auch Spielbergs Film die erwarteten Fortsetzungen, die dem Original aber nicht das Wasser reichen können, wobei der 2. Teil auch dank Roy Scheiders Mitwirkung noch ganz ordentlich geraten ist. Der Erfolg vom WEISSEN HAI war Segen und Fluch zugleich.

DER WEISSE HAI ist einer dieser Filme, an denen man (bzw. ich) einfach nichts aussetzen kann. Er ist grandios konzipiert und überzeugend umgesetzt, dazu ist er fantastisch gespielt (ist es nicht wohltuend, wie erwachsen die Charaktere sich verhalten, selbst wenn sie sich kindisch benehmen?) und macht umgehend Lust, ihn sich gleich nochmal anzusehen, wenn er vorbei ist. Der perfekte Sommer-Unterhaltungsfilm und noch viel mehr.

10/10


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