Donnerstag, 16. August 2012

Der Tod kennt keine Wiederkehr (1973)

Der Fall ist abgeschlossen. Aber was ist mit der Katze?

Privatdetektiv Philip Marlowe (Elliott Gould) versucht gerade verzweifelt, seiner Katze Futter zu besorgen (die Mieze ist allerdings extrem wählerisch), als ein alter Freund vor der Tür steht und ihn bittet, ihn an die mexikanische Grenze zu fahren. Kurz darauf bekommt Marlowe von allen Seiten Ärger. Wie sich herausstellt, steht sein Freund unter Mordverdacht und hat sich mit dem gestohlenen Geld eines Gangsters (Mark Rydell) aus dem Staub gemacht. Als Marlowe von einer schönen Blondine (Nina van Pallandt) den Auftrag erhält, deren verschwundenen Ehemann (Sterling Hayden) zu suchen, ahnt Marlowe nicht, dass die Fälle zusammenhängen und er bald in der Schusslinie aller Beteiligten steht...

Robert Altman inszenierte die Raymond Chandler-Verfilmung DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR (The Long Goodbye) als modernen Film Noir, mit Elliott Gould in der Rolle des berühmten Privatdetektivs Philip Marlowe. Die freizügigen Änderungen, die Altman und sein Drehbuchautor Leigh Brackett (Autor des klassischen Noir "Tote schlafen fest", 1946) an der Vorlage vornahmen, und die selbstreflexive Ironie, mit der er das Genre und seine Klischees betrachtet, führten dazu, dass sein Film bei Publikum und Kritik geradezu feindselig aufgenommen wurde und schnell aus den Kinos verschwand. Auch eine Wiederaufführung, in der man den Film nicht mehr als Krimi, sondern als Arthouse verkaufte, funktionierte nicht. Er ist bis heute nicht sonderlich beliebt. Dabei handelt es sich hier um einen der unterhaltsamsten Altmans und einen der besten Neo Noirs überhaupt.

Es sind vor allem die Bilder von Kameramann Vilmos Zsigmond und die Darstellung von Elliott Gould, die im Gedächtnis bleiben. Gould spielt den Marlowe als wandelnden Anachronismus. Sein klassisches Outfit ( er legt nie seine Krawatte ab) und das Kettenrauchen gehören eindeutig in die Filme der 40er, sein ständiges Gebrabbel mit sich selbst und der skurrile Humor dagegen würde man nicht bei Humphrey Bogart finden, der sich wahrscheinlich einen Dreck darum scheren würde, was seine Katze zu essen bekommt. Nach seiner Verhaftung sitzt er auf dem Polizeirevier und sagt: "Ist das die Stelle, an der ich frage, warum Sie mich das fragen, und Sie dann sagen: Schnauze, ich stelle hier die Fragen?". Das ist nur ein Beispiel, wie Altman die Konventionen des Genres ständig auf die Schippe nimmt, um ihnen dann trotzdem zu folgen. Dazu gehören auch die für Altman typisch improvisierten Dialoge und das Überlappen von Texten. In einer Nebenrolle spielt Sterling Hayden, Veteran vieler großer Noirs wie "The Killing" (1956), einen versoffenen Schriftsteller als Hemingway-Parodie, und Regisseur Mark Rydell gibt einen originellen Gangster ab, der eine Cola-Flasche im Gesicht seiner Geliebten zerschmettert, um Marlowe zu zeigen, dass mit ihm nicht zu Spaßen ist.

"The Long Goodbye" lautet nicht nur der Originaltitel, sondern auch der schmachtende Song, der für den Film komponiert wurde, und Altman hat eine diebische Freude daran, ihn an jeder passenden und unpassenden Stelle einzuspielen - aus dem Autoradio, als Fahrstuhlmusik oder im Supermarkt. Marlowe wird von dieser Melodie geradezu verfolgt. Der Plot selbst ist raffiniert konstruiert, doch Altman selbst sagte , dass er den Zuschauer dahin bekommen wolle, mehr über das Schicksal von Marlowes Katze nachzugrübeln als über die verbrecherischen Machenschaften seiner Charaktere. Kein Wunder, dass die Puristen da die Nase rümpfen. Wer aber offen genug ist, eine Dekonstruktion des Genres zu akzeptieren, wird viele der klassischen Stilmittel wiedererkennen.
Altmans radikaler Umgang mit den Konventionen ist so viel intelligenter (und komischer) als die bloße Rekreation der Noir-Posen, wie sie etwa in Filmen wie De Palmas "Black Dahlia" (2006) stattfindet, wo alle Figuren mit Zigarettenspitzen umherlaufen, doppeldeutige Bemerkungen machen und unentwegt Schatten durch Jalousien fallen. Das ist leider todlangweilig und bietet nichts anderes als einen "Ich hab's verstanden"-Effekt. Altman gelingt hingegen ein ebenso eigenständiges wie eigenwilliges Filmerlebnis mit persönlichem Stempel.

In der besten Sequenz rennt Marlowe nachts durch die Straßen Hollywoods, um seine Auftraggeberin einzuholen, die mit dem Wagen die Stadt verlassen will. Die Lösung des Falles liegt direkt vor seiner Nase, die Femme Fatale aber bleibt unerreichbar. Mehr Noir geht gar nicht.

09/10

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