Mittwoch, 8. August 2012

Das Gespenst der Freiheit (1974)

Der vorletzte Film des Surrealisten Luis Buñuel ist eine Collage aus lose zusammenhängenden Episoden, die lediglich durch einzelne Charaktere verbunden werden, welche zunächst als Nebenfiguren in anderen Episoden auftreten, um dann die Erzählung zu übernehmen und weiterzugeben, wobei auch dieses Stilprinzip nicht durchweg eingehalten wird. Die Form ist nicht entscheidend, sondern gerade ihr Fehlen. Erwartungen, Konventionen und Verabredungen sind genau das, was Buñuel in diesem verspielten Werk karikiert.

Ein Kind verschwindet in der Schule und wird von Eltern und Polizei gesucht, dabei ist es die ganze Zeit da und wird auch bemerkt, soll sich aber nicht in die Unterhaltung der Erwachsenen einmischen. Ein Mann gibt zwei jungen Mädchen ein paar anstößige Fotos auf einem Spielplatz, worüber sich die Eltern furchtbar aufregen (und sexuell erregt werden), dabei handelt es sich nur um Fotos berühmter Sehenswürdigkeiten. Ein junger Mann beschwert sich über Tierquäler und geht dann in einen Wolkenkratzer, um von dort aus mit einem Gewehr auf Passanten zu schießen. Einem Mann wird vom Arzt versichert, dass seine Diagnose nicht weiter der Rede wert sei, es handle sich nur um Krebs. Und in der wohl berühmtesten Episode nimmt eine vornehme Dinnergesellschaft auf Kloschüsseln Platz, unterhält sich mit heruntergelassenen Hosen und Kleidern über die Überbevölkerung, das Essen hingegen wird einzeln und heimlich in einer kleinen Kammer eingenommen, nachdem man sich entschuldigt hat. "Ich habe Hunger", mault ein Kind, wird aber angepflaumt, so etwas soll man nicht bei Tisch sagen.

Die Welt steht Kopf bei Buñuel. Da träumt ein Mann vom Postboten, der nachts ins Schlafzimmer radelt, von Hühnern und Sträußen, die durchs Zimmer tapsen, und das fröhliche Lachen bleibt einem manchmal im Halse stecken, wenn man sich selbst und die absurden Regeln, mit denen wir tagtäglich leben, wieder erkennt. Man sollte nicht versuchen, Buñuels verschlüsselte Filmsprache zu deuten oder nach Symbolen zu suchen, es gibt keine Erklärung. Buñuel benutzt die Logik von Träumen und Assoziationen, beobachtet die gesellschaftliche Ordnung, Rituale, Klischees und setzt sie dann neu zusammen. Viel mehr als das Verstehen des Films zählt das Miterleben. Indem er die Realität auf den Kopf stellt, öffnet er unsere Augen und schärft unseren Blick auf sie.

Obwohl die Episoden qualitativ unterschiedlich geraten sind, gehört DAS GESPENST DER FREIHEIT (Le Fantome de la Liberté) zu den entspanntesten und unterhaltsamsten Filmen des Meisterregisseurs, der zur Zeit seiner Entstehung bereits 74 Jahre alt war, was man dem Werk beim besten Willen nicht anmerkt, außer vielleicht in der Klugheit seiner Beobachtung. Darüber hinaus ist er so provokant wie eh und je. Allein die Dinnerszene, die vollkommen unanstößig inszeniert ist, löst als Tabubruch so einiges beim Betrachter aus. Warum verrichtet man seine Notdurft heimlich, während man sich zur Nahrungsaufnahme in Schale wirft? Beides sind doch ganz natürliche Bedürfnisse. Weshalb sind einige schicklich, andere jedoch überhaupt nicht? Warum sind pornographische Fotos schmutzig, ein Bild des Eiffelturms aber nicht, und wer legt das fest? Sind nicht alle unsere Werte und Normen willkürlich gesetzt?
Zumal - auch das zeigt der Film - sie in verschiedenen Ländern völlig unterschiedlich gehandhabt werden. Und warum darf man im Krieg Menschen ungestraft erschießen, in Friedenszeiten aber nicht, so wie unser sympathischer Sniper, der zwar vor Gericht zum Tode verurteilt wird, nach der Urteilsverkündung aber unbehelligt aus dem Saal spaziert? Die übliche Antwort auf die Sinnfrage von Gesetzen besteht meistens darin, dass wir uns alle gegenseitig umbringen würden, wenn es sie nicht gäbe. Aber wäre das wirklich schlimm? Und warum genau?

Das Ziel von Buñuels Spott ist erneut die Bourgeoisie, deren erstarrte Floskeln und Umgangsformen er bereits zuvor in meinem Lieblings-Buñuel "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" (1971) karikierte, aber auch die Arbeiterklasse, das Militär, Kirche und Politik werden auf die Schippe genommen. Dafür hat Buñuel wieder ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt. Es spielen u.a. Michel Piccoli, Jean-Claude Brialy, Monica Vitti und Jean Rochefort, alle Stars des europäischen Kinos. Mit Michel Lonsdale und Adolfo Celi sind gleich zwei Bond-Schurken an Bord, wobei Lonsdale wohl den lustigsten Auftritt im Film erhält, wenn er sich während einer Pokerrunde von Mönchen den nackten Arsch von seiner Domina-Begleiterin versohlen lässt und die erschrocken flüchtenden Mönche anfleht, sie mögen doch bitte noch bleiben und zuschauen...

DAS GESPENST DER FREIHEIT ist ein bizarres, äußerst vergnügliches und gelegentlich aufrüttelndes Spätwerk eines Filmkünstlers, der das menschliche Zusammenleben mit Augenzwinkern, Kopfschütteln, Trauer und Hohn betrachtet. So wie vielleicht ein Vogel Strauß die Welt betrachten würde, dem Buñuel die letzte Einstellung des Films schenkt.

08/10

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