Dienstag, 3. Juli 2012

Tödliche Umarmung (1979)

Viele Regisseure haben sich früher oder später an einer Hitchcock-Hommage versucht, sei es Brian de Palma (der wohl unermüdlichste der Jünger), Curtis Hanson, François Truffaut oder John Carpenter. Jonathan Demme, der ein Jahrzehnt später mit dem "Schweigen der Lämmer" (1991) selbst einen Meilenstein des Thrillers inszenieren sollte, hat mit dem kaum bekannten TÖDLICHE UMARMUNG (Last Embrace) seinem Vorbild die Aufwartung gemacht.

Der Agent Harry Hannan (Roy Scheider) wird aus einem Sanatorium entlassen, nachdem er den Tod seiner Frau mitverschuldete. Nun wartet er auf einen neuen Auftrag, doch es häufen sich stattdessen mysteriöse Begegnungen. In seinem Apartment wohnt inzwischen eine junge Frau (Janet Margolin), eine Nachricht in Hebräisch wird unter der Tür durchgeschoben, Mordanschläge werden verübt, und dann findet sich Harry auf einer Todesliste wieder...

TÖDLICHE UMARMUNG ist kurz nach Erscheinen wieder in der Versenkung verschwunden, und wenn man sich im Netz umschaut, findet man kaum positive Erwähnungen. Deswegen wird es Zeit, eine zu verfassen. Obwohl der Film holprig erzählt ist und ein paar Längen aufweist, kann er doch ziemlich gut unterhalten und hat durchaus seine Schauwerte. Das sind in erster Linie Hauptdarsteller Roy Scheider, dem man einfach immer gern zuschaut, sowie die Musik von Hollywood-Altmeister Miklós Rózsa, der für diesen Spät-70er-Film einen klassischen, romantischen 40er Score à la "Spellbound" (1945) komponiert hat, der einen hochinteressanten Gegensatz zu der modernen Inszenierung darstellt. Roy Scheider war Ende der 70er der Prototyp des kantigen, aber sympathischen Mannes, der ebenso feinsinnig wie knallhart agieren konnte. Kein Wunder, dass er kurz später in einer weiteren Hitchcock-Hommage, Robert Bentons "In der Stille der Nacht" (1982), erneut den verwirrten Helden spielen durfte.

Jonathan
Demme stand offensichtlich nicht allzu viel Geld zur Verfügung, weswegen er viel mit der Handkamera arbeitet, und er wendet ein Prinzip an (das er auch im "Schweigen der Lämmer" praktiziert), bei dem die Darsteller häufig direkt in die Kamera sprechen und diese den subjektiven Part des Gesprächspartners übernimmt, so dass man sich als Zuschauer immer mitten im Geschehen (bzw. direkt zwischen den Charakteren befindet). Das sieht man nicht allzu häufig im Hollywood-Kino, das gemeinhin großen Wert darauf legt, die vierte Wand stets aufrecht zu halten, um dem Zuschauer nicht die Illusion zu rauben.

Der Plot spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Roy Scheider als Harry Hannan, dessen Name bereits auf einen Hitchcock-Helden hinweist (in den "39 Stufen" von 1935 lautete Robert Donats Rollenname 'Hannay'), stolpert von einem Set Piece zum nächsten, erlebt eine romantische Liebesaffäre mit der (gewöhnungsbedürftigen) Untermieterin Janet Margolin, erlebt eine Schießerei in einem Glockenturm (à la "Vertigo", 1958) und muss im dramatischen Finale an den Niagara-Fällen um sein Leben kämpfen. Man merkt schon, Hitchcock ist überall, ein Schuss Fritz Lang ("Ministerium der Angst", 1945) ist auch mit drin. Neben den offensichtlichen Anspielungen (der unschuldig gejagte Held, das Ausnutzen von Sehenswürdigkeiten als Schauplatz für Verbrechen wie im "unsichtbaren Dritten", 1959) gibt es noch haufenweise kleiner Reminiszenzen, und eine Duschszene darf natürlich auch nicht fehlen. Die geht dann auch eher in parodistische Richtung.

Was in TÖDLICHE UMARMUNG nicht so ganz funktioniert ist der Spannungsbogen, der gelegentlich durchhängt, wenn Roy Scheider von Pontius zu Pilatus läuft, um mehr über die ominöse Todesliste herauszufinden, und manchmal wirkt Jonathan Demmes Regie ebenso übermotiviert wie unbeholfen - leider gleich direkt zu Beginn, wenn Scheiders Frau bei einer Schießerei im Restaurant ums Leben kommt. Kurze Auftritte wie der von Christopher Walken als Geheimdienstchef helfen da nur bedingt, und auch der Humor ist bisweilen eher merkwürdig (etwa, wenn die Fahrgäste in einem Zug alle gleichzeitig ihre Zeitungen aufschlagen, wie ein Haufen Amateur-Spione).

TÖDLICHE UMARMUNG ist ein Film, mit dem man vielleicht schwer warm wird, aber wer Roy Scheider mag (und wer tut das nicht?) und sich an unzähligen Hitchcock-Zitaten erfreuen kann, der kann mit dieser Hommage an den Meister des Thrillers seinen Spaß haben. Er ist originell, eigenwillig und als Liebeserklärung eines Fans absolut sympathisch. Da verzeiht man auch ein paar Schwächen.

7.5/10

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