Sonntag, 29. Juli 2012

Tödliche Lippen (1988)

"To Die For" ist der Titel einer schwarzen Komödie von Gus van Sant, aber hier geht es um den gleichnamigen Spielfilm von Deran Sarafian, der bei uns unter dem Titel TÖDLICHE LIPPEN (To Die For) direkt auf Video veröffentlicht wurde. Das Schicksal wäre ihm heute womöglich erspart geblieben, wo Vampirstreifen mit jungen, blassen Gesichtern gerade Hochkonjunktur haben. Ende der 80er aber wollte sich niemand so recht für diese moderne Dracula-Adaption mit Mittzwanzigern begeistern. Das Publikum amüsierte sich zu jener Zeit eher über Teenager-Vampirkomödien wie "Vamp" (1986) oder "Fright Night" (1985), die sich über die klassischen Elemente des Genres lustig machten, und mehr noch für die coolen Sprüche Freddy Kruegers.

Zum Inhalt: Der unsterbliche Vampir Vlad Tepish (Brendan Hughes) hat nicht nur extrem verträumte Kulleraugen, die jedes Mädchenherz zum Schmelzen bringen, er lässt sich auch in L.A. nieder und erkennt in der Maklerin Kate (Sydney Walsh) seine verlorene Jugendliebe. Kate ist selbst ganz angetan von dem sensiblen Vlad, der so anders ist als ihr karrieregeiler Yuppie-Lover. Sie vermittelt ihm ein prachtvolles Schloss und ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Celia (Amanda Wyss) als Sekretärin noch dazu. Die mag nach einigen nächtlichen Überstunden bald die Sonne nicht mehr leiden und trägt flatternde Schals, während Kate sich immer mehr nach dem geheimnisvollen Vlad verzehrt...

Einige Eckpunkte des Romans von Bram Stoker werden hier gerade noch erkennbar verwurstet, weswegen der Film in den USA als "Bram Stoker's To Die For" auf Video veröffentlicht wurde. Die Bearbeitung fällt dabei gar nicht so dumm aus. So gibt es für viele von Stokers Einfällen ein modernes Pendant, Kate ist als Maklerin und Draculas große Liebe sozusagen Jonathan Harker und Mina Murray in einem, und die Idee, das Ganze aus der Sicht einer sehnsuchtsvollen jungen Frau zu erzählen, die auf die große Liebe wartet (quasi 'Ally McBeal meets Dracula'), wurde kurz darauf von Francis Coppola ganz ähnlich - wenngleich im klassischen Ambiente - verwendet. TÖDLICHE LIPPEN ist eine der wenigen Stoker-Verfilmungen (vor Coppola), in der die weibliche Hauptfigur nach einer gemeinsamen Liebesnacht das Blut Draculas trinken muss. Das war vielen Adaptionen zuvor zu anstößig.

Apropos anstößig - bei der ersten Begegnung verkündet Kate ihrem Dracula umgehend, dass sie 'körperlich gesund' sei und 'keine übertragbaren Krankheiten' habe. So unsexy das auch klingt, es weist den Film unverkennbar als Produkt der späten 80er aus, als die AIDS-Panik grassierte und vor einem One Night Stand dringend einige Eckdaten klargestellt werden mussten (sollte man übrigens auch machen, wenn man sich nicht mehr in den 80ern befindet). Da es beim Vampirfilm zwangsläufig um den Austausch von Körperflüssigkeiten geht, lag es offenbar nah, den Film mit einem Warnhinweis zu versehen, auch wenn das heute reichlich absurd wirkt.

Leider verzichtet Regisseur Sarafian auf eine Van Helsing-Figur und setzt dafür einen Gegenspieler Draculas ein, eine Art gleichwertigen Rivalen, der vor allem sauer darüber ist, dass er nicht die anständigen Mädels abbekommt, sondern sich mit den billigen Ludern zufrieden geben muss. Außerdem will der Film zugleich herzzerreißende Liebesgeschichte und Splatterfilm sein, was nicht ganz funktioniert. So dürfte TÖDLICHE LIPPEN für Romantik-Fans zu blutrünstig sein, während sich Splatterfreaks in der ersten Stunde eher langweilen werden. Die Spezialeffekte können sich allerdings absolut sehen lassen. Die Vampirfratzen und besonders die verendeten Untoten sind erstklassige Maskenleistungen, alle aus Handarbeit, versteht sich.

Das junge Ensemble agiert auf solidem TV-Niveau. Zwar sind alle Darsteller hübsch anzuschauen und würden sich im 'Melrose Place' wunderbar machen , aber hier fehlt doch der eine oder andere Charaktermime. Eingefleischten Horrorfans sollte Nebendarstellerin Amanda Wyss ein Begriff sein. Sie wurde ein paar Jahre zuvor als erstes Opfer von Freddy Krueger in Wes Cravens "Nightmare - Mörderische Träume" (1984) im Schlaf über Wände und Zimmerdecken geschleift. Sie zeigt hier eine gute Darstellung als nettes Mädel von nebenan, das sich in ein eiskaltes Vamp verwandelt. Als solches sieht sie dann aus, als sei sie einem Robert Palmer-Video entsprungen.
Ebenfalls solide Arbeit leisten Kameramann Jacques Haitkin ("Nightmare 2", 1985, "The Hidden", 1987) und Komponist Cliff Eidelman mit seinem schwülstigen, pompösen Synthie-Score. Die Synchronisation ist eher von der billigen Sorte, den einen oder anderen Sprecher kennt man aus Pornos der 80er - wenn man Pornos der 80er kennt.

Fazit: Wer sämtliche Vampirfilme und Dracula-Adaptionen sehen muss, die je gemacht wurden, der kommt an TÖDLICHE LIPPEN nicht vorbei. Wer auf Horror-Unterhaltung der 80er steht, kann gern einen Blick riskieren und sich an den Effekten ergötzen. Ich mochte TÖDLICHE LIPPEN als pubertierender Jugendlicher und mag ihn immer noch ganz gern. Leider ist er bislang nicht auf DVD erhältlich, also muss die alte, ausgeleierte Videokassette einmal im Jahr dran glauben. Die freut sich immer, wenn man sie in der Abstellkammer besucht.

06/10

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