Donnerstag, 12. Juli 2012

Mord - Sir John greift ein (1930)

MORD - SIR JOHN GREIFT EIN (Murder!) ist Alfred Hitchcocks dritter Tonfilm und einer seiner wenigen Whodunits - ein Genre, das ihn wegen der simplen Frage nach dem Täter nie sonderlich interessierte.
Die Handlung folgt den Recherchen eines der angesehensten Schauspieler Englands, Sir John Menier (Herbert Marshall), der als Geschworener in einem Mordprozess die Angeklagte für schuldig befindet, obwohl er starke Zweifel hat, und sich nun aus Gewissensbissen heraus selbst auf die Suche nach dem Täter macht.

Obwohl man MORD nicht zu den großen Klassikern aus Hitchcocks britischer Phase zählen muss, ist er in mancher Hinsicht bemerkenswert. Der innovative Umgang mit dem noch jungen Medium des Tonfilms ist bereits hinreichend bekannt - so verfrachtete Hitchcock ein komplettes Orchester hinter eine Badezimmerdeko, in der sich Herbert Marshall eine Konzertübertragung im Radio hört, weil man seinerzeit den Ton nicht getrennt vom Bild aufnehmen konnte. Derlei Experimente zeigen Hitchcocks großes Interesse an jeder Form technischer Neuerungen, das bis zu seinem Tod nicht abreißen sollte. Auf allzu plumpe und theatralische Tonexperimente wie in "Blackmail" (1929) verzichtet er in MORD allerdings.

Abgesehen von der Technik ist es vor allem Herbert Marshall, der seine Rolle wie immer vorzüglich ausfüllt und den Krimi sehenswert macht. Aristokratisch, gebildet, wortgewandt und etwas überheblich sucht er nach dem Mörder und überführt diesen schließlich nicht mit kriminalistischem Geschick, sondern mittels seiner speziellen Fähigkeiten (ein Prinzip, das Hitchcock immer wieder anwandte, siehe James Stewart im "Fenster zum Hof", 1954), indem er ein Casting veranstaltet, bei dem der mutmaßliche Täter Texte sprechen muss, die sich direkt auf seine Tat beziehen und eine nervöse Reaktion hervorrufen.

Hitchcocks Freude am Spiel mit Realität und Illusion, das sich auch in vielen späteren Filmen wie "Die rote Lola" (1950) findet, kommt hier schon voll zur Geltung, wenn die Polizei während einer Theatervorstellung die Schauspieler als Zeugen hinter der Bühne vernimmt und diese ständig ihre Identitäten und Kostüme wechseln. Mit der Identität des Mörders beweist Hitchcock hingegen einmal mehr seine Faszination für ungewöhnliche Sexualität. Auch wenn es nicht klar benannt wird, ist der Mörder eindeutig schwul, tritt in Frauenkleidern im Zirkus auf und hat auch aus diesem Grund - der Angst vor Enttarnung - gemordet. Die stark feminine Darstellung des Schauspielers sowie der unterstellte Zusammenhang zwischen Transvestitismus, Homosexualität und psychischer Labilität (alles schön in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt), die mit Mordgelüsten einhergeht, ist starker Tobak, man kann aber nicht behaupten, dass der junge Hitchcock sich hier nichts trauen würde, im Gegenteil. Wenn man bedenkt, was Brian de Palma mit dem späteren "Dressed to Kill" (1980) bei ähnlicher Figurenzeichnung für einen Aufruhr verursachte, weiß man, wie die Zeiten sich geändert haben.

Ebenfalls bemerkenswert ist Hitchcocks Umgang mit der Justiz. Als Sir John wird Herbert Marshall bei den Beratungen der Geschworenen von der Gruppe geradezu zu einem Schuldspruch genötigt, obwohl er starke Zweifel hat. Er fügt sich unter Druck dem Willen der Mehrheit und verleugnet sein individuelles Bauchgefühl. Bei diesen Geschworenen, die wie ein Rudel geifernder Hunde wirken, kann das Urteil nur falsch sein. Man staunt, wie scharfsinnig und zynisch der junge Hitchcock schon die Welt und gesellschaftliche Mechanismen betrachtet.

Leider findet MORD nie zu einem gleichmäßigen Rhythmus oder durchgehenden Ton. Komödie, Krimi, Liebesgeschichte und Satire wechseln sich abrupt ab, und das schleppende Tempo sorgt für (darf man das sagen?) eine ordentliche Portion Langeweile. Von der Virtuosität seiner großen englischen Filme wie "Eine Dame verschwindet" (1938) oder "Die 39 Stufen" (1935) ist MORD doch noch weit entfernt. Die Ansätze sind aber schon vorhanden, das macht den Film für Hitchcock-Fans natürlich zum Pflichtprogramm.
Hauptdarsteller Herbert Marshall ging kurz darauf nach Hollywood, wo er schnell zu einem der gefragtesten und verlässlichsten Leading Men wurde und 1940 erneut unter Hitchcocks Regie in "Der Auslandskorrespondent" (1940) den Bösewicht spielte.

Weil es damals so üblich war, inszenierte Hitchcock parallel zu der britischen Version von MORD auch eine deutsche Fassung, mit Alfred Abel in der Herbert Marshall-Rolle. Der Film wurde unter dem Titel "Mary" aufgeführt.


06/10

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