Freitag, 20. Juli 2012

Impulse (1990)

Sondra Locke hatte sich als Schauspielerin und vor allem als Lebensgefährtin von Clint Eastwood einen Namen gemacht. Sie spielte in mehreren seiner Filme die weibliche Hauptrolle, bevor sie selbst ins Regiefach wechselte und nach dem misslungenen "Ratboy" (1986) den Cop-Thriller IMPULSE (Impulse) inszenierte. Der Film war ebenso wie Lockes Debüt kein finanzieller Erfolg und beendete ihre Karriere als Regisseurin, auf Video konnte er aber einige Fans gewinnen. Heute ist IMPULSE so gut wie unbekannt und bislang weltweit nicht auf DVD erhältlich. Schade, denn dieser düstere Neo-Noir hat einiges, was für ihn spricht.

Da ist natürlich in erster Linie Hauptdarstellerin Theresa Russell zu nennen, die einige Jahre zuvor in Bob Rafelsons "Die schwarze Witwe" (1987) eine mysteriöse Frauenfigur spielte, die in mehreren Verkleidungen auftrat. In IMPULSE steht sie auf der 'richtigen' Seite des Gesetzes und arbeitet als Undercover-Spezialistin Lottie Mason fürs Sittendezernat in Los Angeles, hat aber dennoch mehrere Gesichter. Als vermeintliche Prostituierte lockt sie potentielle Freier in die Falle oder lässt Drogendeals auffliegen, indem sie sich als Junkie ausgibt. Dabei wird sie von ihrem frauenverachtenden Vorgesetzten (George Dzundza) offen sexuell belästigt und gemobbt, kann sich aber mit Schlagfertigkeit zur Wehr setzen. Während Lottie immer mehr an ihrem Job zweifelt, versucht der attraktive Staatsanwalt Stan (Jeff Fahey), einen Mafia-Boss hinter Gitter zu bringen und muss dafür einen Kronzeugen beschützen. Stans und Lotties Wege kreuzen sich im Zuge der Ermittlungen, und die beiden verlieben sich. Doch die eigenwillige Lottie hat kein Interesse an einer festen Beziehung und träumt vom Ausstieg. Die Möglichkeit bietet sich ihr überraschend, als sie dem gesuchten Mafia-Boss begegnet und der ihr Geld bietet, um mit ihm ins Bett zu gehen. Einem selbstzerstörerischen Impuls folgend, geht sie auf das Angebot ein, doch als ihr Freier unerwartet ermordet wird, gerät sie selbst ins Fadenkreuz der Ermittlungen...

An der Inhaltsangabe merkt man schon, dass viel drinsteckt in IMPULSE, der neben seiner komplexen Thriller-Story vor allem das faszinierendes Porträt einer ungewöhnlichen Polizistin erzählt. So funktioniert denn der Thriller über weite Strecken auch als Psychodrama, und die ruppige Lottie wird von Theresa Russell grandios gespielt. Die Männerfiguren treten alle in den Hintergrund und sind lediglich Staffage für die Charakterstudie. Für einen Film der frühen 90er ist das äußerst gewagt, denn weibliche Action-Heldinnen (und Regisseurinnen, die sich in dem Metier versuchten) waren selten erfolgreich beim Publikum. Zwar konnte kurz zuvor Kathryn Bigelow mit "Blue Steel" (1989), in welchem Jamie Lee Curtis als Polizistin gegen einen Psychopathen antritt, einen Hit landen, doch der Misserfolg von IMPULSE bewies, dass herumballernde Frauen keinen guten Stand bei den Zuschauern hatten.

Das ist umso bedauerlicher, als IMPULSE neben seiner Charakterstudie auch einige handfeste Suspense- und Action-Sequenzen zu bieten hat. Theresa Russell meistert ihre Shoot-Outs im Supermarkt und Verfolgungsjagden durchweg überzeugend, und wenn sie auf der Schwelle zur Illegalität steht und diese aus Frust über den schmutzigen Job und die ständigen Attacken der männlichen Partner und Gegenspieler überschreitet, sind wir auf ihrer Seite. Leider gönnt der Film ihr keinen finalen Alleingang, sondern entlässt sie in die Arme des kuscheligen Sensibelchens Jeff Fahey, der ihr eine sichere Liebesbeziehung inklusive Popcorn mit Curry-Geschmack bietet. Ein Zugeständnis an den Mainstream, bei dem Sondra Locke gerade noch einen Rest Ambivalenz einschmuggeln kann, indem sie offen lässt, ob auch Hauptdarsteller Fahey möglicherweise die Seiten wechselt.

IMPULSE hat auch ein paar Längen, wenn Theresa Russell gerade nicht im Bild ist, und es dauert insgesamt zu lange, bis der Film an den Punkt kommt, wo Lottie wirklich unter Druck gerät. Die Stärken des Films überwiegen aber. Anders als der durchstilisierte "Blue Steel" zeichnet Sondra Locke ein extrem düsteres, realistisches Bild von Los Angeles. Lotties Leben als Undercover-Cop spielt sich überwiegend nachts ab, daher schwelgt ein Großteil des Films in nächtlichen Begegnungen, auf menschenleeren Straßen, in verlassenen Parkhäusern und einsamen Bars. Zusammen mit der innerlich zerrissenen Heldin und einem düsteren Score von Michel Colombier entsteht so ein lupenreiner Film Noir. Dass Sondra Locke nach zwei erfolglosen Filmen keine Chance mehr auf eine weitere Kinoarbeit bekam, ist ebenso schade wie bezeichnend.

Und dass die Rechtschreibprüfung hier im Blogger das Wort 'Regisseurin' nicht kennt, ebenso.

07/10

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