Donnerstag, 5. Juli 2012

Die schwarze Natter (1947)

Nachdem Howard Hawks in "Haben und Nichthaben" (1944) und "Tote schlafen fest" (1946) Lauren Bacall und Humphrey Bogart zu einem der unsterblichen Leinwandpaare gemacht hatte, inszenierte Delmer Daves die beiden Hollywood-Größen in DIE SCHWARZE NATTER (Dark Passage), einem lupenreinen Film Noir, der auch durch seine ausgefallene Technik der subjektiven Kamera in die Filmgeschichte einging. Ein Jahr zuvor hatte bereits Robert Montgomery einen kompletten Spielfilm ("Lady in the Lake", 1947) aus der subjektiven Sicht des Protagonisten erzählt, der lediglich hin und wieder im Spiegel zu sehen, ansonsten aber nur zu hören ist. Die Kamera sieht alles mit seinen Augen, und die Dialogpartner richten sich direkt an die Kamera, wenn sie mit ihm sprechen - ein Stilprinzip, das später vor allem im Slasherfilm der späten 70er/frühen 80er reichlich Verwendung fand, wenn die Kamera die Subjektive des jeweiligen Killers einnahm.

DIE SCHWARZE NATTER geht dabei nicht ganz so konsequent vor wie Montgomerys Vorbild, dafür ist die Subjektive durch den Einsatz moderner Handkameras flexibler. Der Film beginnt mit Bogarts Flucht aus dem Gefängnis, in dem er unschuldig wegen Mordes saß. Auf seiner Flucht wird er von der mysteriösen Bacall aufgegabelt, die ihn zu sich nach Hause bringt und ihn in ihrer Wohnung versteckt. Später begegnet Bogart einem Taxifahrer, der ihn an einen Schönheitschirurgen verweist. Dieser verpasst Bogart ein neues (bzw. sein bekanntes) Gesicht, mit dem er den wahren Schuldigen finden will.
Bis dahin wurde der Film lediglich aus der Sicht Bogarts erzählt. Der Zuschauer konnte ihn nicht sehen, nur hören. Nach der Operation wechselt der Film in die objektive Erzählweise, Bogarts Gesicht aber bleibt unter Verbänden versteckt, und sprechen darf er wegen der Wundheilung auch nicht mehr. Erst im letzten Drittel sehen und hören wir Bogart, wie wir ihn kennen.

Zu der subjektiven Kamera muss man sagen, dass sie ein netter Gimmick ist, für den man sich aber nicht viel kaufen kann. Inhaltlich wird die Technik natürlich dadurch begründet, dass man ohne sie Bogart entweder für die erste Filmhälfte durch Maske und Makeup hätte entstellen oder ihn von einem anderen Darsteller bis zur Enthüllung des 'neuen' Gesichts hätte spielen lassen müssen (dann aber mit Bogarts Stimme, was ebenfalls eine merkwürdige Vorstellung ist). Insofern ist dies eine recht geschickte Lösung. Man schmunzelt allerdings bei dem Gedanken, dass die Fans seinerzeit ins Kino rannten, um Bogart und Bacall zu bewundern, dann aber ihr Idol über weite Strecken gar nicht zu Gesicht bekamen. Jack Warner, Chef des Studios, war ebenfalls nicht begeistert, als er davon Wind bekam.

DIE SCHWARZE NATTER kam dann auch nicht sonderlich gut an, weder bei den Kritikern noch beim Publikum. Abgesehen von der technischen Besonderheit funktioniert der Film als Krimi nur stellenweise, weil er zu viel zeit mit Nebensächlichkeiten verschwendet und einzelne Szenen deutliche Längen aufweisen.
Aber es gibt auch Positives. Lauren Bacall zeigt eine ihrer ansprechendsten Leistungen und sieht wieder unnachahmlich gut aus, auch wenn die Kostümabteilung ihre stromlinienförmige Figur aus unerfindlichen Gründen stets unter zu weiten und konservativen Kostümen versteckt. Bogart selbst spielt, was er eigentlich immer spielt, und es ist schon eine bizarre Idee, dass jemand sich ein neues Gesicht schneidern lässt, das dann ausgerechnet dem eines der größten Filmstars der Welt gehört. Regisseur Delmer Daves nutzt die San Francisco-Locations gut aus und dreht viele Außenaufnahmen an Originalschauplätzen, was dem Film einen realistischen Look verleiht und ihn auch als Zeitdokument ausweist.

Am Ende haben wir es dann mit einem klassischen Deus Ex Machina zu tun, der vollkommen unglaubwürdig ist, und ohne den der Film - konsequent weiter erzählt - äußerst fatalistisch enden würde, denn die einzige Person, die Bogart entlasten könnte, stürzt sich aus dem Fenster. Man kann annehmen, dass dieses Ende bewusst gewählt wurde, um den Fans von Bogart und Bacall ein Happy End des Traumpaars zu gönnen, und gleichzeitig klarzustellen, dass dies keineswegs der logische Abschluss der düsteren Geschichte sein kann. Als Noir endet DIE SCHWARZE NATTER also ungewöhnlich hoffnungsvoll.

07/10

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