Dienstag, 24. Juli 2012

Die Rechnung ging nicht auf (1956)

Den mit nur geringem Budget hergestellten Film Noir DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (The Killing) darf man als Durchbruch des Regisseurs Stanley Kubrick bezeichnen.
Das grimmige Kriminaldrama schildert einen minutiös geplanten und durchgeführten Überfall auf eine Pferderennbahn, der für alle Beteiligten böse endet. Damit gehört Kubricks Film zum Genre des Caper Movies à la "Rififi" (1955). DIE RECHNUNG GING NICHT AUF erinnert außerdem in Stil und Machart an John Hustons "The Asphalt Jungle" (1950), der eine beinahe identische Geschichte erzählt. Zudem spielt Sterling Hayden in beiden Filmen die Hauptrolle.

Was Kubricks Film auszeichnet, ist neben der grandiosen Kameraführung die verschachtelte Erzählstruktur. Die Handlung springt vor und zurück und schildert Szenen und Abläufe aus jeweils verschiedenen Perspektiven. Diesen Kunstgriff empfanden viele Zuschauer bei Testvorführungen als verwirrend, und Kubrick wurde noch vor dem Start des Films bekniet, eine klassischere Erzählform zu wählen und die Szenen in chronologischer Reihenfolge zu montieren. Doch der Regisseur setzte sich durch, zumal ihn gerade das Spiel mit der Zeit an dem Roman "Clean Break" interessierte, auf dem sein Film basiert. Kubrick setzte allerdings zwecks besserer Verständlichkeit einen Voice-Over-Erzähler ein. Heute ist diese nicht-linieare Struktur durchaus gängig, man denke nur an Tarantinos Gangsterdramen "Pulp Fiction" (1994) oder "Reservoir Dogs" (1992), die beide stark an Kubricks Vorbild angelehnt sind.

In bester Noir-Tradition wird Kubricks Film bevölkert von Verlierern, die sich erfolglos abstrampeln, um an Geld zu kommen und aus ihrem armseligen Leben auszubrechen. Eine klassische Femme Fatale (Marie Windsor) bringt zudem mit ihren Intrigen den gesamten Plan zum Scheitern. Geldgier, Neid, Eifersucht und Dummheit bestimmen die Handlungen der Akteure. Wie die meisten Caper Movies ist auch DIE RECHNUNG GING NICHT AUF ein Film mit klarer Moral: Verbrechen lohnt sich nicht, und auf jede schmutzige Handlung folgt die gerechte Strafe. Dazu baut Kubrick noch eine schicksalhafte Komponente ein. Ähnlich wie in späteren seiner Werke die Protagonisten einem vorbestimmten Weg folgen (man denke etwa an Barry Lyndons unaufhaltsamen Aufstieg und Fall, oder an Jack Nicholsons konsequenten Abstieg in den Wahnsinn in "The Shining", 1980), haben auch hier die Figuren keine Chance auf Glück. Scheinbare Zufälle kommen ihnen immer wieder in die Quere. Ein freundlicher Parkwächter ist zu aufdringlich, ein Hund reißt sich unerwartet los, ein Schloss will nicht schließen. Zufälle oder Vorsehung? "What's the Difference?" fragt am Ende Sterling Hayden, wenn das erbeutete Geld davonweht und die Polizei schon anrückt. Weglaufen hat keinen Sinn, es ist ja doch alles sinnlos.

Für solch düstere Schicksale findet Kubrick, der sich mehrfach mit seinem Kameramann Lucien Ballard herumstritt, gnadenlose Bilder. Oft verschwinden die Charaktere förmlich im Schwarz, das sie umgibt. Trotz des schmalen Budgets (erkennbar an den sich wiederholenden Sets und den immergleichen Originalaufnahmen des Rennbahn-Betriebes) gleitet die Kamera manchmal schwerelos durch Apartments und Wände. Türen und Fenster sind mit Zahlen übersät. Die finale Sequenz, in der ein Koffer voller Geld sich auf dem Flugplatz öffnet und der Propeller der eingetroffenen Maschine die Scheine ins Nirgendwo befördert, ist ebenso packend wie symbolträchtig.

Obwohl er positive Kritiken erhielt, war DIE RECHNUNG GING NICHT AUF kein Erfolg an den Kinokassen. Mit seinen knapp 90 Minuten Laufzeit dürfte er der kürzeste und temporeichste von Kubricks Filmen sein. Er ist kaum gealtert. Seine innovative Erzähltechnik, die hervorragenden Charakterdarsteller (darunter Ikonen des Noir wie Elisha Cook, jr.) und eine sich stetig steigernde Spannung halten ihn - wie die meisten Kubricks - modern und zeitlos.

09/10

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