Sonntag, 8. Juli 2012

Das Ungeheuer von London City (1964)

"Prostituierte bestialisch aufgeschlitzt!" kreischen die Zeitungsverkäufer durchs neblige London, und tatsächlich scheint da ein moderner Jack the Ripper am Werk zu sein - oder einer, der sich dafür hält. Könnte es sich bei dem Serienkiller um den Schauspieler Richard Sand (Hansjörg Felmy) handeln, der allabendlich in einem Theater den Jack the Ripper darstellt und sich vielleicht ein wenig zu sehr mit seiner Rolle identifiziert?

DAS UNGEHEUER VON LONDON CITY, der beim Dreh noch "Das unheimliche Erbe" hieß und kurz vor dem Kinostart umgetitelt wurde, ist die sechste Bryan Edgar Wallace-Produktion, mit der Artur Brauner an den Erfolg der Wallace-Reihe von Rialto anknüpfen wollte. Regie führte Edwin Zbonek, der schon den besten der Imitatoren, "Der Henker von London" (1963) inszeniert hatte.
Seine zweite Wallace-Arbeit fällt nicht ganz so gut aus, kann sich aber trotzdem noch sehen lassen. Die Handlung bietet ein munteres Rätselspiel um die Identität des Prostituiertenmörders, und Verdächtige gibt es einige. Erfahrene Krimi-Zuschauer ahnen schnell, wer da die Mädels aufschlitzt, aber das gehört mit zum Spaß. Das Drehbuch wurde übrigens laut Vorspann von Bryan Edgar Wallace überarbeitet. Das kann man glauben oder nicht, als Vorlage stand jedenfalls kein Stoff des Autors und Namensgebers der Reihe zur Verfügung. Um den Film aber als Wallace-Produkt auszugeben, muss der Name schon irgendwo auftauchen.

War Hansjörg Felmy als Scotland Yard-Beamter im "Henker von London" und "Die Tote aus der Themse" (1971) von eher ruhiger Seriosität, darf er hier als Method Actor im Grand Guignol-Theater deutlich auffälliger agieren und schrammt sogar am Overacting vorbei. Die beste Darstellung des Films zeigt Dietmar Schönherr als zurückhaltender Polizeidoktor, der in die schöne Marianne Koch verliebt ist, welche sich aber lieber den Hansjörg angeln möchte. Dieses Liebesdreieck sorgt für den emotionalen Rahmen der Mörderjagd.
Für den Humor sind diesmal gleich zwei Leute zuständig, nämlich Peer Schmidt und Chariklia Baxevanos als tölpelhafte Amateurdetektive, und auch in diesem Beitrag hätte man lieber auf die aufgesetzte Komik verzichten sollen. Immerhin sind beide bessere Schauspieler als ein Chris Howland (oder Stefan Behrens, der später in der offiziellen Reihe den Part Eddi Arents übernehmen sollte und ebenso peinlich war wie Howland).

Visuell gibt es nichts Neues zu vermelden. Die Cinemascope-Kamera schwenkt gern übers nächtliche London, während die Innenaufnahmen gewohnt plüschig daherkommen. Die Morde sind äußerst züchtig inszeniert und sorgen weder für echte Gänsehaut noch Grusel, man muss also keine Angst haben, dass man sich bei diesem Schocker in die Strumpfhose strullert. Trotzdem wurde der Film seinerzeit ab 18 freigegeben. Heute 'darf' man ihn schon ab 12 sehen, so ändern sich die Zeiten.
Als nostalgische Krimiunterhaltung ist DAS UNGEHEUER VON LONDON CITY immer noch ordentlich anzuschauen, er bleibt aber hinter den Highlights der Wallace-Filme leicht zurück und war auch finanziell nicht der erwartete Erfolg.

07/10

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