Sonntag, 22. Juli 2012

Das Doppelleben der Sister George (1969)

Nach dem Erfolg mit "Das dreckige Dutzend" (1967) widmete sich Regisseur Robert Aldrich in DAS DOPPELLEBEN DER SISTER GEORGE (The Killing of Sister George) einer Herzensangelegenheit, die er selbst produzierte, weil ihr nur geringe kommerzielle Chancen eingeräumt wurden. Das bewahrheitete sich, als das Drama an den Kinokassen - auch wegen eines skandalösen X-Ratings - sang- und klanglos unterging. Aldrich selbst bezeichnete den Film später als einen seiner liebsten.

Die Verfilmung eines Theaterstücks von Frank Marcus erzählt von der Schauspielerin June (Bery Reid), die in einer britischen TV-Serie die weise und gutmütige Dorfkrankenschwester 'Schwester George' spielt, welche sich rührend um das Wohlergehen der Einwohner kümmert. In der Realität ist June eine saufende, pöbelnde und cholerische Zynikerin, die mit ihrer naiven und jüngeren Geliebten Childie (Susannah York) eine sadomasochistische Beziehung führt. Als June erfährt, dass sie aus der Serie herausgeschrieben wird und 'Schwester George' sterben muss, bricht für die Schauspielerin eine Welt zusammen. Ihre Wut entlädt sich in Hasstiraden und Boykottversuchen, und ihre Freundin wendet sich ausgerechnet der Produzentin der TV-Serie (Coral Browne) zu, die für Schwester Georges 'Ableben' hauptverantwortlich ist...

Aldrichs offenherzige Darstellung eines lesbischen Dreiecksverhältnisses schockierte die Zensoren seinerzeit so sehr, dass sie dem Film aufgrund einer drastischen Sex-Szene zwischen Susannah York und Coral Browne das berüchtigte X-Rating verpasste, das für Hardcore-Erotik vorgesehen war und Jugendlichen nicht gestattete, den Film im Kino zu sehen. Das mag ein Grund sein, warum er bis heute kaum bekannt und selten zu sehen ist. Ebenfalls neu für seine Zeit war eine Sequenz, die Aldrich in einer (realen) Bar für lesbische Frauen inszenierte, in der ungezwungen getanzt und angebaggert wird. Für heutige Verhältnisse ist das relativ züchtig, aber das Kino der 60er war solche Einblicke nicht gewohnt. Aldrich machte sich allerdings auch unter Feministinnen Feinde, die sich an den unsympathischen Figuren stießen und bemängelten, der Film würde lesbische Beziehungen ausschließlich als krank, manipulativ und grausam schildern. Wer allerdings mehrere Aldrich-Filme gesehen hat, wird anerkennen müssen, dass bei ihm selten Liebesbeziehungen als gesund, liebevoll und erwachsen gezeichnet werden, man denke nur an seinen Noir-Klassiker "Das Rattennest" (1955). Das hat mit lesbisch oder nicht erst einmal gar nichts zu tun.

DAS DOPPELLEBEN war zudem eine Überraschung für alle, die aufgrund des Titels eine Variante von Aldrichs "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1961) erwarteten. Obwohl DAS DOPPELLEBEN kein Horror-Stoff ist, gibt es durchaus Parallelen. Hier wie dort wird ein schonungsloser Blick hinter die Kulissen der Unterhaltungsindustrie geworfen, und auf die Art, wie hart mit Publikumslieblingen umgegangen wird, wenn sie ihren Zuschauer-Appeal verlieren. In beiden Filmen bekriegen sich Frauen mittleren und gehobenen Alters mit Worten und Taten, wobei DAS DOPPELLEBEN weniger auf Schockeffekte und mehr auf bitteren Humor setzt. Gleich zu Beginn des Films etwa springt Beryl Reid nach einer Sauftour in der Stammkneipe in ein Taxi und belästigt zwei junge Nonnen. Später zwingt sie ihre Lebensgefährtin, Zigarren zu essen, was dieser augenscheinlich auch noch Genuss bereitet. Das Zusammenleben der beiden ist ein andauerndes Machtspiel, das durch das Auftauchen von Coral Browne neue Dimensionen annimmt. Das Drama und die ständigen lautstarken Auseinandersetzungen erinnern nicht zufällig an einen weiteren Klassiker der 60er, "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" (1966), dessen offenherzige Sprache übrigens das neue Bewertungssystem für Hollywood-Filme initiierte, dem DAS DOPPELLEBEN dann zum Opfer fiel.

Leider geraten Aldrich dabei einige Szenen deutlich zu lang (der Film ist mit seinen fast zweieinhalb Stunden Lauflänge nicht gerade unanstrengend), und nach der x-ten Beschimpfung Yorks durch Reid und zahlreichen Schreiereien - wenngleich mit geschliffenen Dialogen - ist man doch geneigt, heimlich auf die Uhr zu schielen. Sehenswert ist DAS DOPPELLEBEN heute in erster Linie wegen der fantastischen Schauspielerinnen. Aldrich wollte ursprünglich Angela Lansbury für die Titelrolle, und Bette Davis, die schon zweifach unter seiner Regie geglänzt hatte, riss sich angeblich um die Rolle, aber als Lansbury absagte, griff Aldrich auf Beryl Reid zurück, die den Part schon auf der Bühne perfektioniert hatte. Man kann sich aber Bette Davis wunderbar als 'Schwester George' vorstellen, und vermutlich wäre mit ihrer Besetzung der Film auch erfolgreicher gewesen (und noch 'schockierender').

Beryl
Reid gelingt das Kunststück, gleichzeitig dominant, bemitleidenswert, witzig und abstoßend zu sein. Als liebende Frau ist sie ein Monster, das unterdrücken muss, um die Oberhand zu behalten, als Schauspielerin ist sie ein armes Würstchen, das herumgeschubst wird und sich mit kindischen Spielchen gegen ihren Rausschmiss wehrt. Herrlich ist der Einfall, dass sie nach ihrem Ausstieg aus der TV-Serie nur ein einziges Rollenangebot erhält - die Stimme einer animierten Kuh in einer Kinderserie! Am Ende sitzt sie dann, von allen verlassen, im einsamen Studio und macht "Muh". Die dumme Kuh hat alles verloren.

Im 'Queer Cinema' hat DAS DOPPELLEBEN DER SCHWESTER GEORGE seinen festen Platz als einer der ersten 'großen' Filme mit einer offen lesbischen Beziehung im Mittelpunkt. 'Mainstream' würde ich es nicht gerade nennen, zumal Aldrich immer ein unabhängiger Außenseiter Hollywoods war, aber der Film ist für ein großes Publikum konzipiert. Dass er dieses nicht gefunden hat und auch heute noch eher als Geheimtipp gilt, ist bedauerlich, aber er macht es dem Zuschauer auch wirklich nicht leicht, mit ihm warm zu werden. Als Schauspielerfilm ist das Drama allerdings grandios.

Bester Dialog:
Childie: "Not all women are raving bloody lesbians, you know."
June: "That is a misfortune I am perfectly well aware of!"

08/10

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