Mittwoch, 11. Juli 2012

Castaway - Die Insel (1987)

Ein Mann mittleren Alters (Oliver Reed) sucht und findet per Zeitungsannonce eine Frau (Amanda Donohoe), mit der er ein Jahr auf einer einsamen exotischen Insel unter primitivsten Bedingungen verbringen will. Zunächst scheint für beide ein Traum jenseits der Zivilisation wahr zu werden, doch bereits kurz nach ihrer Ankunft sorgen Hunger, Streitereien, der Kampf gegen die Natur und Sex-Entzug dafür, dass sich das idyllische Paradies schnell in eine lebensgefährliche Psycho-Hölle verwandelt...

CASTAWAY (Castaway) - nicht zu verwechseln mit dem Survival-Epos mit Tom Hanks - wurde von dem britischen Regisseur Nicolas Roeg inszeniert und gehört nicht zu seinen besten, aber unterhaltsamsten und zugänglichsten Filmen. Roeg, der selbst ein Meister der Kameraführung war (er fotografierte u.a. Truffauts "Fahrenheit 451", 1966) und sich mit eigenwilligen und teilweise bizarren Werken wie "Eureka" (1986) und "Insignificance" (1985) einen Ruf als außergewöhnlicher Regisseur machte, verwendet in CASTAWAY - der übrigens auf einer wahren Geschichte beruht - mehrere Motive aus früheren Werken. Zwei Kinder der Zivilisation, die plötzlich in einer völlig fremden Umgebung auf sich allein gestellt sind, erzählte er bereist in seinem Spielfilm-Debüt "Walkabaout" (1971), und die psychologischen Kriegsführungen einer Zweierbeziehung lotete er in aller Ausführlichkeit in "Bad Timing" (1980) aus. Beide Filme sind dabei deutlich konsequenter und drastischer.

CASTAWAY lebt vor allem von den Leistungen seiner beiden Hauptdarsteller. Für ein solches Zweipersonenstück (trotz gelegentlicher Auftritte weiterer Nebenfiguren) braucht man Schauspieler mit interessanten Persönlichkeiten, denen man zwei Stunden gerne zusieht. Überraschend wählte Roeg nicht seine damalige Ehefrau Theresa Russell für den weiblichen Part, sondern gab ihn der noch unbekannten Amanda Donohoe, die eine mutige und sympathische Darstellung zeigt, frei von Scheu, weder vor körperlichen Strapazen (sie muss die Hälfte des Films nackt verbringen, und es ist sehr angenehm, zur Abwechslung einmal natürlich geformte Brüste bei einer Filmschauspielerin zu sehen), noch vor emotionalen Achterbahnfahrten.

Da der Film hauptsächlich aus weiblicher Sicht erzählt ist (wie das zugrunde liegende Buch), erfahren wir viel über Donohoes Seelenzustände und wenig über die ihres Partners Oliver Reed, der sich ebenfalls mit voller Inbrunst in eine Rolle wirft, welche ihm viel abverlangt und ihn die meiste Zeit in relative schlechtes Licht setzt. Als alternder, notgeiler Zausel hat er im Film die meisten Probleme mit der Tatsache, dass seine junge, schöne Begleiterin den Sex verweigert. Dermaßen frustriert wird er immer unleidlicher und zynischer, bis er auf einen humpelnden, gebrechlichen alten Sabbersack reduziert wird, der sich nichts sehnlicher wünscht als ein 'kühles Bier und eine flotte Nummer'. So schlicht können Männer sein. Reed, der gern zum Overacting neigt, wird seinem Ruf auch hier wieder gerecht, hat aber auch wunderbar subtile Momente - wie seine latente Eifersucht, wenn zwei junge, knackige Australier mit ihrem Schiff auf der Insel notlanden und sich sofort an Donohoe heranmachen.

Was der Film neben der konstanten Bedrohung durch die Natur (immer wieder stolpern die Darsteller wie Blinde über Palmen, Stöcke und Steine, verletzen sich unentwegt und entwickeln üble Infektionen) überzeugen schildert ist die menschliche Unfähigkeit, mit der Realität umzugehen. So sind beide schlecht vorbereitet und hängen naiven Träumen vom Aussteigertum nach, während sie sich ungewollt zu Tode hungern. Sind sie anfangs noch begeistert vom primitiven Dasein, wird das Verlangen nach den Errungenschaften der Zivilisation immer größer, bis schließlich eine Glühlampe brennt, Kartoffelchips gereicht werden und als Höhepunkt Oliver Reed von einem Festlandausflug ein tiefgekühltes Hähnchen mitbringt. Früher war offensichtlich doch nicht alles besser.

Etwas erstaunt darf man darüber sein, dass CASTAWAY zwar hübsch anzuschauen ist, aber nicht in dem Maße, wie man es bei Roeg erwarten dürfte. Das Inselparadies wird in wundervollen Einstellungen eingefangen, die gleichzeitig betörend und bedrohlich wirken, Roeg streut aber nur ganz vereinzelt surreale Kompositionen und die für ihn typischen assoziativen Schnitte ein, die insgesamt wesentlich zahmer wirken als bei seinen vorigen Werken, in denen gelegentlich die Bildmetaphern explodierten (nicht wenige enden in der Apokalypse). Auch das versöhnliche Ende verwundert, doch da hält sich Roeg vermutlich treu an die Vorlage. Ein irritierendes Stilmittel gibt es aber doch: da der Film erzählt, dass beide Figuren kurz vor dem Hungertod stehen, werden immer wieder Nahaufnahmen von ausgemergelten Körpern eingefügt. Man kann spekulieren, ob damit ein Kommentar auf die Unterschiede der Selbst- und Fremdwahrnehmung (während die Charaktere sich selbst noch in voller Blüte glauben, sehen sie in Wahrheit krank und erschreckend aus) gegeben werden soll, oder ob hier lediglich aus der Not eine Tugend gemacht wurde, da man den Darstellern kaum zumuten konnte, sich bis auf die Knochen herunterzuhungern (obwohl es dafür ja immer wieder Oscars gibt). Es wirkt merkwürdig.

Insgesamt handelt es sich bei CASTAWAY um ein sehenswertes Aussteiger-Drama mit faszinierenden Bildern und interessanten Figuren, der Film kommt allerdings nie auf einen wirklich entscheidenden Punkt (verschiedene Themen werden angerissen, aber nicht durchgespielt). Wahrscheinlich wurde er von der Kritik deswegen eher lauwarm aufgenommen. In Cannes wurde er sogar ausgebuht, was ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann. Für Amanda Donohoe begann immerhin eine tolle Karriere, sie arbeitete kurz darauf in mehreren Filmen mit Ken Russell zusammen und war im "Biss der Schlangenfrau" (1988) eine der unvergesslichsten Vampirinnen der Filmgeschichte.

08/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...