Sonntag, 15. Juli 2012

Erpressung - Blackmail (1929)

Alfred Hitchcocks erster Tonfilm ERPRESSUNG (Blackmail) war gleichzeitig auch der erste britische Tonfilm und zeigt nicht nur die technische Experimentierfreude des Regisseurs, es finden sich darin auch viele Themen und Motive seiner späteren Meisterwerke. Vornehmlich geht es um Mord, Liebe und Schuld.

Die junge Alice (Anny Ondra) streitet sich mit ihrem Freund, dem Polizisten Frank (John Longden), und verbringt die Nacht bei einem befreundeten Künstler. Der wird schnell zudringlich, und Alice kann einer Vergewaltigung nur entgehen, indem sie ihn aus Notwehr mit einem Brotmesser tötet. Sie flieht aus der Wohnung und vertraut die Tat niemandem an. Während die Polizei fieberhaft nach dem Täter sucht, wird Alice von Schuldgefühlen geplagt. Ihr Freund findet einen ihrer Handschuhe in der Wohnung des Mordopfers, behält dies aber für sich. Als ein Erpresser auftaucht, der von Alices Tat weiß, gerät das Paar zunehmend unter Druck, doch das Schicksal scheint es gut zu meinen, als der Erpresser selbst unter Verdacht gerät...

ERPRESSUNG war ursprünglich als Stummfilm geplant, weshalb es in den ersten acht Minuten des Films, in denen die Verhaftung eines Verbrechers durch die Polizei und unseren Hauptdarsteller geschildert wird, außer Musik und einigen ausgewählten Toneffekten keinen Dialog zu vernehmen gibt. Von ERPRESSUNG existiert übrigens auch eine komplette Stummfilmfassung. Wenn Hauptdarstellerin Anny Ondra auf der Bildfläche erscheint, wechselt der Film vom Stumm- zum Tonfilm, das teilweise übertrieben expressionistische Spiel der Darsteller gehört aber unverkennbar noch zum 'alten' Medium, was ERPRESSUNG schon allein aus filmhistorischer Sicht zu einem interessanten Studienobjekt macht. Hitchcock wurde schnell bewusst, welche Probleme der Tonfilm mit sich brachte. Hauptdarstellerin Anny Ondra sprach mit so starkem Akzent, dass sie synchonisiert werden musste - was seinerzeit nur möglich war, indem eine andere Schauspielerin am Set den Text sprach, während Ondra spielte.

Nach der stummen Anfangspassage und dem Streit unseres Liebespaars, das sich offensichtlich nicht besonders liebt (sie flirtet fremd und beschwert sich ständig, er scheint durchweg genervt zu sein), kommt dann der Thriller ins Spiel, und wenn Alice das Apartment ihres potentiellen Vergewaltigers betritt, befinden wir uns auf ureigenstem Hitchcock-Terrain. In dieser Passage finden sich übrigens zahlreiche Querverweise zu späteren Hitchcock-Hommagen, insbesondere Brian de Palmas "Dressed to Kill" (1980), der sich hier ordentlich bedient hat - von der fremdgehenden Frau in der Wohnung eines Übeltäters bis zum verlorenen Handschuh (der dem von Angie Dickinson in de Palmas Film täuschend ähnlich sieht). Am Ende dieser Passage und nach vollführter Bluttat wird Alice von einem Gemälde ausgelacht, auf dem ihr ein fröhlicher Narr seinen Finger entgegenstreckt, als Zeichen ihrer Schuld und als Hinweis auf einen Mitwisser. Ein genialer Einfall.

Die Schuld lässt Alice dann auch nicht mehr los. Berühmt ist die Szene, in der sie zu Hause versucht, Brot zu schneiden, eine plappernde Kundin im Tabakladen des Vaters nebenan aber gleichzeitig von dem Mord berichtet und der Ton so stark verzerrt wird, dass nur noch das Wort MESSER herauszuhören ist. Diese Idee wirkt heute etwas theatralisch und aufgesetzt, der kreative Umgang mit dem jungen Medium des Tonfilms aber ist natürlich absolut bemerkenswert. Dass Hitchcock die Technik stets verwendet, um dem Zuschauer die Emotionen der Charaktere zu vermitteln und nie zum Selbstzweck werden lässt, das sollte bis zu seinem Tod so bleiben.
Hitchcocks Liebe zum Theater findet sich im Spiel mit Requisiten (das Brotmesser wird praktisch zum dritten Hauptdarsteller) und anderen Details. Die Vergewaltigung und der Mord finden buchstäblich hinter einem Vorhang statt.

Was die Spannung der Geschichte ausmacht, das ist in erster Linie die Frage nach deren Ausgang. Anders als in den klassischen Whodunits wissen wir, wer hier wen umgebracht hat, die Frage lautet also: wie kommt sie davon? Kommt sie überhaupt davon? Alice hat sich schuldig gemacht, indem sie einen Mord verübte (wenngleich aus Notwehr) und nicht zur Polizei ging, ihr Freund Frank unterschlägt ein wichtiges Beweisstück (Alices Handschuh) und macht sich so mitschuldig. Beide verheimlichen dem anderen, was sie wissen, das Drama entsteht durch Lügen und Geheimnisse. Das Paar, das anfangs noch recht kühl und zickig miteinander umging, wird absurderweise enger zusammengeschweißt durch die gemeinsame Schuld.

Interessant wird es, wenn der Erpresser selbst ins Fadenkreuz der Ermittler gerät und sich nach einer aufregenden Jagd durchs britische Museum den Hals bricht. Theoretisch könnten nun Alice und ihr Freund die ganze Geschichte zu den Akten legen, doch können sie auch mit ihrer Schuld weiterleben? Hitchcock bleibt - das sollte sich auch später nicht ändern - mit seinen Sympathien immer bei seiner Hauptdarstellerin, obwohl sie getötet hat. Er versteht ihre Tat (wie auch der Zuschauer) und liebt es dennoch, sie mit Schuldgefühlen zu quälen. Er will aber nicht, dass sie ins Gefängnis kommt. So bleibt dann das Ende auch höchst ambivalent. Wieder einmal wird ein Paar aus dem Film entlassen, das womöglich einem Happy End entgegensieht, das aber durch gemeinsame Schuld aneinandergekettet ist und nach moralischen (und realistischen) Maßstäben keine Chance auf Glück und ein unbeschwertes Leben hat.

ERPRESSUNG ist natürlich ein Muss für Hitchcock-Fans und hat die Zeit gut überdauert. Die Stummfilmpassagen kommen übrigens trotz ihrer Länge komplett ohne Zwischentitel aus, was Hitchcocks unglaubliches Talent zur Erzählung einzig über Bild und Schnitt belegt. Die Tonpassagen hingegen zeigen schon den kommenden Meister des Thrillers, dessen Filme immer mehr sind als simple Kriminalgeschichten. Es sind die Subtexte, die Obsessionen, die Fragen nach Moral und Schuld, die sie so reichhaltig machen.

07/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...