Samstag, 2. Juni 2012

Zwölf Uhr mittags (1952)

Wenn "Rio Bravo" (1959) der ultimative Unterhaltungs-Western ist, dann darf man Fred Zinnemanns ZWÖLF UHR MITTAGS (High Noon) als den wohl ultimativen intellektuellen Western bezeichnen.
Zinnemanns Werk wurde vielfach interpretiert und von sämtlichen politischen Richtungen vereinnahmt, er wurde ebenso als Mahnmal für den aufrechten Helden wie als Warnung vor der Kommunisten-Hetzjagd Senator McCarthys verstanden. John Wayne hasste den Film, das Publikum war irritiert über das Fehlen der üblichen Western-Elemente, die Russen lehnten ihn ab, weil er das Individuum glorifiziert, die Hollywood-Linken feierten ihn als Aufruf zum Widerstand gegen das Blacklisting. Wie auch immer man den Film sehen und verstehen will, eines ist klar: er gehört zu den besten und wichtigsten amerikanischen Filmen aller Zeiten.

Die Geschichte ist verblüffend schlicht: Gerade hat Marshal Will Kane (Gary Cooper) seine schöne junge Braut (Grace Kelly) geheiratet und sein Amt niedergelegt, um sich in den verdienten Ruhestand zurückzuziehen, da erfährt er, dass vier Banditen in die Stadt kommen wollen, um Rache am Gesetzeshüter zu nehmen. Drei von ihnen warten schon am Bahnhof, der Anführer soll mit dem Mittagszug um Punkt 12 eintreffen. Die Bewohner des Städtchens wollen Kane so schnell wie möglich loswerden, doch der bleibt, um den Kampf aufzunehmen. Dafür sucht er Unterstützung, erntet aber nur Ablehnung. Selbst von seiner Frau im Stich gelassen, stellt er sich mit dem Mut der Verzweiflung alleine den Killern entgegen...

Warum ausgerechnet Howard Hawks den Film als unamerikanisch ablehnte, ist kaum nachzuvollziehen, selbst wenn man weiß, dass er in seinen Western stets den Profi bevorzugte, der seinen Job verstand und sich nicht auf die Hilfe von Amateuren verließ. Gary Cooper als Marshal Kane ist aber ein zweifellos aufrechter Held in bester Hawks-Tradition, der den Beistand von schwachen Freiwilligen (wie einem 16-jährigen Teenager) kategorisch ablehnt. Hawks inszenierte ein paar Jahre später mit "Rio Bravo" ein bewusstes Gegenstück zu ZWÖLF UHR MITTAGS, in der Hauptrolle John Wayne, der Zinnemanns Film ebenfalls nichts abgewinnen konnte und selbst aktiv beim Blacklisting in Hollywood mitmischte. Es war dennoch eine nette Geste, dass er trotz seiner Vorbehalte den Oscar für Gary Cooper in Empfang nahm.

ZWÖLF UHR MITTAGS verzichtet in der Tat auf viele gängige Western-Klischees. Es gibt weder atemberaubende Landschaftsbilder noch Pferdejagden, Saloon-Sängerinnen oder Verbrüderung am Klavier. Zinnemanns Werk ist ein Dialogfilm in kargem Schwarzweiß, ein Kammerspiel, das durch die (fast konsequente) Echtzeit einen starken Spannungsbogen erhält und unerbittlich auf den Showdown zusteuert. Dieser bietet zwar etwas Action und Schießereien, aber keinen strahlenden Sieger, sondern einen gebrochenen Helden, der in letzter Sekunde Hilfe von seiner streng pazifistischen Frau erhält und desillusioniert seine Marke in den Staub wirft, nachdem die Stadt 'gesäubert' wurde (diese Geste wurde von Don Siegel in "Dirty Harry" aufgegriffen). Zusammenhalt und Unterstützung hat er nicht gefunden, nur Opportunismus, Egoismus und Heuchlerei. Immer wieder konzentriert sich die Kamera auf Gary Coopers verzweifelten Gesichtsausdruck, während die Uhr abläuft. Er ist der vielleicht menschlichste aller Western-Helden, den Tränen nahe, um Hilfe bittend, aber doch felsenfest überzeugt, dass es besser ist, sich zu stellen als wegzulaufen.

ZWÖLF UHR MITTAGS bietet viel Raum für freie Interpretation, die Lesart als Anti-McCarthy-Parabel ist allerdings die am häufigsten gebrauchte. Zu Beginn sehen wir Cooper und seine Braut Kelly umringt von Menschen, kurz vor dem Finale ist die Stadt scheinbar menschenleer, und Cooper geht in einer extremen Totale, von allen allein gelassen, seinem Schicksal entgegen. Aus dem beliebten und geschätzten Mitglied der Gesellschaft ist in nur einer Stunde ein Außenseiter geworden.
Exemplarisch ist auch die Kirchen-Szene in der Mitte des Films. Cooper unterbricht einen Gottesdienst, um Freiwillige zu rekrutieren. Obwohl sich die gesamte Stadt in Gefahr befindet, wirft ihm zunächst der Pfarrer vor, dass Cooper nicht kirchlich geheiratet habe und auch nicht regelmäßig zu den Gottesdiensten erscheine. Dann entbrennt unter den Anwesenden eine Diskussion über Solidarität, bei der erst einmal die Kinder hinausgeschickt werden (damit sie die Feigheit und Verlogenheit ihrer Eltern nicht mitansehen müssen), und in deren Verlauf alle guten Gründe für Beistand und Anständigkeit durch absurde Scheinargumente entkräftet werden - wie dem, dass man doch schließlich als Bürger die Polizei bezahle und sich dafür nicht auch noch erschießen lassen muss. In diesen Momenten wirft ZWÖLF UHR MITTAGS nicht nur einen düsteren Blick auf die städtische (und kirchliche) Gemeinschaft, sondern auch auf die brüchige Natur der Demokratie.

ZWÖLF UHR MITTAGS ist ein Film, an dem ich nicht einmal mit vorgehaltener Waffe etwas aussetzen könnte. Er ist grandios gespielt und inszeniert, Gary Cooper ist eine fantastische Wahl, gerade weil er zuvor stets strahlender Held unzähliger Western war. Die Angst und Nervosität in seinem markanten Gesicht sind echt, er ist in jeder Minute glaubwürdig. Die junge Grace Kelly ist in dieser frühen Rolle (in ihrem zweiten Spielfilm) vor allem strahlend schön. Wenn sie im Finale ihre religiöse Überzeugung über Bord wirft, um ihrem Mann das Leben zu retten, inszeniert Zinnemann das nicht als bewegenden Moment, sondern nüchtern, fast nebenbei. Sein Film ist niemals sentimental oder kitschig. Keine der Figuren hat einen lockeren Oneliner auf den Lippen, es wird weder geflirtet noch gescherzt. Einen kurzen Anflug bitteren Humors gibt es lediglich, wenn Cooper nach einer Schlägerei mit seinem jungen Deputy zum Friseur wankt, in dessen Hinterzimmer bereits die Särge für Cooper und die Banditen gezimmert werden ("Wir bauen nur Regale!"). Galgenhumor, passend.

Erwähnt werden muss noch, dass die einzige Ausländerin, Saloon-Besitzerin Helen Ramirez (Katy Jurado, als erste Mexikanerin mit einem Golden Globe ausgezeichnet), nicht als lächerliche Witzfigur - wie das Paar in "Rio Bravo" - gezeichnet, sondern mit Tiefe und Reife ausgestattet wird. Die Begegnung zwischen ihr und Grace Kelly, die beide in Cooper verliebt sind, verzichtet auf jedes Eifersuchts-Gehabe und konzentriert sich stattdessen auf die unterschiedliche Haltung der beiden zu der nahenden Gefahr. Wenn die beiden gemeinsam mit dem Pferdewagen die Stadt verlassen und an Cooper vorbeifahren, hat man die einzige Solidarität des Films erlebt.

ZWÖLF UHR MITTAGS ist trotz seiner knappen 80 Minuten Laufzeit und des Verzichts auf viele oberflächliche Schauwerte ein großer Film, packend, intelligent, spannend, vielschichtig und so radikal, wie die Zeit es erlaubte. Es mutet fast humoristisch an, dass Zinnemanns Werk zwar die Oscars für Cooper, Schnitt, Musik und Titelsong erhielt, in den Kategorien Film und Buch aber ausgerechnet an Cecil B. De Milles höchst albernen "Die größte Schau der Welt" (1952) verlor, ein aufgeblasenes Zirkus-Spektakel, das man heute nicht mehr anschauen kann, ohne dass sich die Fußnägel aufrollen. So ging (und geht) es leider vielen, und das bestätigt nur die Tatsache, dass man diesen Filmpreis nicht allzu ernst nehmen sollte.

10/10 (was sonst?)

Allein gegen alle - Gary Cooper in "High Noon"


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