Dienstag, 12. Juni 2012

Zeuge gesucht (1944)

Nach einem Streit mit seiner Ehefrau gabelt der frustrierte Scott Henderson (Alan Curtis) eine schöne Unbekannte in einer Bar auf und verbringt mit ihr den Abend. Als er nach Hause zurückkehrt, wartet bereits die Polizei auf ihn - seine Frau ist ermordet worden, und Scott ist der Hauptverdächtige. Sein Alibi, die geheimnisvolle Unbekannte mit dem extravaganten Hut, bleibt unauffindbar, dazu will sie niemand gesehen haben.
Scott
wird vor Gericht schuldig gesprochen, aber seine Sekretärin Carol (Ella Raines), die heimlich in ihn verliebt ist, macht sich selbst auf die Suche, Scotts Unschuld zu beweisen und die "Phantomfrau" zu finden. Dabei gerät sie sehr nahe an den wahren Mörder - ohne es zu wissen...

Der in Dresden geborene Robert Siodmak gehört zu den wichtigsten Regisseuren des amerikanischen Thrillers. Mit ZEUGE GESUCHT (Phantom Lady) inszenierte er seinen ersten lupenreinen Film Noir, nach einer Erzählung von Cornell Woolrich, der auch die Vorlage für Hitchcocks "Fenster zum Hof" (1954) schrieb. Beide Geschichten handeln von unschuldigen Männern, die unabsichtlich in eine Mordaffäre verwickelt werden, die Spurensuche aber den Damen ihres Herzens überlassen müssen, weil sie entweder an den Rollstuhl gefesselt sind oder - wie hier - im Gefängnis sitzen. Beide Geschichten sind extrem konstruiert, überzeugen aber durch die vielschichtigen Charaktere.

Da hören die Gemeinsamkeiten aber noch nicht auf. Die Produzentin von ZEUGE GESUCHT, Joan Harrison, war lange Jahre die persönliche Assistentin Hitchcocks und hat u.a. am Drehbuch von "Jung und unschuldig" (1937) mitgearbeitet. In dieser Geschichte sucht die Freundin des Verdächtigen einen obdachlosen Zeugen, einen Mantel und einen zwinkernden Mörder. Bei Siodmak sucht die Freundin des Verdächtigen eine verschwundene Frau, einen Hut und einen Mörder mit Migräne. Harrisons Beitrag zum Film darf man nicht unterschätzen.

ZEUGE GESUCHT folgt einem Plot, der reichlich unwahrscheinlich ist und voller Löcher steckt. Fängt man an, Fragen zu stellen, hört man gar nicht mehr auf. Woher wusste der Mörder so genau, an welchen Orten sich der unbescholtene Henderson an jenem Abend aufgehalten hat? Wie konnte er sämtliche in Frage kommenden Zeugen bestechen - und besser noch, woher konnte er wissen, dass eine weitere Zeugin aus reiner Eitelkeit die Existenz der "Phantomfrau" leugnen würde? Wieso stellt sich der ermittelnde Cop plötzlich auf die Seite der recherchierenden Sekretärin? Und wieso würde der von ihr gerade entdeckte Hut der Unbekannten umgehend Hendersons Unschuld beweisen?

Zugegeben, auch Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938) baut auf solchen Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten auf, doch sind diese geschickter getarnt als bei Siodmak, der sie einem förmlich um die Ohren haut. Die gute Nachricht ist aber, dass das gar nichts macht, ZEUGE GESUCHT kann trotzdem spannend unterhalten. Das liegt an der straffen Inszenierung, die von Höhepunkt zu Höhepunkt springt und sich nicht in Nebenhandlungen verirrt. Das liegt auch an den für Siodmak typisch atmosphärischen Bildern und der raffinierten Ausleuchtung (allein die erste Szene von Franchot Tone ist ein Musterbeispiel für ausgeklügelte Schwarzweißfotografie), sowie an der exzellenten Besetzung. Ella Raines ist eine wundervolle, schöne und starke Heldin, die mit Fantasie und dem Mut der Verzweiflung agiert, aber nie nachgibt. Wenn sie einem Barmann, der mehr weiß, als er zugibt, mit düsterem Blick nachts durch die Straßen folgt, bis er es mit der Angst bekommt, ist das eine hübsche Umkehrung des Klischees.

Franchot Tone ist ein angsteinflößender Mörder, der einen unvergesslichen ersten Auftritt hinlegt. Interessant, dass Robert Siodmak ihn bereits nach der halben Laufzeit einführt und als Killer enttarnt, so entsteht der typische Hitchcock-Suspense, der eben nicht auf die überraschende Auflösung setzt, sondern das Publikum mit Ella Raines mitfiebern lässt, die nicht erkennt, dass der beste Freund ihres geliebten Chefs ein wahnsinniger Mörder ist. Der ist übrigens nicht der einzige, der hier vom Wahnsinn gezeichnet ist. Auch die "Phantomfrau" sitzt in einer Nervenheilanstalt, nachdem sie ihren Verlobten verloren und einen Nervenzusammenbruch erlitten hat. Sie ist die Femme Fatale des Stücks, die schöne Unbekannte ohne Namen, die den Helden (ungewollt) in den Abgrund reißt.

Die von Ella Raines gespielte Figur hingegen ist - und da wird es richtig interessant - Heldin und Femme Fatale in einem. Zwar sind ihre Absichten redlich, doch treibt sie - bitte mitzählen - drei Männer in den Tod. Der erste Zeuge springt vor ein Auto, der zweite wird nach Bekanntschaft mit Raines vom Mörder beseitigt, und der springt nach der Enttarnung durch Raines aus dem Fenster. Mehr als die "Phantomfrau" ist Ella Raines der Todesengel dieser Geschichte. "Wollen Sie das auf Ihrem Gewissen haben?" fragt sie einen Zeugen, der für Geld gelogen hat. Sie selbst aber kann am Ende herzhaft lachen. Ihr Gewissen hat offenbar die Leichen, die ihren Weg pflastern, gut weggesteckt.

Überhaupt wimmelt es in ZEUGE GESUCHT von enttäuschten, einsamen Charakteren. Ella Raines kann dem Boss ihre Liebe nicht gestehen, der ertrinkt seinen Frust über die unglückliche Ehe im Alkohol, die "Phantomfrau" steht wegen des tragischen Verlusts ohnehin kurz vorm Selbstmord, und Elisha Cook findet als hormongesteuerter Schlagzeuger nur in nächtlichen Jazz-Sessions Ablenkung von seiner Einsamkeit.
Es sind diese gezeichneten, beschädigten Menschen, die den Film Noir allgemein und ZEUGE GESUCHT im Speziellen auszeichnen. Siodmaks Film gehört zu den besten Vertretern dieses Genres, auch - und teilweise wegen - der inhaltlichen Unglaubwürdigkeiten. Oder wollte jemand behaupten, Orson Welles' "Lady von Shanghai" (1948) sei besonders plausibel?

09/10

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