Freitag, 22. Juni 2012

Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)

François Truffauts erster Spielfilm SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN (Les 400 Coups) war gleichzeitig sein großer Durchbruch und begründete sowohl die Nouvelle Vague als auch den Antoine Doinel-Zyklus, in welchem noch drei Spielfilme und eine Episode im Film "Liebe mit 20" (1962) folgen sollten.

SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN erzählt vom halbwüchsigen Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud), der in bemitleidenswert schlichten Verhältnissen in Paris aufwächst. Zu Hause bekommt er weder Aufmerksamkeit noch Liebe, in der Schule fällt er durch seine Streiche immer wieder unangenehm auf. Als er nach einem Diebstahl in eine Erziehungsanstalt gesteckt wird, droht der sensible Antoine zu zerbrechen.

Truffaut bricht in seinem Regiedebüt mit so ziemlich allen Regeln des klassischen Erzählkinos. Die jungen Vertreter der Nouvelle Vague wandten sich mit ihren Filmen vor allem gegen den eingestaubten Muff des bis dahin gepflegten Kostümfilms, dem sie authentische Bilder und Geschichten aus dem Alltagsleben entgegensetzten, oft dargeboten von Laien und Neuentdeckungen und mit dokumentarischem Blick. So ist es dann auch nicht eine stringente Handlung, der Plot, der SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN trägt, sondern es sind die Menschen und ihre Lebensumstände. Truffaut verzichtet bewusst auf jede Postkartenansicht von Paris und zeigt stattdessen Seiten der Stadt, die man nie zuvor im Film sah (es gab die strikte Anweisung des Regisseurs, dass unter gar keinen Umständen der Eiffelturm zu sehen sein dürfte). Truffaut gewährt uns einen ungeschönten Einblick in das Leben dieses Jungen, ist immer hautnah dabei, wenn er gedemütigt und verstoßen wird. Er verzichtet auch auf jede Psychologisierung und Mitleidsheischerei, er begleitet Antoine als stummer Zeuge und überlässt es dem Zuschauer, Schlüsse zu ziehen.

Mit Jean-Pierre Léaud hat Truffaut einen großartigen Debütanten entdeckt, der keinerlei Erfahrung mitbrachte und den Antoine Doinel ebenso eigenwillig wie glaubwürdig darstellt. Der Doinel ist wahrscheinlich der interessanteste Charakter, den Truffaut je auf die Leinwand brachte - kein Wunder, dass er ihn nicht loslassen konnte und in weiteren Filmen wieder aufgreifen sollte. Man wird den Verdacht nicht los, dass der Regisseur sich in Doinel wieder erkennt, dessen Entrüstung über die Ungerechtigkeiten, das Verlangen nach Zuwendung teilt. Gegen Ende des Films, wenn Doinel im Erziehungsheim zurückgelassen wird, findet Truffaut eine Einstellung, die einem geradezu das Herz zerreißt, und Doinels Verhör bei der Polizei ist schauspielerisch geradezu sensationell, wenn man bedenkt, dass hier ein Laie vor der Kamera steht.
An den Arbeiten Truffauts gibt es viel zu bewundern, aber es sind besonders die Kinderdarsteller, die er immer wieder überragend findet und einsetzt (wie etwa in "Taschengeld", "Die Braut trug Schwarz" oder "Der Wolfsjunge").

Die nette (und bekannte) Anekdote zum Film: Bevor Truffaut selbst Regie führte, war er als Kritiker tätig und äußerte sich als solcher dermaßen negativ über die Filmfestspiele von Cannes, dass ihm von der Festivalleitung die Akkreditierung fürs Folgejahr entzogen wurde. Dort lief dann aber SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN im Wettbewerb, und Truffaut gewann den Regiepreis. So wurde aus dem Verstoßenen ein gefeierter Star.

10/10

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