Freitag, 15. Juni 2012

Red River (1948)

Howard Hawks' RED RIVER (Red River), früher bekannt als "Panik am roten Fluss" gehört zu den großen Western-Klassikern, die wir alle in unserer Jugend gesehen und geliebt haben.
In epischer Breite erzählt er vom Rancher John Wayne, der sein Vieh quer durchs Land von Texas nach Missouri bringen will, um es dort gewinnbringend zu verkaufen. Indianerangriffe, lebensgefährliche Flussüberquerungen, Hunger und Entbehrung sorgen für eine Reise voller Abenteuer. Zur Seite stehen ihm neben einer handvoll angeworbener Cowboys nur der sensible Ziehsohn Montgomery Clift und der humorige Sidekick Walter Brennan (mal mit, mal ohne Zähne). Als es zu einer Meuterei der Angestellten gegen den sturen und gewalttätigen Wayne kommt, muss Clift sich entscheiden, auf welcher Seite er steht...

RED RIVER ist ein Film des Auf- und Umbruchs. Die Industrialisierung der Viehwirtschaft, der Eisenbahnbau, Generationskonflikte, Emanzipation der Frauen, das sind nur einige der Themen, denen sich Hawks annimmt, und für die er immer wuchtige Bilder findet. Wohl keiner, der den Film je gesehen hat, wird die Szenen vergessen, in denen die Massen von Rindern durch den Fluss getrieben werden oder nachts in Panik durchbrennen. Das Ganze spielt sich durchweg vor den endlosen Weiten der Prärie ab, und man bedauert fast, dass es bis zum Einsatz von Cinemascope noch (wenige) Jahre dauern sollte. Hawks erzählt in Schwarzweiß und erinnert gelegentlich - so absurd das auch klingt - in seinen Montagen und Großaufnahmen an die Filmsprache Eisensteins. Er schildert die Strapazen des Trecks mit größtmöglichem Realismus und verzichtet (zumindest in den ersten beiden Dritteln) auf Verklärung des Cowboylebens - trotz einiger übertrieben pathetischer Dialoge.

Für den Actionfan gibt es genügend Schießereien und Prügeleien, für die komische Note sorgt - wie üblich - Hawks-Spezi Walter Brennan, das größte Ereignis aber ist Montgomery Clift, der hier in einer seiner ersten Rollen zu sehen ist und bald darauf zum umschwärmten Superstar wurde, als Vertreter einer neuen, rebellischen Generation von Schauspielern, den Brandos und den Deans. Da macht es auch nichts, dass er als Führer des Trecks reichlich unsicher wirkt. Hawks verpasst ihm genau die Manierismen, die er später Ricky Nelson in "Rio Bravo" (1959) geben würde - man weiß ja, wie gern Hawks seine Ideen recycelte. Das Duell der von Wayne und Clift gespielten Charaktere, das natürlich ödipale Züge trägt, ist auch ein Duell der alten Schauspielgarde gegen die junge, und noch mehr. Waynes Herrschaftsform ist die des Fürsten (nicht umsonst sagt man "Rinderbaron"), der über Leben und Leid seiner Untergebenen unerbittlich entscheidet, diese im Zorn über den Haufen schießt oder aufhängen lassen will, wenn sie sich widersetzen oder gar desertieren. Montgomery Clift hingegen lässt sich vielmehr von Vernunft und Verständnis leiten, ist der Vertreter des demokratischen Systems, das den alten Teufelshauptmann zwangsläufig ablösen wird (und muss). Insofern kann man RED RIVER durchaus als bewusst politischen Film betrachten.

Berühmt ist RED RIVER auch durch die homoerotischen Subtexte, bei denen man nicht weiß, ob sie beabsichtigt sind oder nicht, am deutlichsten in der ersten Begegnung zwischen Clift und John Ireland, der als Cowboy 'Cherry' seine Augen nicht von Clift lassen kann und gern mal die Größe der Schusswaffen vergleicht, frei nach dem Motto: "Zeig mir deins, dann zeig' ich dir meins." Leider wird dieser Strang nicht wirklich fortgesetzt und spätestens mit dem Auftauchen von Joanne Dru als dauerquasselndem Flintenweib, das sich unsterblich in Clift verliebt (er ist aber auch zu schön) komplett aufgegeben. Die ist dann nur eine von mehreren Schwächen, die den Genuss des Mammutwerks trüben.

Über RED RIVER findet man fast nur positive Kritiken, und jede Mäkelei grenzt an Gotteslästerung, es ist aber nicht zu übersehen, dass der Film besonders in der zweiten Hälfte immer mal wieder durchhängt, und die von Joanna Dru gespielte Figur gehört zwar eindeutig ins Hawks-Kabinett der zähen Frau (immerhin bekommt sie während der ersten Unterhaltung mit Clift einen Indianerpfeil in die Schulter, redet aber weiter, als sei nichts gewesen), sie nervt aber ohne Ende mit ihrem Geplapper, und die Schauspielerin hat einfach nicht die Klasse einer Bacall, diese Art von Dialog trocken rüberzubringen. Stattdessen übertreibt sie, was das Zeug hält, fummelt Clift unmotiviert im (hübschen) Gesicht herum und stemmt die Hände in die Hüften, wenn sie böse wird. Aua!
Die einzige andere Frau im Film, die gleich zu Beginn von John Wayne abserviert und später von Indianern umgebracht wird (die Darstellung der Indianer ist noch so eine Sache), bleibt ebenso schwach. Das ist Howard Hawks später mit Angie Dickinson weitaus besser gelungen, ebenso mit Walter Brennan, der hier für ein paar Lacher den eindimensionalen Tölpel (natürlich mit dem Herz am rechten Fleck) spielen muss. Über John Wayne als Schauspieler kann man geteilter Meinung sein, aber wenn er im letzten Drittel aus dem Film verschwindet, vermisst man ihn sehr schnell, weil mit ihm auch der interessante Konfliktstoff fehlt. Die holprig hineingeworfene Liebesgeschichte zwischen Clift und Dru stinkt dagegen mächtig ab.

RED RIVER ist aus heutiger Sicht etwas schwierig zu beurteilen. Der Zahn der Zeit hat ganz schön an ihm genagt. Die Highlights aber - und dazu gehören sowohl die 'großen' Sequenzen mit der Viehherde als auch die politischen und psychologischen Themen - sind immer noch grandios anzuschauen. Sein Status als einer der aufregendsten, exemplarischsten Hollywood-Western bleibt unerschüttert, zu wahren Begeisterungsstürmen hat er mich jedoch nicht (mehr) hingerissen. Die Zeiten ändern sich.

7.5/10


"Schon mal eine Schweizer Uhr gehabt?"
John Ireland und Montgomery Clift kommen sich näher


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