Dienstag, 26. Juni 2012

Mimic - Director's Cut (1997)

Insektenforscherin Dr. Susan Tyler (Mira Sorvino) entwickelt im Kampf gegen eine Kakerlakenplage in New York eine neue Spezies, welche die Schabenplage ausrottet. Die neue Spezies aber sichert ihr eigenes Überleben, indem sie täuschend echt die menschliche Bevölkerung nachahmt und schon wenige Jahre später zur tödlichen Gefahr mutiert.

MIMIC (Mimic) von Guillermo del Toro lief Ende der 90er mit nicht allzu großem Erfolg in den Kinos und erhielt gemischte Kritiken, unter Horror-Fans aber genoss er einen guten Ruf und fand einige (belanglose) Fortsetzungen. Der Regisseur, der zuvor mit seinem vielfach preisgekrönten, mexikanischen Genre-Beitrag "Cronos" (1993) einen echten Kultfilm geschaffen hatte, war mehr als unglücklich über die Kinoversion, die stark von seinem ursprünglich geplanten Konzept abwich. Auf Druck des Studios musste er seinen inhaltlichen Anspruch so weit herunterfahren, dass am Ende nur noch ein mäßiger Kakerlaken-Horror herauskam, ein typisches B-Monster-Movie, das lediglich durch die guten Effekte, einige schaurige Sequenzen und die hervorragenden Darsteller (Mira Sorvino, Giancarlo Giannini, F. Murray Abraham) punkten konnte. Offenbar hatten die Produzenten am meisten Angst davor, dass del Toro einen 'Kunstfilm' inszenieren wolle, was in Hollywood so ziemlich das Schlimmste ist, was man anstellen kann. Dazu später mehr.

Jetzt, 15 Jahre später, hat Guillermo del Toro für eine Neuveröffentlichung eine Fassung erstellt, die seiner Vision sehr viel näher kommt. Natürlich musste er sich an das Material halten, das zur Verfügung stand. Insofern ist auch diese Fassung nur eine Annäherung, aber immerhin eine, mit der der Regisseur gut leben kann. Der Film hat immer noch seine Schwächen, macht jetzt aber weitaus mehr Sinn, verzichtet auf allzu dumme Schockeffekte und spielt vor allem seine philosophischen/religiösen Fragen konsequent durch. Del Toros Ansatz für MIMIC liegt in den Fragen, was wäre, wenn Gott nicht mehr den Menschen, sondern eine andere Spezies bevorzugte, und wie weit der Mensch in die natürliche Ordnung eingreifen kann, ohne den Preis dafür zu bezahlen.

Für diese Fragen benutzt del Toro ein erstaunliches visuelles Konzept, in dem die Menschen im Lauf des Films scheinbar immer mehr zu Insekten mutieren, während die Insektenspezies den Menschen immer ähnlicher wird. So müssen die Darsteller im Kampf gegen die Kakerlaken immer tiefer in die düsteren Katakomben der Stadt vordringen, geraten dabei in immer größer werdende Sets, die sie kleiner und kleiner wirken lassen. Diese Idee findet ihren Höhepunkt, wenn die kleine Gruppe um Mira Sorvino sich in einem unterirdischen Schacht in einem stillgelegten U-Bahn-Waggon (sprich: einer Insektenfalle, ähnlich eines 'Roach Motels') verstecken und sich mit Kakerlakenschleim beschmieren muss, damit die tödliche Spezies sie nicht mehr von ihresgleichen unterscheiden kann.

Zu dieser Thematik gehört auch der private Konflikt von Mira Sorvino und Filmgatten Jeremy Northam, die verzweifelt versuchen, ein Kind zu zeugen, was ihnen auf natürlichem Weg nicht möglich ist. Dem gegenüber stehen die 'Mimics', die sich unaufhörlich fortpflanzen und den Menschen bald zahlenmäßig überlegen sind. So genial die Wissenschaftlerin in der Erschaffung einer Insektenspezies war, so hilflos ist sie, wenn es um ihre eigene Spezies geht.
Das Nachahmen hingegen findet sich auch in anderen Bereichen des Films, etwa, wenn der Sohn eines Schuhputzers in der U-Bahn die Passanten am Geräusch ihrer Schritte und Schuhe erkennt und diese imitiert - was die 'Mimics' später davon abhält, ihn zu töten, weil er - wie sie - ein Nachahmer, einer 'von ihnen', ist.

Es sind diese Bezüge und Subtexte, die aus MIMIC sehr viel mehr als einen albernen Monsterfilm machen. Übrigens wollte Guillermo del Toro ursprünglich nicht von Kakerlaken erzählen, sondern von einer seltenen Insektenart, die sich im Central Park ausbreitet. Er wurde aber von den Produzenten genötigt, sich auf das Naheliegendste - die Kakerlaken - zu verlegen, weil die Zuschauer sich damit angeblich besser identifizieren können ("Kakerlaken in New York kennt doch jeder!").

Technisch bewegt sich MIMIC ohnehin auf höchstem Niveau, das war schon in der Kinofassung so. Die Bilder sind extrem düster (Del Toro wollte, dass man in mehreren Sequenzen vor Dunkelheit kaum etwas erkennen kann), und die Effekte um die menschenähnlichen 'Mimics' haben eine starke Gänsehautqualität. Die surreale, futristische Ausstattung stammt von Carol Spier, die für fast alle Cronenberg-Filme zuständig war, und Marco Beltrami hat seinen wohl besten Score für den Film komponiert. Letztendlich wäre das aber egal, wenn man an den Menschen kein Interesse hätte, und da kann das starke Ensemble aus Charakterdarstellern absolut überzeugen, allen voran Mira Sorvino als intelligente und sensible Wissenschaftlerin, die aus Forscherdrang und einer damit einhergehenden Naivität heraus eine tödliche Gefahr auf die Menschheit loslässt.

Die neue DVD- bzw. Blu-Ray-Fassung bietet zudem einen der besten Audiokommentare (des Regisseurs), die ich in den letzten Jahren gehört habe. Wer wissen will, warum Hollywood immer mehr verdummt, der sollte sich die Erzählungen von del Toro zu Gemüte führen, der so viele Zugeständnisse und Kompromisse machen musste, dass einem die Haare zu Berge stehen. Ohne seine Einwilligung wurden z.B. von anderen Regisseuren (darunter so bekannte Namen wie Robert Rodriguez) und Second Unit-Teams ohne Einwilligung del Toros Szenen gefilmt, die er unverwendbar fand , die aber trotz seines Protestes in den Film eingefügt wurden. Das Drehbuch, das er bereits in der ersten Fassung absolut gelungen fand, wurde von etlichen Autoren bearbeitet und nochmals bearbeitet (darunter Autoren wie Steven Soderbergh). Das Production Design von Carol Spier wurde als zu bizarr abgelehnt, und man darf froh sein, dass del Toro sich an der Stelle wenigstens durchsetzen konnte.

Glücklicherweise nimmt der Regisseur kein Blatt vor den Mund und bedankt sich ausdrücklich bei Mira Sorvino, die stets für die Vision del Toros gekämpft hat (ohne sie wäre die Kinoversion noch flacher) und damit ihrer eigenen Karriere schadete. Dank ihres integren Einsatz für den Regisseur und gegen das Studio galt sie ganz schnell als schwierig. So etwas spricht sich in Hollywood schnell herum. Guillermo del Toro jedenfalls war nach den Erlebnissen mit MIMIC von allen Illusionen befreit.

08/10

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