Freitag, 1. Juni 2012

Haben und Nichthaben (1944)

Der Legende nach saßen Autor Ernest Hemingway und Regisseur/Produzent Howard Hawks bei einem (oder eher vielen) Drinks zusammen, und Hakws behauptete, er könne aus jedem schlechten Buch Hemingways einen erfolgreichen Film zusammenschustern. Der Deal war perfekt, gemeinsam wählte man "To Have and Have Not" als Hemingways schlechtesten Roman aus, als Drehbuch-Co-Autor wurde der hochgeschätzte William Faulkner engagiert, der selbst pleite war und dringend einen Job brauchte, und es entstand HABEN UND NICHTHABEN (To Have and Have Not), einer der großen Klassiker des amerikanischen Films.

Die Ähnlichkeiten mit "Casablanca" (1943) sind dabei verblüffend, bzw. gar nicht so verblüffend, weil Howard Hawks sie ganz bewusst wählte. Wieder haben wir den zerknitterten Humphrey Bogart, der als einsamer Wolf im Exil lebt, während der 2. Weltkrieg tobt. Diesmal lebt er auf Martinique und betreibt ein Charter-Boot, mit dem er Touristen zum Fischen aufs Meer schippert. Nebenbei lernt er die reizende Lauren Bacall kennen, die sich als Taschendiebin durchschlägt und sich auf der Stelle in ihn verliebt. Dann soll er zwei französische Widerstandskämpfer mit dem Boot auf die Insel schmuggeln und bekommt jede Menge Ärger mit finsteren Abgesandten der Vichy-Regierung.

Obwohl "Casablanca" im Vergleich besser abschneidet, weil er insgesamt geschliffener, brillanter und politisch intelligenter daherkommt (und vergessen wir nicht Claude Rains, der hier schmerzlich vermisst wird), kann HABEN UND NICHTHABEN vorrangig durch die Chemie der beiden Hauptdarsteller begeistern. Dies war der erste Film der damals 19-jährigen Bacall, und mit ihr hat Hawks eine zukünftige Leinwandgöttin entdeckt, die er nach seinen eigenen Vorstellungen einer Filmheldin formen sollte. So ist Bacall - die seinerzeit passend "The Look" genannt wurde - in HABEN UND NICHTHABEN der Inbegriff der Hawksian Woman - sie entschuldigt sich für nichts, trägt ihre Gefühle offen zur Schau, kann jedem Kerl das Wasser reichen und hat eine Vorliebe für zweideutige Kommentare, etwa in der mittlerweile berühmten "Sie können doch pfeifen, oder?"-Szene, die zu dem meistzitierten Dialogpassagen der Filmgeschichte zählt.

Howard Hawks mag sich mehr von der Zusammenarbeit mit Bacall versprochen haben, immerhin war er bekannt für Affären mit seinen Darstellerinnen, doch Bacall verliebte sich vom Fleck weg in Humphrey Bogart, der für Bacall seine Frau verließ und mit ihr bis zu seinem Tod als eines der skandalfreiesten Ehepaare Hollywoods zusammenlebte. Hawks tröstete sich mit Nebendarstellerin Dolores Moran, auch keine schlechte Wahl. Die sexuelle Spannung zwischen Bacall und Bogart ist in jeder Sekunde spürbar und macht aus der spannenden Abenteuergeschichte ein Filmerlebnis der besonderen Art. Da macht es auch nichts, dass einige Szenen deutlich zu lang geraten sind und mehrere Informationen und Konflikte zu breit ausgewalzt werden. Viele der damals knisternden Dialoge zwischen Bogart und Bacall wirken heute natürlich eher amüsant, weil das Anrüchige weggefallen ist und diese Art der Double-Entendres mittlerweile x-mal parodiert wurde. Trotzdem bezieht der Film seine Spannung hauptsächlich aus eben jenem Zusammenspiel.

Die deutsche Synchronfassung übertreibt übrigens mal wieder Bogarts Coolness und lässt ihn unentwegt "Puppe" zu Bacall sagen, was reichlich uncharmant und albern klingt. Im Original ist ihr Spitzname "Slim" - so nannte Howard Hawks auch seine eigene Gattin.
Bogart selbst spielt in HABEN UND NICHTHABEN das, was er meistens spielt, und das macht er wie immer effektiv. Er ist der desillusionierte Held, der sich für die gute Sache erst interessiert, wenn seine eigene Existenz auf dem Spiel steht. Politischen Widerstand leistet er entweder, wenn er sich Geld davon verspricht, oder wenn die wenigen Menschen, für die er etwas empfindet, bedroht werden.

Auf HABEN UND NICHTHABEN wurde vielfach in der Filmgeschichte Bezug genommen, unter anderem vom Hawks-Bewunderer John Carpenter, der in gleich mehreren Filmen Figuren, Situationen und Konflikte aus dem Vorbild übernommen hat. So ist Laurie Zimmer in "Das Ende" (1976) eine exakte Kopie von Bacalls Charakter bis hin zu Dialogzeilen ("Gotta Match?"). Howard Hawks hat sich ebenfalls gern selbst zitiert und einige Passagen in "Rio Bravo" (1959) wieder verwendet - hier wie da weigert sich die weibliche Hauptfigur, trotz Lebensgefahr den Schauplatz zu verlassen, weil sie sich in den Helden verliebt. Auch Nebendarsteller Walter Brennan darf in beiden Filmen den humorigen Sidekick geben und durch die Szenerie humpeln. In HABEN UND NICHTHABEN behält er allerdings die Zähne im Mund.

8.5/10

Gotta Match? -
Es funkt zwischen Bogart und Bacall in "To Have and Have Not"

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