Samstag, 23. Juni 2012

Geraubte Küsse (1968)

GERAUBTE KÜSSE (Baisers Volés), der zweite Teil von François Truffauts Antoine-Doinel-Reihe (bzw. der dritte, wenn man die Doinel-Episode in "Liebe mit 20" mitrechnet), erzählt vom mittlerweile erwachsenen Doinel (Jean-Pierre Léaud), der aus der Armee entlassen wird und als Nachtportier und Privatdetektiv verschiedene Abenteuer in Paris erlebt und die Liebe entdeckt.

Wobei, mit dem Erwachsenwerden ist das so eine Sache. Antoine Doinel, der von Léaud wieder auf diese einzigartig skurrile Weise gespielt wird, betrachtet die Welt um sich herum noch immer mit den Augen eines Jungen. Seine romantischen Avancen sind liebenswert ungelenk. Entweder wird er von seinen Gefühlen übermannt, oder er ergreift die Flucht. Wenn die von ihm angebetete Frau seines Chefs frühmorgens in seiner Wohnung auftaucht, versteckt er sich hinter seinem Bettlaken und schaut mit großen, staunenden Augen zu, wie sie sich ihm offenbart. Wenn ihm eine Idee in den Sinn kommt, lässt er alles liegen und stehen, und seine Freundin Christine (Claude Jade) auch mal sitzen.

Truffaut gelingt es wieder mühelos, die Nöte eines Heranwachsenden zu porträtieren, der nicht weiß wohin mit sich und seinem Leben. Doinel lässt sich treiben, nimmt verschiedene Jobs an, verliebt sich mehrfach und kichert über lustige Begebenheiten auf der Straße. Trotz einiger boulevardesker Szenen und Albernheiten bleibt sein Film immer realistisch. Die Wohnungen sind echt, die Menschen sind es auch. Wie in den anderen Teilen des Zyklus' erzählt Truffaut episodisch und schildert Doinels Erlebnisse in amüsanten Anekdoten, anstatt einem klaren dramaturgischen Bogen zu folgen. Die Klammer bildet Doinels Beziehung zur jungen Christine (Claude Jade). Sie verlassen den Film als Paar, brauchen aber eine ganze Weile, um zueinander zu finden. Diese lockere Erzählhaltung, in die sich gelegentlich surreale oder bizarre Elemente einschleichen, führt zu einem durchweg unterhaltsamen Bilderbogen mit haufenweise bezaubernden Einfällen.

Da wäre zum Beispiel Michel Lonsdale als farbloser Besitzer eines Schuhgeschäfts, der eine Detektei beauftragt, herauszufinden, warum ihn niemand mag, weil er seine kostbare Zeit nicht an einen Psychiater verschwenden will. Oder Delphine Seyrig, die Grande Dame des europäischen Kunstkinos, als Lonsdales Ehefrau, die für den jungen Antoine die Verkörperung einer Liebesgöttin darstellt, in deren Gegenwart er nicht einmal fähig ist, einen Satz zu sprechen. Oder auch Christine, die ihren Fernseher auseinandernimmt, weil sie so Kontakt zu Antoine findet, der als fliegender TV-Monteur arbeitet. Einen Hitchcock-Moment gibt es auch, wenn ein Liebesbrief per Rohrpost durch die unterirdischen Labyrinthe der Stadt transportiert wird und Truffauts Kamera ihren Weg nachverfolgt.
Die wohl hinreißendste Szene aber kommt gegen Ende, wenn Antoine und Christine bei Zwieback und Kaffee nach ihrer ersten Liebesnacht gemeinsam am Frühstückstisch sitzen und sich gegenseitig Zettelchen schreiben, deren Inhalt uns verborgen bleibt. Schöner hat das Kino selten den Zauber und das Geheimnis des Verliebtseins eingefangen.

GERAUBTE KÜSSE gehört zu den besten Filmen Truffauts und ist ein wunderbares Beispiel für die beschwingte Leichtigkeit, die man allgemein dem französischen Kino zuschreibt.

9.5/10

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