Donnerstag, 21. Juni 2012

Eine dunkle Begierde (2011)

Wann macht David Cronenberg wieder einen Film, der nicht seinen Kulturanspruch pompös vor sich herträgt? Die einzige dunkle Begierde, die ich beim Ansehen von EINE DUNKLE BEGIERDE (A Dangerous Method) verspürte, war der Griff zur Fernbedienung.

Worum geht es? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt sich Psychiater Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) der psychisch gestörten Russin Sabina Spielrein (Keira Knightley) an und behandelt sie mit den unkonventionellen Methoden des von ihm bewunderten Sigmund Freud (Viggo Mortensen). Aus der Arzt/Patientin-Beziehung wird zunehmend eine Leidenschaft, der sich Jung nur schwer entziehen kann, und auch das Verhältnis zu Freud wird auf eine harte Probe gestellt.

Zur Erinnerung: David Cronenberg gehört zu meinen großen Helden, seitdem mir beim Remake von "Die Fliege" das Popcorn wohlig wieder hochkam. Cronenberg ist der Mann, der seinen Erstling "Parasiten-Mörder" als Geschichte einer Geschlechtskrankheit aus der Sicht der Geschlechtskrankheit bezeichnete. Und seinen grimmigen "Die Brut" verstand er - nur halb scherzhaft - als Antwort auf "Kramer gegen Kramer". Er hat der Welt den schönsten explodierenden Kopf geschenkt ("Scanners") und mit dem Fetisch-Schocker "Crash" weltweit die Zensurbehörden auf den Plan gerufen.

Es ist eben dieser Cronenberg, der den Sprung vom King of Body Horror zum anspruchsvollen Mainstream/Arthouse-Kino geschafft hat und dort offenbar nach der Anerkennung sucht, die er lange Jahre nicht bekam, als er von seriösen Kritikern nur belächelt wurde. Ich bin den Weg mitgegangen, bis hin zu "A History of Violence" , den ich doch arg simpel fand, und das Russenmafia-Geplänkel in "Tödliche Versprechen" hat mich auch nicht sonderlich begeistert. Hin und wieder, wenn mich EINE DUNKLE BEGIERDE wieder mal in den Tiefschlaf befördern wollte, habe ich mich gefragt, wie der junge Cronenberg den Film des reiferen Cronenberg wohl finden würde. Sicher, er ist geschmackvoll, gepflegt bebildert und sorgfältig ausgestattet. Die Leistungen von Mortensen und Fassbender sind ansprechend. Aber sind Worte wie "gepflegt" und "geschmackvoll" wirklich Attribute, die ich bei einem Cronenberg sehen möchte? Sind das überhaupt Eigenschaften, die ich an Filmen schätze? Die Antwort ist eindeutig Nein.

Das hat gar nichts mit Cronenberg zu tun. Er bleibt immer einer meiner größten Helden und kann, darf und soll bitte die Filme machen, die er gern machen möchte. Allein, ich möchte sie nicht mehr sehen. Vor 15 Jahren noch hätte ich einen Film wie diesen geschätzt und mühsam versucht, ihn im Cronenberg-Gesamtwerk einzuordnen. Heute sehe ich denselben Film und denke, das Leben ist zu kurz für solch gepflegte Langeweile, die sich dazu noch so furchtbar ernst nimmt und doch nichts anderes ist als ein dröge verfilmtes Hörspiel.

Und nicht nur das, zwischendurch wird EINE DUNKLE BEGIERDE auch noch peinlich - nämlich immer, wenn Keira Knightley auftritt, die eine lachhafte Parodie von Linda Blair im "Exorzisten" abliefert - nur ohne die Kruzifix-Masturbation und die gespuckte Erbsensuppe (zwei Momente, die der junge Cronenberg ohne Zögern isnzeniert hätte). Warum wird Knightley eigentlich gezwungen, mit einem schlimmen Akzent zu sprechen, den sie weder beherrscht noch konsequent durchhält, Mortensen und Fassbender aber nicht? Und warum gibt es Leute, die meinen, sie hätte dafür einen OSCAR verdient? Wer übrigens hoffte, Vincent Cassel würde als koksender Hedonisten-Psychiater ein bisschen Leben in die Bude bringen, falsch gedacht. Was hätte man mit Cassel, Mortensen und Fassbender statt dieses staubigen Puppentheaters für einen knackigen Film machen können? Da möchte einem doch "Scanners"-mäßig der Kopf platzen.

EINE DUNKLE BEGIERDE ist ein Film, den ich gern von dem leider verstorbenen Ken Russell gesehen hätte, dem es Zeit seines Lebens wurscht war, wie historisch akkurat seine Biopics daherkamen. Der hat historische Figuren interpretiert, anstatt verkleidete Imitatoren in die Dekoration zu stellen und wohlklingende Theaterdialoge aufsagen zu lassen.
EINE DUNKLE BEGIERDE ist eine freudlose (HA!) und lahme Angelegenheit, gegen die Cronenbergs Psychodrama "Spider" (den ich durchaus mag) wie ein "Transformers"-Sequel wirkt.
Oder anders: Wenn ich zwei Ärzte im Clinch um eine neurotische Frau sehen will, erwarte ich gefälligst Jeremy Irons in einer Doppelrolle und mit bizarren gynäkologischen Instrumenten im Gepäck. Das war nämlich ein Wahnsinns-Film!

03/10

Kommentare:

  1. Hallo Matze,
    hab den Film nicht gesehen - werd ich nun auch nicht, danke. Percy Adlon dreht "Mahler auf der Couch", Cronenberg legt nach. Schiedsrichter, Foul! Sie wollen uns einschläfern! - Na, darf ja jeder seinen Geschmack haben. Aber manchmal liest sich eine Rezension so überzeugend wie deine hier, dass ich einfach weiß, die stimmt auch für mich.
    lieben Gruß, Karsten

    AntwortenLöschen
  2. Ich will aber nicht verheimlichen, dass es sehr viele Rezensenten gibt, die dem Film die Höchstnote verleihen... Danke übrigens für das "Golden Girls"-Zitat! :-)) LG, Mathias

    AntwortenLöschen
  3. Deine Kritik stimmt auch für mich - ich war damals sogar im Kino. Mist! Was für ein belangloser, langweiliger Film! Was für eine Fehlbesetzung da mit Keira Knightley. Was sollte das eigentlich alles? Wofür ein Oscar? Echt schade und traurig, dass es Cronenberg einfach nicht mehr bringt (was aber auch in meinen Augen seine früheren Werke nicht schmälert). Am ehesten fand ich noch "Tödliche Versprechen" gut, das lag wohl am Vincent Cassel und der doch etwas groberen Gangart und einer noch ganz guten Story. Aber das hier: verschwendete Zeit!

    AntwortenLöschen
  4. Da stimme ich 100%ig zu! Du solltest dann lieber nicht "Cosmopolis" schauen... der hat mich noch mehr frustriert als dieser hier und war der erste Cronenberg, den ich nicht bis zum Schluss angesehen habe. LG, Mathias

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...