Sonntag, 3. Juni 2012

Die Dämonischen (1956)

"Sie kommen, um dich zu holen, Barbara" war noch ein gutes Jahrzehnt entfernt. "Ihr seid die Nächsten!" war bis dahin der gültige Warnruf des Horror-Genres, ausgerufen von Kevin McCarthy am Ende des Klassikers DIE DÄMONISCHEN (Invasion of the Body Snatchers), in dem es nicht um eine Invasion der Untoten geht, sondern die Invasion einer außerirdischen Spezies, die perfekte, aber seelenlose Nachbildungen von uns allen erschafft.
Dem Grauen kommt Kleinstadt-Arzt McCarthy auf die Spur, dem mehrere Bekannte und Patienten versichern, ihre Angehörigen seien nicht mehr ihre Angehörigen. Sie sehen noch so aus, aber es fehlt etwas. Liebe und Zuneigung, Angst und Wut, einfach jede Art von Emotion. Gemeinsam mit seiner Jugendliebe Dana Wynter entdeckt der Doktor bald geheimnisvolle Schoten, aus denen die Doppelgänger wachsen. Bald schon wissen sie nicht mehr, wer noch echt, wer Kopie ist - und rennen um ihr Leben...

Don Siegel verfilmte 1956 als Erster den Stoff, der so viel Potential enthält, dass man ihn alle Jahre wieder auf die Leinwand bringen und ihn in einen anderen gesellschaftlichen und politischen Kontext stellen kann. Die Angst vor Entmenschlichung, Übernahme und Isolation, die Furcht vor der Veränderung in den Menschen, die wir lieben, Entfremdung und Einsamkeit, das sind die Themen, die uns immer wieder beschäftigen und beunruhigen. In den 50ern bezog man dieser Ängste natürlich auf die Machenschaften des Senators McCarthy (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Hauptdarsteller), der den Amerikanern einredete, Kommunisten würden das Land unterwandern, und der so eine gezielte Atmosphäre der Paranoia schuf, in der jeder dem anderen misstraute.

Der Film DIE DÄMONISCHEN ist aber keine kritische Auseinandersetzung mit der Zeit (wie es etwa 1952 ein "Zwölf Uhr mittags" war), sondern eine Illustration der Befindlichkeiten. Die Außerirdischen Invasoren, das sind die Kommunisten, die aus netten Nachbarn und rasenmähenden Onkels emotionslose Monster machen, deren Lebensentwurf für manche verführerisch klingen dürfte - ein Leben ohne Trauer, Kummer und Hass (und interessanterweise auch Treue, wie einer der bereits übernommenen Gestalten erklärt - wobei er wahrscheinlich Eifersucht meint). Dahinter aber lauern Gefahren, die uns nicht bewusst sind. Deshalb erklärt der Film auch nie die Absichten der Außerirdischen, die zwar mit Sicherheit finstere Pläne mit dem Planeten verfolgen, aber keiner weiß, welche.

Don Siegel inszeniert DIE DÄMONISCHEN als rasanten Thriller, der gleich nach dem Vorspann auf Hochtouren läuft und einen immer stärker werdenden Sog aufbaut, je enger sich die Schlinge um unsere Protagonisten zusammenzieht. Dabei gehen Charakterisierungen und Logik weitgehend über Bord. Tatsächlich benehmen sich die Figuren stellenweise extrem merkwürdig, ganz besonders, wenn der erste künstliche Körper auftaucht. Die Anwesenden sind zwar erschrocken und verblüfft, dann aber muss erst mal einer gelüpft werden, die Damen werden ins Bett geschickt, und der Hausherr, auf dessen Billardtisch der Körper liegt, wird vom Doktor angewiesen, diesen zu "beobachten" (?) - falls nichts passiert, könne er am Morgen die Polizei rufen. Dass diese angebliche Leiche keine Fingerabdrücke hat und auch andere charakteristische Merkmale fehlen, ja, das kommt eben schon mal vor. Auch wird dem Zuschauer nie ganz klar, wie die Verwandlung eigentlich abläuft. Zwar entwickeln sich die aus den Schoten geborenen Körper wie ihre menschlichen Ebenbilder, wo jene aber nach der Übernahme bleiben, ist ein Rätsel (im Remake wird ein hübsch grusliger Effekt dadurch erzielt, dass wir sehen, wie die Überreste der Menschen mit Müllwagen abgeholt werden, was vielleicht für einen Film der 50er zu zynisch gewesen wäre).

Neben den Logik-Holperern und Unglaubwürdigkeiten aber schnurrt DIE DÄMONISCHEN wie eine gut geölte Terror-Maschine und springt von einer atemlosen Hetzjagd zur nächsten. Die Schwarzweiß-Bilder werden stets bedrohlicher, die Kamera verkantet zunehmend und stellt die Realität auf den Kopf. Am Ende kann Kevin McCarthy nur noch schreiend über die Autobahn rennen - im Remake von 1978 werden wir ihn in ganz ähnlicher Situation gleich zu Beginn sehen. Viele Spezialeffekte gibt es übrigens aufgrund des Low Budget-Charakters nicht, aber die wenigen, die Siegel bietet, können sich absolut sehen lassen. Die aufplatzenden Schoten mit den in Schaum und Geblubber gehüllten Nachbildungen sorgen auch heute noch für Gänsehaut. Viel mehr braucht es gar nicht.

Die Filmerzählung ist als große Rückblende angelegt, um dem Publikum am Ende zumindest einen Hauch von Hoffnung zu gönnen. Ließe man die erste und letzte Sequenz weg (so wie es die ursprüngliche Absicht Don Siegels war), bliebe pures Paranoia-Kino, aber das war zuviel für seinen Produzenten. Das Happy-End glaubt ohnehin kein Mensch, und die meisten der nachfolgenden Verfilmungen verzichten darauf. Interessanterweise endet die Romanvorlage von Jack Finney aber mit einem Rückzug der Aliens, die nicht mit der menschlichen Gegenwehr gerechnet haben und sich einen neuen Planeten aussuchen (eine Variante, die M. Night Shyamalan für seinen Invasoren-Film "Signs", 2002, ebenfalls wählte).

DIE DÄMONISCHEN wurde schnell zum Mitternachts-Kultfilm und erwies sich als enorm einflussreich. Neben dem exzellenten Remake von Philip Kaufman, das den Stoff aus der beschaulichen Kleinstadt in die Anonymität der Großstadt verlegte, hat auch Abel Ferrara 1993 eine annehmbare Version gedreht, die auf einem Militärstützpunkt spielt. Die Übertragung des Stoffes auf das Teenie-Horror-Niveau in "The Faculty" (1998) gelang nicht wirklich, und der 2007 entstandene "Invasion" mit Nicole Kidman war nicht nur eine katastrophale Produktion, sondern stellte sich am Ende als komplette Gurke heraus. Es wird vermutlich nicht die letzte Verfilmung gewesen sein.
Don Siegels Original kann kein Nachahmer das Wasser reichen. Das hat eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, wovon DIE DÄMONISCHEN handelt.

9.5/10


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