Sonntag, 24. Juni 2012

Die amerikanische Nacht (1973)

Eine von vielen Liebeserklärungen, die François Truffaut auf die Leinwand brachte, ist DIE AMERIKANISCHE NACHT (La Nuit Américaine), die sich diesmal nicht an Frauen oder die Jugend richtet, sondern an das Kino, das Filmemachen selbst.

Wir befinden uns am Set des fiktiven Spielfilms "Meine Frau Pamela", in dem es um Liebe, Eifersucht und Mord geht. Ein junger Mann bringt seine Verlobte mit zu seinen Eltern. Die Verlobte verliebt sich in den Schwiegervater in spe, es kommt zu tragischen Verwicklungen, die Verlobte stirbt bei einem Autounfall, der junge Mann erschießt den Vater. Ende. So tragisch aber die Konstellationen im Film-im-Film sind, so skurril und heiter geht es hinter den Kulissen des Filmdrehs zu.
Der junge Mann wird gespielt von Alphonse (Jean-Pierre Léaud), einem neurotischen Star, der heftig ins Scriptgirl verliebt ist, die sich aber nicht binden will. Seine Verlobte im Film ist Julie Baker (Jacqueline Bisset), ein amerikanischer Filmstar. Sie gilt als schwierig und hatte jüngst einen Nervenzusammenbruch, ist aber von allen Anwesenden am Set die sensibelste und vernünftigste. Deren Filmliebe, der Schwiegervater (Jean-Pierre Aumont) ist im wahren Leben schwul und möchte seinen jungen Lover adoptieren.

Der Regisseur selbst wird gespielt von François Truffaut. Er muss ständig Entscheidungen treffen, planen, schreiben, durchgedrehte Stars beruhigen und bekommt nur am Rande mit, wer da alles mit wem in die Büsche geht, sich trennt und versöhnt. Als sein Hauptdarsteller auch noch selbst bei einem Autounfall ums Leben kommt, besteht die größte Tragik darin, den Dreh umzuorganisieren. Truffaut (der echte wie der gespielte) ist ein Filmbegeisterter, der am Set Bücher über Hawks, Hitchcock und Bergman studiert und nachts von Kindheitserlebnissen verfolgt wird, in denen er Aushangfotos aus Kinos stahl.

Der Ausdruck "amerikanische Nacht" wird beim Filmdreh für Szenen verwendet, die bei Tageslicht gedreht werden, später aber in der Nachbearbeitung in Nachtszenen verwandelt werden. Die Amerikaner nennen das 'Day for Night', und dieser Fake ist auch das zentrale Thema des Films. Nichts, was wir im Kino sehen, ist echt, das zeigt uns Truffaut immer wieder. Der Schnee ist nur Schaum, die tote Geliebte ist ein Stuntman mit Perücke, die Ohrfeige endet kurz vor dem Gesicht, und in der Kerze steckt eine Glühampe. Die großen Gefühle sind auch nur Täuschung. Während sich vor der Kamera das Liebesdrama in großen Auseinandersetzungen, in schön ausgeleuchteten Sets abspielt, finden die Liebschaften hinter den Kulissen an den profansten Orten statt. Eine verlorene Liebe wird schnell durch eine neue ersetzt, tränenreiche Trennungen lösen sich schnell wieder in Luft auf und führen zu Kummer, aber nicht zu Mord und Totschlag.

Mit irrwitzigem Tempo und unendlich viel amüsantem Geplapper folgt Truffaut hautnah den Ereignissen und scheint immer kurz davor, selbst den Überblick zu verlieren. Was da aber so spontan wirkt, ist genau durchdacht. Die Kamera befindet sich nie zufällig inmitten des Chaos', und das filmische Puzzle von Momentaufnahmen fügt sich zusammen zu einer zusammenhängenden Geschichte über die Unterschiede zwischen Leben und Kunst und über die Vergänglichkeit des Augenblicks. Truffaut gelingt es, auch die nebensächlichsten Figuren wie den Ausstatter oder den Kamera-Assistenten zu Protagonisten zu machen, die ebenso bedeutend sind wie die 'Stars'.
Da leistet das Ensemble einfach großartige Arbeit, allen voran Jean-Pierre Léaud, der wieder mal den Antoine Doinel gibt, aber den spielt er einfach unwiderstehlich. Kein Wunder, dass Truffaut in "Liebe auf der Flucht" (1979), der die Erlebnisse Doinels in Rückblenden erzählt, auch Szenen aus der "amerikanischen Nacht" einbaute, in dem Léaud eigentlich jemand anderen darstellt. Als Regie-Assistentin sehen wir übrigens die junge Nathalie Baye in ihrer ersten Kino-Rolle.

Mit der AMERIKANISCHEN NACHT beweist Truffaut, das ein Blick hinter die Kulissen ebenso komisch wie spannend und philosophisch sein kann. Das gelingt ihm weitaus besser als z.B. Fassbinder, der mit seiner "Warnung vor einer heiligen Nutte" (1971) ungefähr das gleiche erzählt (ein Filmteam wartet auf Star und Geldgeber, während überall Affären angefangen und beendet werden), aber über den statischen Insider-Blick und die persönliche Abrechnung nicht hinauskommt.

09/10

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