Sonntag, 10. Juni 2012

Das Rettungsboot (1944)

Alfred Hitchcock war stets fasziniert von Filmen, die an begrenzten Schauplätzen spielen, denken wir etwa an das Apartment der beiden mörderischen Lover...Verzeihung, Kommilitonen in "Cocktail für eine Leiche" (1949) oder James Stewarts' Wohnung mit Hofblick in "Das Fenster zum Hof" (1954).
DAS RETTUNGSBOOT (Lifeboat) war Hitchcocks erster Versuch, eine komplette Spielfilmhandlung an nur einem einzigen Schauplatz anzusiedeln, sieht man mal von seinem britischen Klassiker "Eine Dame verschwindet ab" (1938), der zwar überwiegend in einem konspirativen Zug spielt, aber dafür etwas Vor- und Anlauf im Hotel braucht.

Wir befinden uns im 2. Weltkrieg. Ein deutsches U-Boot hat ein amerikanisches Passagierschiff versenkt, ist dabei selbst gesunken, und die letzten Überlebenden haben sich nun auf ein Beiboot geflüchtet. Unter ihnen befindet sich nicht nur die High Society-Journalistin Constance Porter (Tallulah Bankhead), sondern auch ein vermeintlich deutscher Matrose (Walter Slezak), der in Wirklichkeit der Kapitän des kriegerischen U-Boots ist. Er ist als einziger erfahren genug, das Boot zu steuern, hält aber Wasservorräte vor den anderen geheim und zögert nicht, einen der Schiffbrüchigen, der hinter sein Geheimnis kommt, zu ermorden. Nach mehreren überstandenen Abenteuern müssen die Überlebenden entscheiden, wie sie mit dem verräterischen Deutschen umgehen...

Der Auftakt des Films gehört zu Hitchcocks spektakulärsten Filmanfängen überhaupt. Nachdem das Passagierschiff gesunken ist, folgt die Kamera den Überbleibseln, die auf dem Wasser treiben, den Resten der Zivilisation, bis wir schließlich das Rettungsboot erreichen, in dem Tallulah Bankhead sitzt, perfekt frisiert, im Nerz und schlecht gelaunt, weil sie eine Laufmasche gesichtet hat. Das ist ein Anblick, den man nicht vergisst. Hitchcock meinte dazu, er habe überlegt, wen man wohl am wenigsten in einem Rettungsboot auf dem Ozean erwarten würde, und das ist seine passende Antwort.

Tallulah Bankhead, die nicht allzu viele Filme machte, aber zu den legendären Broadway-Darstellerinen gehörte (deren Privatleben mindestens so spannend und extravagant war wie ihre Auftritte), reiht sich damit in die Reihe von Hitchcock-Diven ein, die mit ihrer Ausstrahlung den gesamten Film beherrschen, obwohl sie eigentlich nur Teil des Ensembles sind (so wie Marlene Dietrich in "Die rote Lola", 1950).
DAS RETTUNGSBOOT ist dann auch von der ersten bis zur letzten Szene die große Tallulah Bankhead-Show. Als reiche und snobistische Zicke muss sie im Laufe der Handlung alles aufgeben, woran sie hängt - ihre Schreibmaschine, den Pelz, ein teures Armband, ihre Strümpfe und ihre Frisur. Hitchcock hat wieder mal den größten Spaß, die Dame all ihrer Damenhaftigkeit zu berauben, so wie er es später mit Tppi Hedren in "Die Vögel" (1962) wiederholen sollte, und wie er es vorher schon mit Madeleine Carroll und Margaret Lockwood geübt hatte. Das kann man leicht als Frauenfeindlichkeit missverstehen, doch ist er der Faszination dieser fremdartigen und (für ihn) unerreichbaren Wesen durchaus ausgeliefert. Die Bankhead ist übrigens kein zerbrechliches Püppchen, sondern macht den Spaß locker mit, haut sarkastische Kommentare nur so raus und kann sich in der Not behaupten. Ihre Whiskystimme sorgt für die nötige Glaubwürdigkeit.

Interessant ist neben der Bankhead einzig die Figur des deutschen U-Boot-Kapitäns, der von Hitchcock als deutlich intelligenter als der Rest der Schiffbrüchigen gezeichnet wird, was dem Regisseur umgehend den Vorwurf der Feindes-Glorifizierung einbrachte. Das ist natürlich vollkommen albern, denn dieser Charakter ist neben seiner Intelligenz selbstverständlich perfide, hinterhältig und kaltherzig.

Neben der Bankhead aber bleibt ohnehin alles andere zweitrangig, und in der Tat sackt der Film kurz nach Bankheads Einführung umgehend ab. Zwar erzählt Hitchcock - nach einer Vorlage von John Steinbeck - jede Menge Schicksale der Überlebenden, setzt auch seine typischen Suspense-Mechanismen ein, wenn eine Amputation an Bord des schwankenden Kahns durchgeführt werden muss und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ein Sturm aufzieht, aber letztlich geht es nur um die typische Kriegspropaganda. Gegen den Feind muss sich die demokratische Welt zusammenrotten und leider auch die Hände schmutzig machen. Deshalb inszeniert er die Gruppe, die am Ende den Tod des Deutschen beschließt, wie ein Rudel knurrender Hunde, bevor sie zum Lynchmord ansetzt. Die Botschaft ist simpel, klar und für jeden verständlich. Der Ruf nach Zusammenhalt erklingt im RETTUNGSBOOT genau so laut wie am Ende vom "Auslandskorrespondent" (1940), aber man merkt schon, dass Hitchcock sich viel weniger für die gute Sache als die Nylons der Bankhead begeistert. Schade nur, dass seine ausgefallenen Leidenschaften hier noch nicht die obsessiven Züge eines "Vertigo" (1958) annehmen konnten - oder durften.
Hitchcocks
beste Filme aber sind bis zu einem gewissen Grad immer unergründlich, deswegen gehört DAS RETTUNGSBOOT auch zu den weniger gefeierten.

Technisch ist DAS RETTUNGSBOOT tadellos umgesetzt. Nachdem er lange nicht zu sehen war, wurde er Mitte der 80er wieder im Kino gezeigt. Ich befand mich zu der Zeit gerade auf einer Klassenreise nach München, und während die Mitschüler herdengleich in den Blockbuster "Ghostbusters" (1984) rannten, durfte ich mir - ohne Aufsicht, aber gemeinsam mit einem ebenso filmbegeisterten Schulfreund (Hallo, Roland!) - Hitchcocks Klassiker im kleinen Nebensaal anschauen, wofür ich meinen Lehrern heute noch dankbar bin. Im Kino, das muss man Hitchcock lassen, wirkt DAS RETTUNGSBOOT wesentlich stärker als zu Hause auf dem kleineren Bildschirm.

Hätte Hitchcock den Mut (und die Freiheit) gehabt, den völlig absurden Filmbeginn weiterzuspinnen und in ungeahnte Höhen zu treiben, hätte aus dem soliden Kammerspiel ein wahres Kunstwerk werden können. So ist DAS RETTUNGSBOOT harmlose Propaganda mit Durchhalteparolen, eingepackt in eine durchaus spannende Abenteuergeschichte, deren Möglichkeiten nicht ganz ausgeschöpft werden.

07/10


Bitte kein Schmieröl auf meinen neuen Nerz!
Constance Porter (Tallulah Bankhead) an Bord des Rettungsbootes.

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