Mittwoch, 6. Juni 2012

Auf der Suche (2011)

Jan Krügers Filme sind immer auch ein bisschen Überraschungstüten. "Unterwegs" (2004) wurde von Kritikern gelobt, gefiel mir aber nur bedingt, während seine Märchenparabel "Rückenwind" (2009) deutlich zurückhaltender aufgenommen wurde, mich aber sofort beeindruckt hat und auch bei mehrmaligem Sehen nicht enttäuscht. AUF DER SUCHE heißt der aktuelle Film von Jan Krüger, und wie in seinen Vorgängern erzählt der Regisseur von einer Reise, einer inneren und äußeren.

Valerie (Corinna Harfouch) sucht nach Simon (Trystan Pütter), ihrem Sohn, der in Marseille verschwunden ist. Simons ehemaliger Freund Jens (Nico Rogner) hilft ihr bei der Spurensuche in dem für sie fremden Land. Die Suche nach Simon und das Entdecken neuer Wahrheiten über den Verschwundenen bringt die beiden einander näher.

AUF DER SUCHE ist ein Roadmovie mit ungewissem Ausgang für alle Beteiligten. Krüger erzählt in gewohnt ruhigen, atmosphärischen Bildern, wird selten laut und bleibt stets unaufgeregt. Er bemüht sich überzeugend um ein realistisches Milieu und wirkt besonders im Aufeinandertreffen der deutschen Valerie mit den französischen Zeugen und Behörden extrem glaubwürdig, zumal alle Figuren in ihrer Landessprache sprechen und nicht - wie so oft - jeder plötzlich Deutsch kann, um den Zuschauer nicht mit Untertiteln zu belästigen. Zu diesem Realismus gehört auch die Austauschbarkeit der Schauplätze, die seeelenlosen Hotelzimmer und gesichtslosen Straßen, auf denen sich die Suche von Valerie und Jens abspielt. Sogar ein Ausflug zu einem Weinberg bleibt trist und ungemütlich. Für ein Roadmovie kann der Verzicht auf Sightseeing durchaus als mutig bezeichnet werden.

Die Begegnungen und das Anrennen gegen Wände in fremden Ländern kennen wir natürlich aus Filmen wie "Frantic" (1988), aber der Fokus ist bei Krüger ein anderer, immerhin soll AUF DER SUCHE auch kein Thriller sein. Was er genau sein will, das ist zugegebenermaßen nicht ganz klar. Muss vielleicht auch nicht. Oder doch? Bei einem "Rückenwind" versteht man schnell, dass die reine Handlungsebene kaum wichtiger ist als die märchenhafte Stimmung des Niemandslandes, in dem sich die Protagonisten verirren. AUF DER SUCHE aber hat ein klares Ziel und stellt eine konkrete Frage, bietet Spuren, wird kriminalistisch. Einige übliche Versatzstücke werden präsentiert (Zeugen die mehr wissen, als sie zunächst sagen), das Spannungsgerüst funktioniert aber nicht wirklich und tritt gelegentlich auf der Stelle.
So angenehm es ist, wenn man als Zuschauer nicht unentwegt alles erklärt bekommt, hätte ich über die Charaktere und deren Hintergrund doch gern mehr erfahren. Die von Nico Rogner gespielte Figur bleibt zum Beispiel ein komplettes Rätsel, und wie Valeries Leben vor der Suche nach ihrem Sohn aussah, hätte ich auch gern gewusst, obwohl ich verstehe, dass es für ihren Jetzt-Zustand keine Rolle spielt. Um so nah an den Charakteren dran zu bleiben, wie der Film es gern möchte, braucht es für mich etwas mehr Futter.

Das Spiel der Darsteller ist allerdings makellos. Corinna Harfouch findet wunderbar leise Zwischentöne für ihre verhärtete Valerie, die langsam aufbricht, Nico Rogner, der schon auf italienischen und französischen Bühnen zu sehen war, kann mit Harfouch problemlos mithalten, spricht ein wohlklingendes Französisch und sieht dazu gut aus (was nicht wichtig, aber ein netter Bonus ist, machen wir uns nichts vor). Die Chemie zwischen beiden stimmt, darauf kommt es an, daraus zieht der Film seinen Reiz. Wie sie mal miteinander, mal getrennt auf der Suche sind, wann und wie sie etwas von sich preisgeben, wie sie sich annähern und wann sie schwer genervt vom anderen sind, das sind die präzise beobachteten Momente in Regie und Spiel, die AUF DER SUCHE so sehenswert machen, während die Geschichte sich ein wenig verläuft und gelegentlich dahin plätschert.

Schade, dass AUF DER SUCHE nur in ausgewählten Kinos und auf Festivals lief und so das größere Publikum nicht mal die Chance hatte, sich ihn anzusehen und sich ein Urteil zu bilden, aber das gehört zum Gesetz des aktuellen Kinos. Schade auch, dass ein Film wie AUF DER SUCHE bei der Vergabe des Deutschen Filmpreises nicht einmal auf der Vorauswahlliste auftauchte (gilt auch für "Stadt, Land, Fluss", 2011). Das ist leider typisch. Vielleicht finden sich zur DVD-Veröffentlichung wenigstens ein paar Bewunderer. Ich kann ihn - mit Einschränkung - empfehlen. Trotz des schweren Themas und der emotionalen Belastung der Charaktere ist der Film nie bleiern, sondern hat eine gewisse Schwerelosigkeit, die im deutschen Kino selten ist. Er wirkt schon wegen der Sprache eher wie eine französische Produktion, und das soll als großes Lob verstanden werden. "Rückenwind" gefällt mir trotzdem besser.

7.5/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...