Samstag, 12. Mai 2012

Torso (1973)

Zwei Studentinnen fallen einem maskierten Killer zum Opfer. Die einzige Spur zum Täter ist ein roter Schal, der auf dem Campus von einem fliegenden Händler verkauft wird. Der versucht, den Täter zu erpressen und wird von einem Auto überfahren. Eine weitere Studentin glaubt, die Identität des Mörders zu kennen und erhält umgehend bedrohliche Anrufe, weswegen sie mit ein paar Freundinnen in ein abgelegenes Landhaus (da ist es wieder!) flieht.
Doch der Mörder ist den Mädels bereits auf den Fersen. Als unsere Hauptdarstellerin Jane (Suzy Kendall) am Morgen erwacht, hat der Täter alle Freundinnen umgebracht und zerstückelt ihre Körper mit einer Handsäge. Es kommt zu einem mörderischen Katz- und Mausspiel...

TORSO, der im Original den schönen Titel "I corpi presentano tracce di violenza carnale" (grob übersetzt: "Die Körper weisen Spuren von Gewaltanwendung auf") trägt und bei uns unter dem Titel "Die Säge des Teufels" ins Kino kam, gehört zu den wichtigsten Gialli der frühen 70er. In den USA wurde er in den Programm- und Drive-In-Kinos zum Hit, wo er im Doppelprogramm mit Mario Bavas "Bay of Blood" (1969) lief, und sein Einfluss auf den späteren Slasherfilm ist nicht von der Hand zu weisen. Dazu gehören die typische Maskierung des Killers, der hier eine groteske Skimütze trägt, sowie dessen obligatorische Waffe und die POV-Shots des Killers in den Mordszenen, die den Zuschauer zur Identifizierung mit dem Killer zwingen. Erwachsene Charaktere gibt es kaum in TORSO, der hauptsächlich unter Frühzwanzigern spielt, auch das ist ein Stilmerkmal des Slasherfilms.

Sergio Martino, der einige der besten Vertreter des Giallo-Kinos inszeniert hat, schraubt in TORSO den Gewalt- und Erotiklevel in neue Höhen. Wer seinen Trash am liebsten mit viel nackter Haut mag, der ist bei Martino genau richtig. Außer unserer züchtigen Hauptdarstellerin Suzy Kendall müssen sich sämtliche - und ich meine sämtliche - Damen nackig machen, und bereits unter den Titeln gibt es einen flotten Dreier zu bestaunen. In der US-Fassung wurde dieser übrigens entfernt und durch eine der späteren Mordsequenzen ersetzt, frei nach dem Motto: Mord und Totschlag = ok, Sex = nicht ok.

Das Studentenleben in TORSO besteht im Prinzip aus einer Kette von Orgien und Drogenexperimenten, daneben wird ein bisschen pseudo-intellektuell dahergeschwafelt ("Herr Professor, ich finde Ihre Analyse zu autoritär" - "Wirklich? Das ist ja interessant.") . Statt zu büffeln, ziehen die flotten Kommilitoninnen lieber zur Freude des männlichen Publikums ihre Blusen aus. Ganz besonders schlimm wird es, wenn die Damen aufs Land entfleuchen und von einem Traktor durchs Dorf kutschiert werden, wo die alten und jungen Dorfzausel Stielaugen bekommen und extrem frauenfeindliche Kommentare ablassen, die von der deutschen Synchronfassung noch getoppt werden. Die schwarze Darstellerin Carla Brait wird mit dummen Sprüchen wie "Färbt die ab?" oder "Ich steh' auf Schokoladenpudding" bedacht, was dem Film dann nicht nur einen sexistischen, sondern auch noch rassistischen Anstrich verleiht. Warum eins, wenn man auch beides haben kann? Gut, die Zeiten waren noch nicht so politisch korrekt wie heute (und das ist auch gut so), aber witzig ist irgendwie anders.
Typisch übrigens, dass alle Studentinnen aussehen, als seien sie gerade einem Erotik-Kalender entsprungen, während die Männer durchweg das Who-is-Who von Hässlichhausen repräsentieren. Sogar ein zwielichtiger Unbekannter, der als 'schön' tituliert wird, ist ein Grottenolm.

Trotz mancher Schwächen kann TORSO aber in den Spannungssequenzen punkten. Gerade das letzte Drittel, wenn Suzy Kendall allein mit dem Killer im Landhaus eingeschlossen ist, bietet für den Freund klaustrophobischer Spannung jede Menge Gänsehaut, und dass Kendall in solchen Szenen gut funktioniert und schön kreischen kann, hat sie in Argentos "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1970) bewiesen. Leider folgt der Film auch im Finale seinem Macho-Gehabe. Anstatt sich selbst zur Wehr zu setzen, muss Kendall sich zuvor den Fuß verstauchen, indem sie saublöd eine Treppe herunterfällt, nur damit sie am Ende von einem der langweiligen Kerle gerettet werden kann, der natürlich kaum Schwierigkeiten hat, den Killer mit ein paar Faustschlägen zur Strecke zu bringen. Ach, die Italiener...

Obwohl TORSO durchaus gewalttätig ist, gelingt es Sergio Martino durch Aussparungen und Unterschneidungen, den Splatterfaktor auf genießbarem Niveau zu halten. Wenn der Killer die Leichen mit der Säge zerteilt, genügen ihm lediglich blitzschnelle Zwischenschnitte und Andeutungen. Die Komponisten Guido und Maurizio de Angelis haben einen der besten Giallo-Scores aller Zeiten komponiert, der eine erstaunliche Palette aufweist, von sanften Easy Listening-Melodien für die Partyszenen bis zu hämmernden Rhythmen in den Stalk 'N Slash-Momenten.

Ob man ihn mag oder nicht, TORSO hat seinen festen Platz in der Geschichte des Horrorfilms. Er fügt der traditionellen Giallo-Formel ein paar neue Elemente hinzu und weist direkt in Richtung "Halloween" (1978) und Nachfolger. Ob sein Titel sich aber auf die zerhackstückten Leichen bezieht oder auf die stets textilfreien Oberkörper der Studentinnen, das weiß ich auch nicht.

08/10

Der Killer mit dem roten Halstuch - "Torso"



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