Montag, 21. Mai 2012

Rio Bravo (1959)

RIO BRAVO (Rio Bravo) - das meint nicht nur Kult-Regisseur John Carpenter - ist der ultimative Western, selbst für Nicht-Western-Fans (wie mich). Man könnte ihn auch als Drama, Komödie und als Thriller einordnen - sogar eine Musical-Nummer gibt es. Hier ist für jeden etwas dabei. Für die Freunde der Law & Order-Mentalität gibt es den bärbeißigen John Wayne in seiner Paraderolle als Sheriff John T. Chance, die Hausfrauen dürfen sich an Dean Martin erfreuen, Teenies können ihr hübsches Idol Ricky Nelson anschmachten, und damit das alles nicht zu männerlastig wird, bezaubert die junge Angie Dickinson als langbeinige Pokerspielerin.

Dass ein Film, der so sehr seine Zielgruppen abdeckt und als eindeutig kommerzielles Mainstream-Produkt konzipiert ist, trotzdem die persönliche Handschrift seines Schöpfers tragen und künstlerisch wertvoll sein kann, das beweist RIO BRAVO in jeder Minute, und das liegt ganz allein an Regisseur Howard Hawks, einem Meister auf so vielen Gebieten.

Worum geht es? Im kleinen Western-Städtchen Rio Bravo hat John Wayne alle Hände voll zu tun. Er hat einen Mörder eingesperrt, dessen mächtige Verwandtschaft alles daran setzt, ihn aus dem Knast zu befreien und dafür gern über Leichen geht. Dann wäre da der versoffene Deputy Dean Martin, der zu wenig zu gebrauchen ist, seit er aufgrund einer unglücklichen Liebschaft zu tief in die Flasche schaut, und der von Wayne auf den rechten Weg zurückgebracht werden muss. In der wenigen Freizeit, die Wayne zwischen den Anschlägen auf sein Leben hat, darf er sich zudem mit der reizenden Angie Dickinson herumstreiten, die sich spontan in ihn verliebt und einfach nicht die Stadt verlassen will, obwohl Wayne sie mehrfach darum bittet. Und vergessen wir nicht den jungen Meisterschützen 'Colorado' (Ricky Nelson), der für Waynes besten Freund gearbeitet hat, welcher von Gangstern ermordet wurde, und der nun ein neues Betätigungsfeld sucht. Addieren wir noch die Zickereien eines alten Hilfs-Sheriffs (Walter Brennan ohne Zähne), kommt ganz schön was zusammen an so einem Tag...

RIO BRAVO ist ein in jeder Beziehung mustergültiges Filmerlebnis, hochspannend, dramatisch, psychologisch stimmig, witzig, hervorragend gespielt und trotz einer beachtlichen Länge von 140 Minuten straff inszeniert. Es steckt viel drin in dieser Saga der Außenseiter, die sich zusammenraufen, um gemeinsam gegen die böse Macht von außen zu kämpfen. Gewalt und Tod sind allgegenwärtig in dieser Stadt. Niemandem darf man den Rücken zuwenden, für Geld ist jeder bereit, zu morden. Mit der Western-Romantik hat RIO BRAVO nur noch am Rande etwas zu tun, obwohl der Film insgesamt deutlich romantisch-verklärter ist als Zinnemanns desillusionierten "High Noon" (1952), als dessen Antithese er oft bezeichnet wird. Der Mythos lebt in RIO BRAVO weiter, sowohl im fröhlichen Happy End als auch in der funktionierenden Männerfreundschaft, die sogar ein gemeinsam geträllertes Lied ("My Rifle, My Pony and Me") verträgt - eine Szene, die ich ohne Wimpernzucken zu meinen Lieblingsszenen des Films zählen würde, auch wenn sie den Film kurzzeitig zum Stillstand bringt und die Fans vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. So sehr diese Szene ein Zugeständnis an die Besetzung ist, sie ist nicht fremd im Hawk'schen Universum, in dem sich oft mit Musik verbrüdert wurde.

Howard Hawks - das muss man nicht extra erwähnen - gehört zu den ganz großen Regisseuren Hollywoods, der sowohl mit Männer- wie Frauengeschichten umgehen konnte. In seinen klassischen Screwball-Comedies waren Männer die Verlierer gegen starke Frauen ("Leoparden küsst man nicht", 1938), in seinen Western und Kriegsfilmen feierte er dagegen das Männerbündnis. In seinen Gangsterballaden mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall ("Haben und Nichthaben", 1944) entwarf er das Bild der 'Hawksian Woman', der ebenbürtigen, zähen Frau, die mit Sarkasmus und Coolness den Männern mehr als nur das Wasser reichen kann.
So wird auch Angie Dickinson in RIO BRAVO geführt, die mehr sein darf als Schaufensterdekoration. Mit ihr hat der gute John Wayne mehr zu kämpfen als mit den Gangstern. Sie redet zu viel, trinkt zu viel und macht ihn überhaupt ganz wuschig. Und wenn er sagt "Dann muss ich Sie verhaften" ist das die Liebeserklärung, die sie hören wollte. Am Ende landet ihr sexy Outfit auf der Straße. Sie ist gezähmt, aber er auch. Das ist schon ein Unterschied zu einem - sagen wir - "Fluss ohne Wiederkehr" (1954), wo am Ende Robert Mitchum die störrische Marilyn nur über die Schulter werfen und "nach Hause" schaffen muss - ob sie will oder nicht. Das kann man mit einer Angie nicht machen.

Ebenso ungewöhnlich und modern geht der Film mit dem Alkoholiker 'Dude' alias Dean Martin um, der eben nicht zu den typisch attraktiven Film-Quartalssäufern gehört, die im Angesicht der holden Aufgabe keinen Tropfen mehr anrühren müssen, weil sie 'kuriert' sind (ein Klischee, das sich hartnäckig auch im modernen Kino hält, weil es ach so romantisch ist). Martin zittert, schwitzt, lässt sich demütigen und beleidigen, nur um kurz einen Hauch von Stolz zu empfinden und sofort wieder zur Flasche zu greifen. Erst als er das mexikanische Totenlied hört, wird ihm bewusst, was er sich antut, und der Drink landet wieder in der Flasche - eine Szene, in der wir die Läuterung einer Figur hautnah miterleben. Dean Martin zeigt hier seine womöglich beste Darstellung überhaupt. Er hatte sich als Schauspieler gerade aus dem Gespann mit Jerry Lewis befreit und konnte in RIO BRAVO die Welt davon überzeugen, dass er es ernst meinte.

Mein Liebling aber ist und bleibt Ricky Nelson. Ja, ich weiß, vorhersehbar und auch so typisch, aber diese jugendliche Lässigkeit, die leuchtend blauen Augen (ohne Nachbearbeitung!) und die samtene Stimme sind einfach zu schön um wahr zu sein. Da ich kein großer Western-Freund bin, brauche ich zusätzliche Schauwerte - eine Marilyn, eine Joan Crawford ("Johnny Guitar", 1954) oder eben Ricky Nelson, tut mir sehr Leid.

John Carpenter zählt RIO BRAVO zu seinen Lieblingsfilmen und hat ihm in gleich mehreren seiner Werke die Aufwartung gemacht. In "Das Ende" (1976) variiert er nicht nur den gesamten Plot, sondern benutzt als Cutter auch das Pseudonym 'John T. Chance', und selbst ein "Ghosts of Mars" (2001) ist nichts anderes als RIO BRAVO auf einem anderen Planeten (nur eben bei weitem nicht so gut, leider).
Von den Bestenlisten, wenn es um Genre geht, ist RIO BRAVO nicht mehr wegzudenken. Ein großer, kluger und immer wieder sehenswerter Film, der erstaunlich geschlossen bleibt (tatsächlich verlassen wir erst gegen Ende die Stadt für ein explosives Finale). Perfekt ist er nicht - die mexikanischen Nebenfiguren und der grauenhafte Humor, der mit ihnen einhergeht, sind der Zeit geschuldet und bereiten heute Zahnschmerzen. Das ist aber nur ein minimaler Einwurf gegen einen so großartigen Film und fällt nicht weiter ins Gewicht. Wer ihn noch nicht kennt - ansehen! Jetzt!

10/10

Kommentare:

  1. ja unbedingt anschauen! Der Film steht bei mir mindestens einmal im Quartal auf dem Speiseplan. Ebenso "Der Marshall". Die Schießerei auf der Waldlichtung gegen Ende des Films fasziniert mich heute noch.
    Grüße Klaus

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  2. ja, unbedingt anschauen. Nicht vergessen, "Der Marshall", die Schießerei auf der Waldlichtung gegen Ende des Films, begeistert mich noch heute.
    Grüße Klaus

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  3. Den "Marshal" mag ich auch als Nicht-Western-Fan, der hat mich in der Jugend schwer mitgenommen. LG, Mathias

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