Dienstag, 29. Mai 2012

In Freundschaft verbunden (1943)

Kit Marlowe (Bette Davis) und Millie Drake (Miriam Hopkins) sind beste Freundinnen seit Kindheitstagen, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die bescheidene und intellektuelle Kit hat einen von Kritikern geschätzten, aber erfolglosen Roman veröffentlicht, während Millie - auch aus Eifersucht heraus - zur erfolgreichen Schmonzetten-Autorin aufsteigt. IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN (Old Acquaintance) schildert über 20 Jahre die stürmische Freundschaft, in der Kit viele Opfer auf sich nehmen muss, während die extrovertierte Millie mit ihrem schrillen, selbstsüchtigen Gehabe alle Menschen in ihrer Umgebung, inklusive Mann und Kind, vergrault. Am Ende bleibt ihr nur... Kit.

Nach dieser kurzen Inhaltsbeschreibung sollte man annehmen, dass die Rolle der Millie sehr viel mehr hergibt als die der Kit, und tatsächlich ergreift Miriam Hopkins divenhaft jede Gelegenheit, ihre Co-Stars an die Wand und aus dem Film zu spielen. Als hysterische Millie darf sie herumkreischen, flirten, glamouröse Garderobe tragen und Overacten, was das Script hergibt. Dennoch ist IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN Bette Davis' Film, die besonders in der ersten Hälfte als burschikose, moderne Kit begeistert. Nicht nur sieht sie mit ihrem schlichten Look bei weitem besser aus als die herausgeputzte Hopkins, ihr Understatement und die ruhige Gelassenheit wirken ungemein anziehend. Natürlich ist sie auch die klare Sympathiefigur und hat die Gunst des Publikums stets auf ihrer Seite, während Hopkins ein menschliches Monster darstellt, das nur an sich selbst denkt und alle zur Verzweiflung oder in den Suff treibt. Es hilft auch, dass Hopkins in der zweiten Filmhälfte deutlich weniger Szenen bekommt - auch weil man solche Frauen nur in geringen Dosen ertragen kann.

Bette Davis darf hier wieder die Masochistin geben, die sich viel gefallen lässt (bis zur großen Auseinandersetzung, aber dazu gleich mehr), zweimal für Hopkins eine große Liebe aufgibt und doch stolz und aufrecht bleibt, weil sie die menschlichere der beiden ist, weil sie verzeihen kann und weiß, was Güte bedeutet. Für einen Film der 40er ist es übrigens erstaunlich, dass beide am Ende ohne Männer dastehen, für einen heutigen Film wäre das schlicht undenkbar. Wirft man mal einen radikalen Blick in die Gegenwart auf - sagen wir - "Sex and the City", wo es ebenfalls um Frauenfreundschaft und Solidarität geht, stellt man schnell fest, dass am Ende doch so ziemlich jeder Topf seinen Deckel abkriegt, und dass Freundschaft schön und gut ist, noch besser aber ist eine Liebesbeziehung. IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN bringt das sogar zum Ausdruck, wenn am Ende Hopkins sagt, die Leser ihrer Romane würden ihr nie ein Ende abkaufen, in dem die Frauen alleine blieben - woraufhin Davis lächelnd anmerkt, es wäre vielleicht Hopkins' erster Schritt in Richtung anspruchsvollerer Unterhaltung.

IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN basiert auf einem Theaterstück und ist erwartungsgemäß ein dialoglastiges Drama, das alle aufwändigen Szenerien - wie Parties und Theaterpremieren - überspringt und sich auf die Szenen davor und danach beschränkt. Diese Konzentration sorgt für einen sehr geschlossenen Film, der beiden Darstellerinnen reichlich Gelegenheit bietet, ihr Können zu zeigen. Über die Feindschaft von Hopkins und Davis, die bereits in "Die alte Jungfer" (1939) das 'Vergnügen' hatten, miteinander zu spielen, ist viel geschrieben worden. So hat Bette Davis stets über Hopkins gesagt, dass sie sie als Schauspielerin respektiere und sie ein charmanter Mensch sei, mit ihr zu arbeiten sei allerdings eine ganz andere Geschichte. Von diesem Zickenkrieg merkt man übrigens im Film nicht die Spur, das zeichnet große Schauspielerinnen aus. Wenn aber Davis als Kit in der großen Auseinandersetzung endlich zurückschlägt, Hopkins packt und kräftig durchschüttelt, dann kann man sich vorstellen, welche Freude ihr das bereitet haben muss.

Neben den stürmischen Auseinandersetzungen der beiden Hauptfiguren gibt es noch genügend melodramatische Wendungen, Liebeserklärungen und emotionale Konflikte, dass besonders das weibliche Publikum, für das er in erster Linie konzipiert wurde, begeistert sein dürfte. Die Männer verblassen im Vergleich. Hauptdarsteller John Loder funktioniert, bleibt aber uncharismatisch, dafür kann der junge Gig Young in einer Nebenrolle als Davis' jugendlicher Lover (der sie selbstverständlich für eine Jüngere aufgibt) punkten. Regisseur Vincent Sherman setzt ganz auf die Anziehung seiner Stars, und die guten Dialoge und amüsanten Spitzen machen IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN zu erstklassiger Unterhaltung.

Das versöhnliche Ende wirft dazu einige interessante Fragen über die Natur von Freundschaften auf. Man wundert sich zunächst, dass die Davis reumütig zu Hopkins zurückkehrt und ihr alles verzeiht. Offensichtlich braucht aber die Freundschaft der beiden einen dominierenden und einen unterlegenen Part - einen, der immer gibt, und den anderen, der immer nimmt und alle Aufmerksamkeit braucht. So wie die Frauen gestrickt sind, sind sie ideal füreinander. Das wirkt zunächst ein kleines bisschen zynisch oder desillusionierend, doch bei genauerer Betrachtung steckt in dieser Darstellung eine positive Botschaft. Freundschaft bedeutet hier, dass man die Fehler und Schwächen des anderen kennt, akzeptiert und ihm trotzdem weiterhin zur Seite steht - selbst wenn er sich so unmöglich benimmt wie Miriam Hopkins, die selbst eingefleischte Pazifisten zur Mordlust treiben würde.

IN FREUNDSCHAFT VERBUNDEN war ein populärer Hit und hat viele spätere Filme wie die Bette Midler-Schmonzette "Freundinnen" (1988) oder - deutlich künstlerischer - Almodóvars "Mein blühendes Geheimnis" (1995) beeinflusst. Ein offizielles Remake gab es 1981 unter dem Titel "Rich and Famous" ebenfalls.
Leider ist der Klassiker bislang nicht auf DVD erschienen, ich konnte ihn aber kürzlich im Nachtprogramm (gegen 2:00 Uhr früh!) von 3SAT erwischen, als Teil einer Bette Davis-Filmnacht. Man darf froh sein, dass es überhaupt noch Sendetermine für derart gute Filme gibt. Warum man diese dem Publikum vor Mitternacht nicht 'zumuten' möchte, das weiß der Himmel.

8.5/10

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